Zervix-Screening per Abstrich: Bis 75 statt 70? Und ist es überflüssig, wenn der HPV-Test mit 55 negativ war?

Dr. Susanna Kramarz 

Interessenkonflikte

13. Dezember 2018

Anhand eines Rechenmodells haben Onkologen aus Kanada festgestellt, dass das Screening auf Gebärmutterhalskrebs per Abstrich nicht – wie international üblich – mit 70 Jahren beendet werden sollte, sondern erst mit 75 Jahren. Denn im Alter gebe es einen 2. Erkrankungsgipfel, der von der Früherkennung sonst nicht erkannt werden könne [1].

Wenn Frauen jedoch mit 55 Jahren einen negativen HPV-Test hätten, so sei ihr Risiko für ein künftiges Zervixkarzinom minimal, unabhängig davon, ob sie weiter zum Screening gehen oder nicht.

 
Wir sehen im Alter nicht nur einen zweiten Erkrankungsgipfel an Zervixkarzinomen, sondern auch eine erhebliche Zunahme an Vulva- und Endometrium-Karzinomen. Prof. Dr. Klaus J. Neis
 

„Eine solche Schlussfolgerung zielt völlig an der Patientin vorbei“, kritisiert Prof. Dr. Klaus J. Neis, Saarbrücken, Co-Autor der S3-Leitlinie zur Prävention des Zervixkarzinoms. „Denn wir sehen im Alter nicht nur einen zweiten Erkrankungsgipfel an Zervixkarzinomen, sondern auch eine erhebliche Zunahme an Vulva- und Endometrium-Karzinomen. Bei Frauen über 70 Jahre übertrifft hierzulande die Mortalität des Vulvakarzinoms diejenige des Zervixkarzinoms. Durch den HPV-Test aus Zervix-Material werden Frühformen des Vulva-Karzinoms nicht erkannt, sondern einzig durch eine vollständige frauenärztliche Krebsfrüherkennung.“

Grundlage der aktuellen Studie war ein aufwändiges Rechenmodell, in das die virtuellen Daten von über 236.000 Frauen mit über 40.000 Parametern einflossen. Die Frauen wurden nach unterschiedlichen lebensgeschichtlichen Risiken, variierendem Screening-Verhalten und nach Hysterektomie in unterschiedlichem Lebensalter unterschieden und ab ihrem 55. Lebensjahr in mehrere Gruppen aufgeteilt:

Mit einer unterschiedlich langen Weiterführung des Screenings per Abstrich, mit oder ohne HPV-Test bzw. Co-Testung. Anhand der Berechnungen stellte die Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Eduardo L Franco, Montreal (Kanada), fest, dass Frauen, die nicht HPV-geimpft sind und in ihrem Leben niemals an einem Zervix-Screening teilgenommen haben, ein Lebensrisiko von 1:45 haben, an einem Zervixkarzinom zu erkranken.

Hatten die Frauen dagegen bis zu ihrem 55. Lebensjahr in typischer Weise – also mit einigen zeitlichen Lücken – an der Früherkennung teilgenommen und danach nicht mehr, so lag ihr Lebensrisiko bei 1:138. Führten sie die Früherkennung bis zu ihrem 70. Lebensjahr fort, reduzierte sich das Risiko auf 1:160.

Waren die Intervalle zwischen den Untersuchungen nie größer als 3 Jahre, so betrug das Lebenszeitrisiko ab dem 55. Lebensjahr 1:532. Fiel ein HPV-Test in einem Alter von 55 Jahren negativ aus, so sank das Lebenszeit-Risiko auf 1:1.940.

Abbildung. Inzidenz des Zervixkarzinoms bei Frauen mit und ohne Hysterektomie in Abhängigkeit vom Alter beim Stopp der Früherkennung. Aus: Malagon T, Franco EL, et al: Lancet Oncol 2018 (online) 01. November 2018

 

Dabei wurden nur Frauen berücksichtigt, bei denen keine Hysterektomie durchgeführt worden war. Die Autoren gehen davon aus, dass die Inzidenz des Zervixkarzinoms bei Frauen, die nicht hysterektomiert sind, deutlich höher ist als es die auf die Bevölkerung bezogenen Erkrankungszahlen vermuten lassen; bei 80jährigen Frauen handle es sich etwa um eine Fehleinschätzung in einer Größenordnung von 70%.

 
Die Zahlen sind spannend, aber sie sind ein typisches Beispiel dafür, was passieren kann, wenn sich Epidemiologen mit medizinischen Fragestellungen befassen. Prof. Dr. Klaus J. Neis
 

 „Die Zahlen sind spannend, aber sie sind ein typisches Beispiel dafür, was passieren kann, wenn sich Epidemiologen mit medizinischen Fragestellungen befassen“, stellt Neis fest. „Denn Krebsfrüherkennung bedeutet viel mehr als nur einen Abstrich von der Zervix zu nehmen. Es bedeutet die Inspektion des äußeren Genitales, den gynäkologischen Tastbefund, die Untersuchung der Brust einschließlich der Achsel-Lymphknoten. Bei Frauen über 60 Jahre sehen wir doppelt so viele Karzinome des Darmausgangs, dreimal so viel Vulvakarzinome, doppelt so viele Vaginalkarzinome, dreimal so viele Endometrium- und doppelt so viele Ovarialkarzinome wie bei jüngeren Frauen, wie die Krebsdatenbank des Robert-Koch-Instituts zeigt. Alle diese Karzinome sind der in Deutschland auch in Zukunft lebenslang üblichen frauenärztlichen Krebsfrüherkennung zugänglich.“

Auch die Frage, ob ein einmaliger HPV-Test mit 55 Jahren die spätere Teilnahme an der Krebsfrüherkennung überflüssig machen könne, erübrigt sich laut Neis: „Mit dem HPV-Test sehen Sie nur den aktuellen Status an der Zervix. Das hat keinerlei Aussagekraft für irgendein anderes Malignom.“

Tabelle. Inzidenz von Karzinomen, die der frauenärztlichen Früherkennung zugänglich sind. Quelle: Krebsdatenbank, Jahr 2014, nur Frauen.

Altersgruppe

Anus u. Anal-kanal (C21)

Vulva (C51)

Vagina (C52)

Gebärmutter-hals (C53)

Gebärmutter-körper (C54-55)

Eierstöcke (C56)

Brust (C50)

0 - 4

0

0

0

0

0

0

0

5 - 9

0

0

0

0

0

3

0

10 - 14

0

0

0

1

0

9

0

15 - 19

0

1

0

0

1

16

0

20 - 24

0

9

0

17

0

30

38

25 - 29

4

25

2

147

15

34

255

30 - 34

7

23

2

317

42

61

797

35 - 39

14

44

5

393

74

101

1522

40 - 44

49

86

12

451

152

184

3126

45 - 49

103

161

17

517

395

423

6149

50 - 54

144

229

32

533

832

658

8384

55 - 59

156

238

47

473

1253

679

6944

SUMME 0-59 J.

477

816

117

2849

2764

2198

27215

60 - 64

154

272

46

425

1411

731

8084

65 - 69

105

252

43

317

1254

715

7648

70 - 74

132

396

45

274

1641

1061

7660

75 - 79

160

536

78

280

1714

1083

8196

80 - 84

89

396

59

191

978

740

4931

85 und darüber

138

465

64

206

917

718

5486

SUMME 60 J und mehr

778

2317

335

1693

7915

5048

42005

 

Kommentar

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