Epigenetik statt Pap- und HPV-Test? Neue Methode zum Aufspüren von Gebärmutterhalskrebs bewährt sich in großer Studie

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

8. Januar 2019

Tests, die ein Zervixkarzinom aufgrund epigenetischer Veränderungen in den Zellen des Gebärmutterhalses vorhersagen, könnten früher oder später sowohl den Pap-Abstrich als auch den HPV-Test ablösen. Zumindest hat sich eine spezielle Methode dieses Untersuchungsverfahrens in einer britisch-kanadischen Studie jetzt erneut bewährt.

Wie die Forscher um den Erstautor der Publikation, Darrel Cook vom BC Centre for Disease Control und der BC Cancer Agency in Vancouver, British Columbia, im International Journal of Cancer berichten, konnte der verwendete Test, ein sogenannter S5-Classifier, bei den mehr als 15.000 kanadischen Teilnehmerinnen des „HPV FOCAL Randomized Clinical Trial“ sämtliche Tumore des Gebärmutterhalses vorhersagen, die sich in einem Zeitraum von 5 Jahren entwickelten [1].

 
Der in der Studie verwendete Test ist nur einer von mehreren, die das Prinzip der epigenetischen Modifikation … zum Nachweis einer Progression zum Zervixkarzinom nutzt. Dr. Andreas Kaufmann
 

Insbesondere aber – denn darauf lag das spezielle Augenmerk der aktuellen Studie – hätten sich mit dem Test bei 257 HPV-positiven Frauen 93% der hochgradigen zervikalen Läsionen (CIN3+) aufspüren lassen, schreiben Cook und seine Kollegen. Damit sei das Verfahren, das nach Methylgruppen auf der DNA sucht, mit deren Hilfe die Aktivität von Genen reguliert wird, trotz geringerer Kosten dem Pap-Abstrich und dem HPV-Test überlegen, schlussfolgern die Wissenschaftler. Finanziert wurde ihre Untersuchung von den Canadian Institutes for Health Research und der Cancer Research UK.

Ein zuverlässiges Ergebnis mit nur einer Untersuchung

„Der in der Studie verwendete Test ist nur einer von mehreren, die das Prinzip der epigenetischen Modifikation, also der Methylierung der DNA an regulatorischen Sequenzen, zum Nachweis einer Progression zum Zervixkarzinom nutzt“, erläutert Dr. Andreas Kaufmann, der Leiter der Arbeitsgruppe Gynäkologische Tumorimmunologie an der Klinik für Gynäkologie der Berliner Charité, Campus Benjamin Franklin. Alternative Tests seien der GynTect® des Herstellers Oncgnostics und der QIAsure® von Qiagen.

Dr. Andreas Kaufmann

„All diese Tests eignen sich HPV-unabhängig zur Detektion eines Zervixkarzinoms“, sagt Kaufmann. Entscheidend für das Screening sei es allerdings, die behandlungsbedürftigen Krebsvorstufen (CIN3+) aufzuspüren, bevor ein invasiver Tumor entstehe. „Zwar weisen die neueren Verfahren auch bei den Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs eine hohe Sensitivität auf“, sagt der Wissenschaftler. Wichtig ist Kaufmann zufolge jedoch vor allem der positive prädiktive Wert, kurz PPV – der darüber Auskunft gibt, ob die positiv getesteten Frauen auch wirklich eine Krebsvorstufe haben oder in Zukunft daran erkranken.

„Und hierbei liefert der S5-Test – wie die aktuelle Untersuchung an einer Stichprobe von Frauen mit bekannter Erkrankung, verblindet für die Untersucher, gezeigt hat – keine besseren Ergebnisse als die Kombination von Pap- und HPV-Test“, betont der Charité-Mediziner. Der Vorteil der neueren Methode bestehe vor allem darin, dass das Ergebnis in einem einzigen Test erhoben werden könne und es keine 2 Verfahren zum Nachweis brauche.

 
Hierbei (im positiv prädiktiven Wert) liefert der S5-Test – wie die aktuelle Untersuchung an einer Stichprobe von Frauen mit bekannter Erkrankung … gezeigt hat – keine besseren Ergebnisse als die Kombination von Pap- und HPV-Test. Dr. Andreas Kaufmann
 

Initialzündung durch epigenetische Veränderungen

Der Seniorautor der aktuellen Studie, Prof. Dr. Attila Lorincz vom Wolfson Institute of Preventive Medicine der britischen Queen Mary University of London, der auch an der Entwicklung des ersten HPV-Tests im Jahr 1988 beteiligt war, spricht in einer Pressemitteilung seiner Universität von einer enormen Entwicklung. Er selbst sei nicht nur erstaunt darüber, wie gut der Test Gebärmutterhalskrebs aufspüre. Erstmals habe man zudem mithilfe klinischer Daten die Schlüsselrolle belegen können, die epigenetische Veränderungen in den Zellen bei der Entwicklung solider Tumore spielten, sagt Lorincz.

