Milliarden-Geschäft Erdnussallergie? Erstes orales Immuntherapeutikum hat seine Wirksamkeit bei Kindern belegt

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

20. Dezember 2018

Gute Nachrichten für Erdnussallergiker: Die gerade im The New England Journal of Medicine veröffentlichte Phase-3-Studie PALISADE hat gezeigt, dass eine orale Immuntherapie die Risiken einer versehentlichen Exposition bei allergischen Kindern und Jugendlichen signifikant senken kann [1]. So waren 2 Drittel der Studienteilnehmer nach einem Jahr in der Lage, die äquivalente Menge von 4 Erdnüssen ohne dosislimitierende Symptome zu tolerieren.

 
In der Studie wurde erstmals ein kommerzielles Produkt zur kausalen Behandlung einer Nahrungsmittelallergie verwendet. Dr. Lars Lange
 

Die zusätzliche Besonderheit der Studie stellt Dr. Lars Lange, Oberarzt in der Fachabteilung für Kinder- und Jugendmedizin am St. Marien-Hospital in Bonn, im Gespräch mit Medscape heraus: „In der Studie wurde erstmals ein kommerzielles Produkt zur kausalen Behandlung einer Nahrungsmittelallergie verwendet“, erklärt der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Pädiatrische Pneumologie und Allergologe. Die hohe Kunst sei es gewesen, aus einer Erdnuss ein standardisiertes Produkt – AR101 genannt – zu machen.

Das Milliarden-Dollar-Produkt

Tatsächlich wurde man auf die Möglichkeit der oralen Immuntherapie bei Erdnussallergie bereits durch die Ergebnisse der 2014 im The Lancet publizierten STOP-II-Studie aufmerksam. Bei dieser Studie wurde den Studienteilnehmern von den Wissenschaftlern allerdings selbst hergestelltes Erdnussmehl mit der Nahrung verabreicht.

Die Problematik einer solchen Vorgehensweise stellt Dr. Michael R. Perkin von der St. George’s University London in dem begleitenden Editorial heraus [2]. So seien Fehler in der initialen Dosierung wahrscheinlicher, wenn die Allergiezentren das Erdnussmehl jeweils selbst abwiegen – anstatt ein sorgfältig hergestelltes Produkt wie AR101 zu verwenden. Die am niedrigsten dosierten AR101-Kapseln enthielten 0,5 und 1 mg Erdnussprotein – eine Menge, die ohne AR101 sehr schwer regelmäßig in exakt der gleichen Dosierung zu verabreichen ist, so der Kinderallergologe.

 
Der potenzielle Markt für ein solches Produkt wird auf Milliarden Dollar geschätzt. Dr. Michael R. Perkin
 

1 bis 2% der Kinder im anglo-amerikanischen Raum reagieren allergisch auf Erdnüsse; in Deutschland sind es laut Lange etwa 0,2%, Tendenz steigend. Für das herstellende Unternehmen Aimmune Therapeutics könnten deshalb goldene Zeiten anbrechen. „Der potenzielle Markt für ein solches Produkt wird auf Milliarden Dollar geschätzt“, schreibt Perkin. In der STOP-II-Studie habe die Herstellung des Erdnussmehls dagegen im wahrsten Sinne des Wortes nur „Peanuts“ gekostet.

Jeden Tag eine Erdnuss

Durchgeführt wurde die doppelblinde Placebo-kontrollierte Studie an 66 Allergiezentren in Europa und Nordamerika. 551 Personen, darunter 496 Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 17 Jahren, nahmen an der Studie teil. Voraussetzung für die Teilnahme waren vorangegangene klinische Symptome einer Erdnussallergie sowie der Nachweis von Erdnuss-spezifischem IgE im Serum und/oder ein positiver Pricktest. Beim Eingangsscreening, einem oralen Provokationstest, zeigten alle Teilnehmer allergische Reaktionen nach der Aufnahme von maximal 100 mg Erdnussprotein (das entspricht in etwa einem Drittel einer Erdnuss).

Dr. Lars Lange

Die Teilnehmer erhielten nun täglich das Medikament AR101 oder ein Placebo (3:1-Ratio). Die Mitglieder der Medikamentengruppe nahmen an Studientag 1 zunächst steigende Dosierungen des Erdnussproteins (0,5-6,0mg) ein. In der Folgezeit wurde die Dosierung alle 2 Wochen graduell auf 300 mg (entspricht einer Erdnuss) erhöht. Diese Dosierung wurde über weitere 24 Wochen beibehalten.

Als primärer Endpunkt galt die Aufnahme von 600 mg Erdnussprotein mit maximal milden Symptomen während eines oralen Provokationstests nach 12 Monaten.

Höhere Toleranz und mildere Symptome

Die Ergebnisse der Studie sind vielversprechend: Durch die Behandlung mit AR101 konnte bei vielen Teilnehmern die Toleranz gegenüber dem Allergen erhöht sowie der Schweregrad der Symptome vermindert werden.

