Forderung des Marburger Bunds für 2019: 5 Prozent mehr Geld und vor allem realistische Erfassung der Arbeitszeit

Christian Beneker

Interessenkonflikte

3. Januar 2019

Am Dienstag vor Weihnachten gab der Marburger Bund (MB) seine Forderungen bekannt, die er in den anstehenden Tarifverhandlungen für die 55.000 Ärztinnen und Ärzte in den rund 500 kommunalen Krankenhäusern erheben will. Die Arbeitgeberseite von der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) reagierte prompt: Die Forderungen des Marburger Bundes seien „untragbar“, teilte der Verband ebenfalls am Dienstag in einer Pressemeldung mit.

 
Wir brauchen eine objektive, automatisierte und manipulationsfreie Arbeitszeiterfassung in den Krankenhäusern. Dr. Andreas Botzlar
 

So will der MB in den kommenden Tarifverhandlungen im Januar 2019 unter anderem die korrekte Erfassung der Arbeitszeit von Krankenhausärzten fordern. Immer noch gebe es in den verschiedenen Kliniken ganz unterschiedliche Arten der Zeiterfassung ärztlicher Dienste. „Das geht vom handschriftlichen Zettel bis hin zum Computerprogramm“, sagt Dr. Andreas Botzlar, 2. Vorsitzender des MB, zu Medscape.

Allerdings schneiden viele computergestützte Zeitmessungen die verzeichneten Dienstzeiten einfach nach 10 Stunden automatisch ab. „Weil es nicht legal ist, länger als 10 Stunden am Stück zu arbeiten, können die Ärzte sich ein- und ausstempeln, wann sie wollen“, berichtet Botzlar. „Am Ende kommt nie eine Anwesenheit von länger als 10 Stunden heraus, weil der Computer so programmiert ist, den Rest zu kappen.“ Diese Verhältnisse seien keine Einzelfälle, sondern „allgemeine Übung“, kritisiert der MB-Vize.

Verbindliches Zeiterfassungssystem

Um die Überstunden-Flut einzudämmen, fordert der MB nun anlässlich der Tarifverhandlungen ein verbindliches Zeiterfassungssystem in allen Krankenhäusern. „Wir brauchen eine objektive, automatisierte und manipulationsfreie Arbeitszeiterfassung in den Krankenhäusern. Ohne solche vom Marburger Bund lizensierten Systeme werden wir die Anordnung von Bereitschaftsdienst nicht mehr erlauben“, so Botzlar. Das Ziel: die komplette Anwesenheitszeit der Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus als Arbeitszeit zu werten.

Außerdem soll die Anordnung von Bereitschaftsdiensten an eine Reihe neuer Bedingungen geknüpft werden: Monatlich sollen 2 Wochenenden (Freitag 18 Uhr bis Montag 7 Uhr) von allen Diensten freigehalten werden und der Dienstplan soll 6 Wochen vor Inkrafttreten vorliegen. Zudem dürfe es im Anschluss an einen Bereitschaftsdienst auch keine regelmäßige Arbeitszeit mehr geben.

Die Forderungen dürften ganz auf der Linie der Ärzte liegen. Sie wollen weniger arbeiten. Die letzte Befragung von mehr als 6.000 Ärzten durch den MB ergab, dass die tatsächliche Arbeitszeit der Mediziner inklusive aller Dienste im Schnitt bei 51,4 Wochenstunden liegt. Jeder 5. arbeitet sogar 60 bis 80 Stunden. Im Schnitt machen die Ärzte 6,8 Überstunden pro Woche.

Dabei klaffen hinsichtlich der Arbeitszeit Wunsch und Wirklichkeit meilenweit auseinander, so die Befragung von 2017: 90% der Ärzte möchten nicht länger als maximal 48 Wochenstunden arbeiten. Wegen der angespannten Dienste gingen viele junge Mediziner lieber in Teilzeit, was die Situation in den Krankenhäusern weiter verschärfe.

Außerdem machen überarbeitete Ärzte mehr Fehler, so der MB. „Die heutige Arbeitszeitgestaltung von Ärztinnen und Ärzten im Krankenhaus nimmt aber auf arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse viel zu wenig Bezug. Stattdessen sind kurzfristige Dienstverpflichtungen an eigentlich freien Tagen eher die Regel als die Ausnahme“, sagt der MB-Bundesvorsitzende Rudolf Henke.

Neben besseren Arbeitsbedingungen fordert der MB auch mehr Gehalt. „Es versteht sich von selbst, dass auch die angestellten Ärztinnen und Ärzte in den kommunalen Krankenhäusern an der allgemeinen Tarifentwicklung teilhaben müssen“, so der MB. Das Gehalt soll deshalb bei einer Laufzeit von einem Jahr um linear 5 Prozent steigen, so die MB-Forderung.

Im angeordneten Bereitschaftsdienst sollen die Entgelte ebenfalls „im Gleichklang mit den Gehältern um 5 Prozent steigen“, sagt Hans-Jörg Freese, Sprecher des MB, zu Medscape.

VKA: MB-Forderungen „nicht leistbar“

Dr. Dirk Tenzer, Verhandlungsführer der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA), kritisiert die Forderungen des MB. „Diese Forderungen sind für die Krankenhäuser nicht leistbar und sprengen jeglichen Rahmen“, so Tenzer laut der Pressemeldung des VKA.

Die VKA hat errechnet, dass die Tarifrunde nach dem Gusto des MB die Arbeitgeber insgesamt 521 Millionen Euro zusätzlich kosten würde, „was bei der geforderten Laufzeit von einem Jahr im Schnitt einer prozentualen Mehrbelastung von rund 9,5 Prozent entspricht“, heißt es.

 
Diese Forderungen sind für die Krankenhäuser nicht leistbar und sprengen jeglichen Rahmen. Dr. Dirk Tenzer
 

Dabei habe der Gesetzgeber vorgeschrieben, dass im Jahr 2019 eine Preissteigerung von 2,65% nur dann erlaubt sei, wenn die Häuser diese zusätzlichen Kosten an anderer Stelle ausgleichen können. Dazu sehen sich die Krankenhäuser aber nicht in der Lage.

Wenn zudem die Krankenhäuser die Bereitschaftsdienste an die vom MB geforderten Bedingungen knüpfen würden, „könnte es hier zu erheblichen Einschnitten kommen“, so die VKA. Der Arbeitsmarkt biete nicht genügend Ärztinnen und Ärzte, um zusätzliche Kapazitäten abzudecken, wie die VKA betont.

Die Tarifverhandlungen für die Ärztinnen und Ärzte an kommunalen Krankenhäusern (Tarifvertrag: TV-Ärzte/VKA) beginnen am 21. Januar 2019 in Berlin. Sie werden dann am 20./21. Februar und 11./12. März 2019 fortgeführt.
 

Kommentar

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