Von Sex-Robotern und Kuschel-Robben: Die Robotik hält Einzug in Psychiatrie und Psychotherapie

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

20. Dezember 2018

Berlin – Die digitale Welt erobert auch die Psychiatrie – und dies manchmal auch in Bereichen und mit Mitteln, deren Einsatz sich vielleicht dem unbedarften Beobachter nicht auf den ersten Blick erschließt. Die Robotik gehört hierzu. Auf jeden Fall war die Veranstaltung bei der diesjährigen DGPPN-Tagung zu „Robotik in Psychiatrie und Psychotherapie“ überfüllt [1]. Dazu könnte natürlich auch beigetragen haben, dass sich einer der angekündigten Vorträge mit dem Thema „Sexrobotik“ beschäftigten sollte …

Prof. Dr. Christiane Eichenberg, Fakultät für Medizin, Institut für Psychosomatik der Sigmund Freud PrivatUniversität in Wien, forscht – gemeinsam mit Cornelia Küsel, Universität der Bundeswehr München, – schon seit längerem auf diesem Gebiet. Dabei geht es, wie sie in Berlin erläutert hat, vor allem um den Einsatz „sozialer“ und „humanoider“ Roboter, die einerseits „greifbar“ sind, und andererseits auf die Menschen reagieren und mit ihnen interagieren können.

Zwar gibt es den „Robo-Therapeuten“ bislang noch nicht, aber Roboter können bereits als Mediator und Assistent unterstützend in der Behandlung eingesetzt werden, so Küsel. Anwendungsbeispiele gibt es in Altenheimen, bei Demenzerkrankungen und z.B. in der Autismus-Therapie von Kindern. Zwar ist die wissenschaftliche Evidenz zum Einsatz noch gering, doch Küsel fand bei einer umfassenden Literaturrecherche immerhin 17 Studien und eine Meta-Analyse zum Einsatz von Robotik als Teil psychotherapeutischer Prozesse und weitere Pilot- und experimentelle Studien.

Riesen-Teddybären und Kuschel-Robben im Altenheim

So bekamen z.B. in einer der Studien Altenheim-Bewohner einen Begleit-Roboter in Form eines riesigen kuscheligen Teddybären. Die Interaktion mit dem Teddy-Roboter rief bei den Teilnehmern starke emotionale Reaktionen hervor und verminderte signifikant Einsamkeitsgefühle, berichtete Küsel.

Relativ bekannt ist auch die Roboter-Robbe „Paro“. Die 60 cm lange plüschige Therapie-Robbe ist in Studien mit Demenzkranken getestet worden. Sie hat eine integrierte taktile Sensorik unter ihrem flauschigen Fell und kann so wahrnehmen, wenn sie gestreichelt wird. Darauf reagiert sie dann, sie gibt Laute ähnlich einem echten Robbenbaby von sich, bewegt Augen, Kopf und Schwanz. Sie reagiert zudem auf Geräusche und lernt Namen. Paro ist bereits in den 1990er Jahren entwickelt worden und wird auch in Deutschland in diversen Heimen eingesetzt.

Der Umgang mit den Tier-Robotern steigert laut Studien allgemein das Wohlbefinden, die Aktivität und die Kommunikation der Patienten. Es könne auch zum Aufbau einer Beziehung zwischen den älteren Menschen und dem Roboter kommen, berichtete Küsel.

Humanoide Roboter in der Autismus-Therapie

In der Autismus-Therapie von Kindern finden dagegen humanoide Roboter Anwendung. „Zeno“ hat ein Gesicht aus Silikon, Augen und eine dem Menschen ähnliche Mimik. „Autistische Kinder können mit ihm leichter interagieren als mit einem Menschen“, erläuterte Küsel. „Die Hemmschwelle ist niedriger.“

Die Psychologin Simone Kirst vom Institut für Psychologie, Humboldt Universität zu Berlin, erläuterte dies genauer: „Der soziale Roboter ist weniger komplex, seine Handlungen sind vorhersagbarer, wiederholbarer, weniger einschüchternd und stressend.“ Roboter könnten damit ideale Tutoren für das emotionale Training mit den Kindern sein. Durch die Interaktion mit „Zeno“ werden die autistischen Kinder dabei unterstützt, Emotionen zu erkennen.

 
Autistische Kinder können mit dem humanoiden Roboter leichter interagieren als mit einem Menschen. Cornelia Küsel
 

Weil der Roboter ein Gesicht und realistische Augen besitzt, können viele Gesichtszüge erkannt und imitiert werden. „Zeno“ kann zudem die Mimik seines Gegenübers erkennen und kommentieren. Die Kinder können so auf spielerische Art Emotionen und Mimik üben. Der Roboter sei dabei ein Weggefährte, der Raum zum Ausprobieren gebe, so Kirst. Tatsächlich könne der Roboter Engagement, Aufmerksamkeit und soziales Vertrauen steigern, das Kind lerne für Alltagssituationen – „Zeno“ wirke dabei wie „eine Trittleiter zur sozialen Interaktion mit Menschen“. Am Ende der Therapie müsse der Roboter dann aber wieder „ausgeschlichen“ werden.