So vertrugen zum Abschluss der Studie 250 von 372 (67,2%) der Kinder und Jugendlichen, die täglich das Medikament AR101 erhalten hatten, die äquivalente Menge von 2 Erdnüssen (600 mg Erdnussprotein). In der Placebo-Gruppe erreichten dies nur 5 von 124 Teilnehmern (4%). Jeder Zweite in der Medikamenten-Gruppe (50,3%) konnte sogar die höchste getestete Dosis von 1.000 mg ohne dosislimitierende Symptome konsumieren, im Vergleich zu 2,4% in der Placebo-Gruppe.

Gleichzeitig zeigte ein Drittel der Studienteilnehmer (34,7%) in der Medikamenten-Gruppe in der Interventionsphase maximal milde Symptome; moderate (bzw. schwere) Symptome traten bei 59,7% (bzw. 4,3%) der Allergiker auf. Und auch beim abschließenden Provokationstest wiesen 25% bzw. 59,7% der Teilnehmer in der Medikamenten-Gruppe nur milde bzw. moderate allergische Reaktionen auf. Bei 4,3% wurden die Symptome als schwer eingestuft.

Nun sollte aber keiner denken, er könne die Desensibilisierung in Eigenregie zuhause durchführen, wie Perkin im Editorial warnt. So hatten Nebenwirkungen immerhin auch bei 11,6% der Teilnehmer in der Medikamentengruppe zum Studienabbruch geführt; 14% benötigten aufgrund allergischer Reaktionen im Verlauf der Studie Adrenalin. Zum Vergleich: In der Placebo-Gruppe brachen nur 2,4% der Teilnehmer die Studie ab, Adrenalin wurde 6,5% der Teilnehmer verabreicht.

Erhöht sich wirklich die Lebensqualität bei allen Patienten?

Die Ergebnisse zeigen letztlich, dass es zumindest für einige Menschen möglich ist, die Toleranz gegen Erdnussprotein zu erhöhen und somit einen Schutz vor der versehentlichen Aufnahme des Allergens aufzubauen (bei erwachsenen Studienteilnehmern über 18 Jahren erbrachte die orale Immuntherapie aus noch unbekannten Gründen keinen messbaren Effekt).

Im Schnitt, so erklärt es Prof. Dr. Stephen Tilles, Co-Autor von der University of Washington und ehemaliger Präsident des American College of Allergy, Asthma and Immunology (ACAAI), in einer Pressemitteilung des ACAAI, hätten die Teilnehmer nach 12 Monaten das 100-Fache an Erdnussprotein tolerieren können. Außerdem seien die allergischen Reaktionen trotz der 100-fachen Dosierung am Studienende milder gewesen.

Perkin ergänzt, dass vermutlich (Studiendaten fehlen dazu bislang) ein lebenslanger, regelmäßiger Konsum von Erdnussprotein nötig sein wird, um die Toleranz aufrecht zu erhalten. Viele Eltern würden dies angesichts der ansonsten drohenden allergischen Reaktionen jedoch als „einen kleinen Preis“ betrachten.

 
Was bringt die – nicht nebenwirkungsfreie – Therapie einem Patienten, der alle 10 Jahre versehentlich eine Erdnuss konsumiert und daraufhin mit Bauchschmerzen oder oralem Juckreiz reagiert? Dr. Lars Lange
 

Die Frage nach einer gestiegenen Lebensqualität durch die orale Immuntherapie sei jedoch noch nicht abschließend beantwortet, wirft Lange ein. Die Studie biete dazu kaum Daten. So drohe etwa längst nicht jedem Erdnussallergiker ein allergischer Schock, wenn mal aus Versehen eine Erdnuss verspeist werde, so der Bonner Experte. Außerdem ließe sich in der heutigen Zeit die zufällige Aufnahme des Allergens ganz gut vermeiden.

„Was bringt die – nicht nebenwirkungsfreie – Therapie einem Patienten, der alle 10 Jahre versehentlich eine Erdnuss konsumiert und daraufhin mit Bauchschmerzen oder oralem Juckreiz reagiert?“, fragt Lange.

Anders sehe es jedoch bei denjenigen Patienten aus, die trotz Beratung und Notfallmanagement jeden Tag in Angst vor einem anaphylaktischen Schock lebten. Diese Todesangst könnte diesen Patienten durch die Therapie (vermutlich) genommen werden. Die Entscheidung für eine Immuntherapie müsse deshalb immer individuell mit dem Patienten getroffen werden.

Die Einreichung der Zulassung dieser Arznei bei der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) ist aktuell für Ende 2018 geplant, die Einreichung bei der europäischen Behörde (EMA) für die erste Jahreshälfte 2019.

 

Kommentar

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