Herztod auf dem Spielfeld: Neue Daten wecken Zweifel am Kardio-Checkup für Sportler

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

17. Dezember 2018

Trotz eines umfangreichen Kardio-Checkups inklusive EKG und Echokardiogramm sind in einer Langzeitstudie bei 6 von 595 norwegischen Fußballprofis lebensgefährliche kardiovaskuläre Ereignisse aufgetreten. Alle 6 Profis hatten negative Screening-Ergebnisse. Das zeige erneut, dass solche Sporttauglichkeitsuntersuchungen Risikofälle nicht zuverlässig herausfiltern können, schreibt das Forscherteam im British Journal of Sports Medicine [1]. Es hatte die Sportler 8 Jahre lang nach dem Screening beobachtet.

„Unsere Resultate deuten nochmals darauf hin, dass ein Standard-Screening mit Echokardiografie nicht alle strukturellen kardialen Anomalitäten ausschließen, die später zu ernsten kardiovaskulären Problemen inklusive einem Herzstillstand führen können“, betonen die Autoren um Dr. Hilde Moseby Berge, Sports Trauma Research Center, Abteilung Sportmedizin, Norwegian School of Sports Science, Oslo, Norwegen.

Wie effektiv ist der Kardio-Checkup?

Die Beobachtung englischer Jugendfußballer nach einem Checkup hatte ähnliche Erkenntnisse gebracht, wie Medscape berichtete . 6 Sportler hatten trotz negativem Screening-Ergebnis später einen plötzlichen Herztod erlitten.

Prof. Dr. Jürgen Scharhag

Klar werde durch diese Studie erneut, dass es keine 100%-ige Sicherheit gebe, bemerkte Prof. Dr. Jürgen Scharhag, Geschäftsführender Oberarzt und Bereichsleiter des Präventionszentrums am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, im Gespräch mit Medscape. „Ob das Screening trotzdem effektiv ist, müssen die Sportverbände beantworten. Die ethische Frage stellt sich, was effektiv ist, um ein Menschenleben zu retten.“

Eines der Hauptziele von Sportler-Screenings mit EKG und Echokardiografie ist es kardiovaskuläre Erkrankungen, die bei hoher sportlicher Belastung zum plötzlichen Herztod führen können, frühzeitig zu erkennen.

 
Die ethische Frage stellt sich, was effektiv ist, um ein Menschenleben zu retten.  Prof. Dr. Jürgen Scharhag
 

Noch immer würden die Sinnhaftigkeit dieser Screenings sowie der ideale Zeitpunkt, Wiederholungsintervalle und der notwendige Untersuchungsumfang kontrovers diskutiert, auch aufgrund möglicher falsch-positiver EKG-Befunde, schreiben Moseby Berge und Kollegen. Gefährlich seien falsch-negative Befunde. „Ein negatives Screening-Ergebnis könnten bei einem Athleten, der aus ärztlicher Sicht Sport treiben darf, dazu führen, dass er Symptome ignoriert und nicht rechtzeitig ärztliche Hilfe sucht“, befürchten sie.

Einer von 100 Profis mit Auffälligkeiten

In ihrer Studie wollten die Autoren den Anteil und die Auswirkungen falsch-negativer Befunde genauer zu beziffern. Sie beobachtet eine Gruppe von 595 männlichen Fußballprofis 8 Jahre lang. Plötzliche kardiovaskuläre Ereignisse zwischen 2008 und 2016 wurden aufgezeichnet.

Bei den Profis, im Schnitt 25 Jahre alt, führten „erfahrene Kardiologen“ im Jahr 2008 ein initiales, damals einmalig von FIFA und UEFA gefordertes kardiales Screening inklusive Ruhe-EKG und Echokardiografie durch. Sie bescheinigten bedenkenlose Spieltauglichkeit gemäß den Empfehlungen der European Society of Cardiology von 2005 zur Interpretation von Sportler-EKGs.

Bei dem Kardio-Checkup hatten 94,6% der Profis negative Screening-Ergebnisse. Die 32 Profis mit Auffälligkeiten wurden weiter untersucht, anschließend aber für spieltauglich erklärt. „Die Tatsache, dass diese Sportler herausgefiltert wurden, spricht schon für solche routinemäßigen Untersuchungen von Leistungssportlern“, sagt Scharhag.

Gemäß einer Internet- und Medienrecherche im Beobachtungszeitraum erlitten 6 von ihnen (1%) durchschnittlich 41 Monate nach dem Screening plötzliche kardiovaskuläre Ereignisse – alle 6 mit negativen Screening-Ergebnissen. 3 Spieler hatten einen plötzlichen Herzstillstand; alle 3 konnten reanimiert werden, 2 mittels AED. Die anderen 3 Spieler erlitten einen Herzinfarkt, eine vorübergehende ischämische Attacke (TIA) und Vorhofflattern.