Bislang gebe es dazu jedoch noch wenig Evidenz, berichtete die Psychologin. In den nächsten 3 Jahren soll aber im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Verbundprojekt ERIK (Entwicklung einer Roboterplattform zur Unterstützung neuer Interaktionsstrategien bei Kindern mit eingeschränkten sozio-emotionalen Fähigkeiten) eine neue Therapieform mit Hilfe eines robotischen Systems entwickelt und erprobt werden.

Sexrobotik – ist die Psychotherapie ein Anwendungsfeld? 

In den Bereich sozialer Interaktion fällt auch die Sexrobotik – „ein sehr kontrovers diskutiertes Anwendungsfeld“, wie Eichenberg in ihrem Vortrag betonte. Sex-Roboter werden dabei immer realistischer. Es gibt inzwischen „maßgeschneiderte“ Modelle, bei denen Körpertemperatur und Haptik angepasst wurden. Sie können sprechen, sich bewegen – „und sogar Orgasmen vorspielen“.

 
Der soziale Roboter ist weniger komplex, seine Handlungen sind vorhersagbarer, wiederholbarer, weniger einschüchternd und stressend. Simone Kirst
 

Erst vor wenigen Tagen hat die Firma Realbotix gemeldet, nun auch mit der Produktion des ersten Sex-Roboters für Frauen zu beginnen. „Henry“ ist etwa 1,80 Meter groß und kostet rund 10.000 Dollar. Auch er kann individualisiert werden, beispielsweise hinsichtlich des Penis. Aber man soll auch mit ihm kommunizieren können. 

Mögliche Einsatzgebiete von Sex-Robotern bestehen darin, Menschen mit sexuellen Funktionsstörungen oder sozialen Phobien zu helfen, so Eichenberg. Erzieherische bzw. therapeutische Sex-Roboter könnten auch Safer-Sex-Techniken vermitteln, die Behandlung von Orgasmus-Störungen unterstützen oder zur Verhütung sexueller Übergriffe (Pädophilie) beitragen – so zumindest die bislang (nur) theoretischen Überlegungen hierzu.

Eichenberg und ihre Kollegen haben zumindest schon einmal 2 Befragungen zur Akzeptanz von Sex-Robotern in der Therapie vorgenommen. 203 Teilnehmer aus der Allgemeinbevölkerung sowie 72 Psychotherapeuten nahmen teil. Die Akzeptanz wurde dabei ins Verhältnis gesetzt zu ebenfalls per Fragebogen erhobenen Persönlichkeitsmerkmalen, zu Bindungsstil und Technikaffinität.

Sex-Roboter: Was die Allgemeinbevölkerung und Therapeuten davon halten

In der Allgemeinbevölkerung gaben knapp 4% an, bereits Erfahrungen mit Sexrobotik zu haben, 82,3% fanden sie aber gesellschaftlich akzeptabel. Dies vor allem für körperlich eingeschränkte Personen (96%) und um sexuelle Phantasien auszuleben (90%). Abgelehnt wird von der Mehrheit jedoch, so einen menschlichen Sexualpartner dauerhaft zu ersetzen (79%) oder „anstrengende menschliche Intimität“ so vermeiden (58%).

Jeweils über 80% können sich vorstellen, durch Sex-Roboter ihr eigenes psychisches Wohlbefinden zu steigern oder ein sexuelles Problem wie Ejaculatio praecox anzugehen. Und immerhin knapp 60% können sich die Anwendung im Kontext einer psychotherapeutischen Behandlung vorstellen.

Unter den befragten Sexualtherapeut/innen konnten sich ungefähr die Hälfte einen Einsatz bei Patienten vorstellen, bei denen soziale Ängste ein Sexualleben verhindern oder die keinen Partner haben, aber nicht auf Prostitution und flüchtige Bekanntschaften zurückgreifen wollen. Ebenfalls etwa die Hälfte hielt auch einen Einsatz bei Ejaculatio praecox, gut jeder dritte auch zur Psychoedukation oder bei Orgasmusstörungen für denkbar.

Rund ein Drittel lehnt aber den Einsatz von Sex-Robotern in der Therapie generell ab; 2 Drittel halten ethische Probleme im Zusammenhang mit deren Verwendung für möglich, etwa Gewalt, Entmenschlichung, Vernachlässigung zwischenmenschlicher Beziehungen, Sucht oder die Förderung narzisstischer Motive.   

Es fand sich kein Zusammenhang mit Persönlichkeitsmerkmalen oder der Technikaffinität der Befragten, berichtete Eichenberg. Männer waren insgesamt der Sexrobotik gegenüber aufgeschlossener, Frauen befürchteten eher ethische Probleme.

Insgesamt, so konstatierte die Wiener Expertin gebe es bei der Sexrobotik neben Befürwortern auch sehr heftige Kritik. So gebe es z.B. schon seit Jahren auch Kampagnen gegen den Einsatz von Sexrobotern. Sie verwies jedoch darauf, dass im Allgemeinen nicht die Technik per se „gut“ oder „schlecht“ sei, sondern es auf den Kontext ankomme, in dem sie angewendet werde.

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Kommentar

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