Die „gegenwärtig beste Evidenz“ dafür, dass die Grippeimpfung bei Herzinsuffizienz Leben retten kann

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

4. Januar 2019

Das Risiko für schwere oder tödliche Verläufe einer Influenza ist bei Herzinsuffizienz-Patienten erhöht, eine Grippeschutzimpfung deshalb die naheliegende Konsequenz. Aber werden die geschwächten Herzen der Patienten tatsächlich durch die Impfung geschützt?

Die Autoren einer landesweiten Kohortenstudie aus Dänemark, die erstmals den Effekt der Impfung speziell bei Patienten mit Herzinsuffizienz untersucht haben, sagen „Ja“ [1]. So verminderte sich bei den über 130.000 Herzpatienten in ihrer Beobachtungsstudie nach mindestens einer Impfung nicht nur die Gesamtmortalität, sondern auch die kardiovaskuläre Mortalität um 18%. Der schützende Effekt verstärkte sich zudem, wenn sich die Patienten regelmäßig und/oder besonders früh in der Grippesaison impfen ließen.

Daniel Modin von der Kopenhagener Universität und seine Mitarbeiter plädieren deshalb im British Medical Journal dafür, die Grippeimpfung in die Behandlungsleitlinien für Herzinsuffizienz-Patienten mit aufzunehmen. Aus ihrer Sicht gibt es dafür nun ausreichend Evidenz.

Prof. Dr. Thomas Eschenhagen

Auch nach Ansicht von Prof. Dr. Thomas Eschenhagen, Leiter des Instituts für Experimentelle Pharmakologie und Toxikologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, würden die Ergebnisse für eine allgemeine Impfempfehlung für diese Patientengruppe ausreichen. Allerdings griffen bei der vorliegenden Untersuchung die gleichen Einschränkungen wie bei jeder retrospektiven Studie. „Eine Assoziationsstudie kann keine kausalen Zusammenhänge nachweisen“, sagt er.

 
Es sind Zweifel an den vorliegenden Studienergebnissen – bis sie von einer prospektiven Studie bestätigt werden – noch erlaubt. Prof. Dr. Thomas Eschenhagen
 

Gerade auch das Herausrechnen möglicher Confounder sei bei retrospektiven Studien schwer, so Eschenhagen gegenüber Medscape. Die Autoren der vorliegenden Studien hätten dies zwar versucht (u.a. über Medikation, Einkommen, Ausbildungsstand). Allerdings sei auffällig gewesen, dass Patienten, die sich häufiger impfen ließen, im Schnitt auch etwas gebildeter gewesen seien.

„Menschen in höheren sozialen Schichten bewegen sich beispielsweise mehr und ernähren sich besser als der Bevölkerungsschnitt“, erklärt das Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung und Vorsitzender des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung. Solche Charakteristika wirkten sich ebenfalls auf die Sterblichkeit aus. „Deshalb sind Zweifel an den vorliegenden Studienergebnissen – bis sie von einer prospektiven Studie bestätigt werden – auch noch erlaubt.“

Die Impfung schützt das geschwächte Herz

Die Wissenschaftler um Modin haben die Daten von 134.048 Patienten ausgewertet, bei denen zwischen 2003 und 2015 eine chronische Herzinsuffizienz diagnostiziert worden war. 77.956 (58%) der Patienten starben, davon 47.966 (36%) an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Bei Patienten, die nach der Diagnose an mindestens einer Grippeimpfung teilgenommen hatten, verringerte sich sowohl die Gesamtsterblichkeit als auch die kardiovaskuläre Mortalität um 18% (im Vergleich zu nicht geimpften Personen).

 
Bei Patienten mit koronaren Herzerkrankungen reduziert die Grippeschutzimpfung das Herzinfarktrisiko, indem sie die infektiöse Entzündungslast reduziert. Prof. Dr. Thomas Eschenhagen
 

Die Grippeimpfung scheint also auch ganz konkret das geschwächte Herz zu schützen. Ein Effekt, der bereits bei anderen Herzerkrankungen belegt sei, so Eschenhagen. „Bei Patienten mit koronaren Herzerkrankungen reduziert die Grippeschutzimpfung das Herzinfarktrisiko, indem sie die infektiöse Entzündungslast reduziert. Ein Effekt, der vermutlich auch bei den Herzinsuffizienz-Patienten zum Tragen kommt.“

Mit der Zahl der Impfungen nahm zudem die Schutzwirkung zu: Während eine einzelne Impfung das Sterberisiko um 11% senkte, verringerte es sich bei mehr als 3 Impfungen um 28% (Gesamtsterblichkeit) bzw. 29% (kardiovaskuläre Sterblichkeit). Auch besonders frühzeitige Impfungen im September und Oktober erhöhten die Schutzwirkung der Impfung (-22% Mortalität im September; -18% im Oktober).

Sprunghafter Anstieg der Impfrate bleibt unerklärt

Die jährliche Impfrate stieg dabei der Analyse der Abrechnungsdaten der Hausärzte zufolge in dem Studienzeitraum von 16% (im Jahr 2003) auf 52% (2015), mehr oder weniger linear. Eine Ausnahme stellen die Jahre 2006 bis 2008 dar; in diesen Jahren erhöhte sich die Impfrate sprunghaft von knapp 30% auf über 50%.

Eschenhagen: „Der sprunghafte Anstieg der Impfrate in den Jahren ist auffällig und kann von den Autoren nach eigenen Angaben nicht erklärt werden. Wurden tatsächlich mehr Impfungen durchgeführt oder – z.B. durch einen Systemwechsel – mehr Impfungen durch die Hausärzte rapportiert? Gab es vielleicht eine Impfkampagne?“ Offene Fragen, die ebenfalls die Aussagekraft der Studie einschränken würden, zumal die Mortalität nicht zeitgleich sprunghaft abgesunken sei.

Letztlich sagt aber auch Eschenhagen, dass die Studie die gegenwärtig beste Evidenz pro Impfung liefern würde und ein guter Grund sei, die ohnehin bei älteren Patienten empfohlene Grippeschutzimpfung gerade bei den Herzinsuffizienz-Patienten konsequent durchzuführen.

 

Kommentar

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