Anders als die meisten Mediziner und Wissenschaftler bislang dächten, gebe es mehr und mehr Evidenz dafür, dass es tatsächlich epigenetische Veränderungen und nicht DNA-Mutationen seien, die frühe Stadien einer ganzen Reihe von Krebsarten initiierten, so Lorincz – unter anderem auch Tumore des Anus, des Rachens, des Darms und der Prostata.

Der neue Test konnte die meisten Krebsvorstufen aufspüren

Mit dem gängigen Pap-Abstrich, bei dem unter dem Mikroskop nach Auffälligkeiten der entnommenen Zellen geguckt wird, werden den Angaben der Pressemitteilung zufolge nur etwa 50% aller Krebsvorstufen des Gebärmutterhalses entdeckt. Der HPV-Test, der nach Erbmaterial der humanen Papillomviren (HPV) sucht, die bekanntlich nahezu alle Fälle von Gebärmutterhalskrebs auslösen, ist zwar empfindlicher, führt aber auch zu vielen Überdiagnosen. Denn insbesondere bei jungen Frauen sind HPV-Infektionen sehr verbreitet und heilen meist folgenlos wieder aus.

Von den 15.744 am „HPV FOCAL Randomized Clinical Trial“ teilnehmenden Frauen entwickelten 8 Probandinnen während der 5-jährigen Beobachtungszeit ein invasives Zervixkarzinom. Der neue Test konnte alle 8 Patientinnen aufspüren, auch solche, die ein schwer zu diagnostizierendes Adenokarzinom entwickelt hatten – während der Pap-Abstrich nur bei 2 und der HPV-Test bei 4 der Frauen ein positives Ergebnis hervorbrachten.

 
Der besondere Vorteil der Methode kann das Auffinden von denjenigen Krebsvorstufen sein, die tatsächlich ein Risiko der Progression zum invasiven Karzinom bergen. Dr. Andreas Kaufmann
 

Cook und seine Kollegen nahmen aus der großen Zahl der Probandinnen 257 HPV-positiv getestete Frauen im Alter zwischen 25 und 60 Jahren in einer verblindeten Fall-Kontroll-Studie näher unter die Lupe. Wie sie berichten, konnte der neue Test 93% der hochgradigen zervikalen Läsionen (CIN3+) bei diesen Frauen aufspüren. Mit der Kombination von Pap- und HPV-Test gelang dies bei 86% der Frauen und mit einem Pap-Abstrich allein nur bei 61% der Frauen. Der PPV lag mit dem S5-Classifier bei 18% und mit der Pap-/HPV-Kombination bei 19%.

Eine Revolution im Screening auf Gebärmutterhalskrebs?

Der neue Test werde das Screening revolutionieren, ist der Londoner Mediziner Lorincz überzeugt. Die Methode sei besser als alles andere, was in Großbritannien derzeit angeboten werde. Allerdings könne es noch mindestens 5 Jahre dauern, bis sich das Verfahren in der Praxis etabliert habe.

Er und seine Kollegen gehen davon aus, dass sich mit der Verwendung von S5-Classifiern und vergleichbaren Tests die Zahl der nötigen Vorsorgeuntersuchungen und weitergehender Arztbesuche reduzieren lässt und dass hochgradige Läsionen des Gebärmutterhalses frühzeitig aufgespürt werden können. Und wenn die neue Methode erst vollständig eingeführt sei, schreiben die Wissenschaftler, wäre sie zudem kostengünstiger als die jetzigen Screening-Verfahren.

„Der besondere Vorteil der Methode kann das Auffinden von denjenigen Krebsvorstufen sein, die tatsächlich ein Risiko der Progression zum invasiven Karzinom bergen“, ergänzt der Charité-Experte Kaufmann. „Damit werden diejenigen Vorstufen, die spontan ausheilen, nicht erfasst – was zu einer Entlastung des Gesundheitssystems und vor allem zu einer Reduktion von unnötigen Therapien führen kann.“
 

Kommentar

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