Den klinischen Aufzeichnungen nach hatten 3 der betroffenen Spieler eindeutige Anzeichen eines kardiovaskulären Ereignisses – Brustschmerz, Parese, Atemnot oder eine beinahe Ohnmacht – zunächst ignoriert. 2 spielten trotz Symptomen weiter Fußball und in 3 Fällen leiteten Ärzte eine adäquate Behandlung erst mit Verzögerung ein.

Regelmäßige Wiederholung des Checkups nötig

„Die Zahl ernsthafter Ereignisse war deutlich größer als in dieser jungen Bevölkerungsgruppe erwartet“, bemerken die Autoren. Ihrer Ansicht nach werden durch die Standard-Untersuchungsprotokolle manche, jedoch längst nicht alle Herzprobleme erkannt. Bestimmte später entstandene Probleme hätten bei einem regelmäßig wiederholten Checkup erkannt werden können, so ihre Ansicht.

Auch Scharhag plädiert für jährliche Untersuchungen, wie sie für Spieler der ersten, zweiten und dritten Fußballligen in Deutschland vor Saisonbeginn Pflicht sind. „Bei derartigen Belastungen, denen Leistungssportler ausgesetzt sind, macht eine einmalige Untersuchung wenig Sinn – sie muss jährlich wiederholt werden“, sagt der Facharzt für Kardiologie und Sportmedizin.

 
Bei derartigen Belastungen, denen Leistungssportler ausgesetzt sind, macht eine einmalige Untersuchung wenig Sinn – sie muss jährlich wiederholt werden. Prof. Dr. Jürgen Scharhag
 

Zudem sei ein Belastungs-EKG sinnvoll, um etwa zu erkennen, ob unter sportlicher Belastung Herzrhythmusstörungen auftreten. Bei Fußballprofis der ersten und zweiten Bundesliga gehört das Belastungs-EKG zum jährlichen Checkup.

Sportkardiologen dringend gebraucht

Ein Grund für falsch-negative Ergebnisse könne eine falsche Interpretation von Befunden durch den Arzt sein, der die Untersuchung durchführe, schreiben die Autoren. Bei einem der Spieler übersahen die „erfahrenen Kardiologen“ und später auch die Experten, die 80% aller EKGs erneut unter die Lupe nahmen, abnorme T-Wellen. Bei den übrigen betroffenen Fußballern sei unklar, ob ihre Herzerkrankung erst nach dem Screening entstand oder die dem Ereignis zugrundeliegende Erkrankung übersehen wurde.

„Das zeigt erneut: Wir brauchen echte Sportkardiologen, das heißt, Kardiologen, die auch Erfahrungen in der Sportmedizin gesammelt haben“, sagt Scharhag. Eine 2-stündige Schulung zur Interpretation von Sportler-EKGs reiche nicht aus, um Befunde, die für Hochleistungssportler normal seien, von pathologischen abzugrenzen.

 
Wir brauchen echte Sportkardiologen, das heißt, Kardiologen, die auch Erfahrungen in der Sportmedizin gesammelt haben. Prof. Dr. Jürgen Scharhag
 

Um Kardiologen besser für solche Untersuchungen zu qualifizieren und damit das Risiko für plötzlichen Herztod zu senken, hat er in der 2005 gegründeten Arbeitsgruppe Sportkardiologie der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) die Zusatzqualifikation „Sportkardiologie“ initiiert. Der erste dieser 2-tägigen Lehrgänge findet im Januar 2019 statt und ist mit rund 50 Teilnehmern „voll belegt“. Eine bessere Qualifikation der Kardiologen hinsichtlich sportmedizinischer Aspekte könne die Gefahr falsch-negativer Befunde senken, meint Scharhag.

 „Es ist auch wichtig Athleten daran zu erinnern, dass ein negativer Befund nicht vor Herzerkrankungen schützt und Symptome dem Arzt sofort mitgeteilt werden müssen.“ Was hierbei ebenfalls helfe, sei ein enges Vertrauensverhältnis zum Mannschaftsarzt, bemerkt Scharhag. „Einem Arzt, den der Spieler gut kennt, vertraut er eine Auffälligkeit eher an als einem Kardiologen, den er einmal im Jahr sieht.“

Defibrillatoren retten Leben

Umgekehrt sollten „Ärzte im Blick behalten, dass auch junge Sportler schwere kardiovaskuläre Erkrankungen entwickeln können“, schreiben die norwegischen Wissenschaftler. Zudem sollten sowohl Ärzte als auch Laien in der Benutzung von Defibrillatoren besser geschult werden, fordern sie.

 
Ärzte sollten im Blick behalten, dass auch junge Sportler schwere kardiovaskuläre Erkrankungen entwickeln können. Dr. Hilde Moseby Berge und Kollegen
 

In der Studie konnte das Leben von 2 Sportlern, die auf dem Spielfeld einen Herzstillstand erlitten hatten, durch den Einsatz eines Defibrillators und kardiopulmonale Reanimation von Zuschauern vor Ort gerettet werden. „Auch in Deutschland müssen noch mehr Sportplätze und Turnhallen mit Defibrillatoren ausgestattet werden“, fordert Scharhag.

 

Kommentar

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