„Das ist unser Highway“ – Twitter-Streit zwischen Ärzten und US-Waffenlobby schlägt Wellen bis in renommierte Fachzeitschrift

Sonja Böhm

Interessenkonflikte

10. Dezember 2018

In den USA ist Mitte November der Tweet einer kalifornischen forensischen Pathologin viral gegangen. Hundertausende – darunter viele ebenfalls Ärzte – reagierten auf den Tweet. Viele unter den Hashtags #ThisIsOurLane oder #ThisIsMyLane (übersetzt: Das geht uns an).

Und nun hat Anfang Dezember sogar im renommierten New England Journal of Medicine eine Gruppe von Autoren aus dem Gesundheitswesen, darunter viele Notfall-Mediziner, unter dem Titel #ThisIsOurLane einen Meinungsartikel publiziert [1]. Das Thema: Mehr Sicherheit beim Gebrauch von Schusswaffen als ureigenes Thema für Ärzte und Menschen in Gesundheitsberufen. Doch woher kommt all die aktuelle Aufregung?

Leitlinien des „American College of Physicians“ waren Waffenlobby ein Dorn im Auge

Es begann am 30. Oktober 2018 mit einem Positionspapier des American College of Physicians (ACP) in den Annals of Internal Medicine. Das Thema: Leitlinien für niedergelassene Internisten zum sicheren Umgang mit Schusswaffen („gun safety“). Diese Publikation wiederum war der US-amerikanischen Waffen-Lobby NRA (National Rifle Association) ein Dorn im Auge.

Sie reagierte auf Twitter: „Somebody should tell self-important doctors to stay in their lane when it comes to gun control“ lautete der Tweet – sinngemäß „jemand sollte diesen Ärzten, die sich so wichtig nehmen, sagen, dass sie – wenn es um Schusswaffen-Kontrolle geht – auf ihrer Spur bleiben sollten“ – sich also um ihre Angelegenheiten kümmern sollten ….

Viele Ärzte und Menschen aus Gesundheitsberufen in den USA reagierten darauf in den sozialen Netzwerken empört. Hashtags wie „#ThisIsMyLane“ und #ThisIsOurLane wurden zu Trends. Auch die forensische Pathologin Dr. Judy Melinek von UC Davis und the Alameda County Sheriff’s Departement in Kalifornien hatte den Tweet und die Diskussionen darum verfolgt.

„Dann bin ich Freitagmorgen zur Arbeit gegangen und ich hatte 3 Fälle auf dem Tisch – und das erste war gleich ein Schusswaffen-Opfer“, berichtet sie im Interview mit Medscape-Chefredakteur Dr. Eric Topol. „Es war schon mein zweiter Fall mit Schusswunden in dieser Woche.“

„Es ist meine verdammte Autobahn“

Den Tweet der NRA im Hinterkopf habe sie sich zu einer verärgerten Antwort hinreißen lassen. Sie schrieb: „Wisst ihr eigentlich wie viele Kugeln ich jede Woche aus Leichen hole? Das ist nicht nur ‚meine Spur‘, es ist meine verdammte Autobahn.“ Dann habe sie ihr Smartphone ausgemacht – und als sie 4 Stunden später nachsah, war der Tweet, in dem sie ihrem Ärger Luft gemacht hatte, viral geworden. 700.000 Reaktionen provozierte er. Topol: „So was habe ich in 9 Jahren auf Twitter noch nie erlebt.“

 
Wisst ihr eigentlich wie viele Kugeln ich jede Woche aus Leichen hole? Das ist nicht nur ‚meine Spur‘, es ist meine verdammte Autobahn. Dr. Judy Melinek
 

Melinek war aber vor allem überrascht, wie positiv die Reaktionen im Allgemeinen waren: „Ich bekam so viele Retweets und Kommentare von Menschen aus der Medizin und dem Gesundheitswesen, aber auch von Menschen, die Opfer von Schusswaffen-Verletzungen geworden waren und es überlebt hatten. Und alle gaben mir recht.“

Selbst kritische Kommentare seien nahezu alle respektvoll gewesen, berichtet sie. „Es gibt auch verantwortungsbewusste Eigentümer von Schusswaffen und Mitglieder der NRA“, so Melinek. Und sie erinnert daran, dass die NRA früher einmal als „gun safety organization“ gegründet worden sei – „um Menschen darin zu trainieren, sicher mit ihren Waffen umzugehen. Doch irgendwann ist dieser Aspekt aus dem Fokus gerutscht“.

USA: Mehr Schusswaffen als Einwohner

Topol ergänzt einige Zahlen dazu: In den USA leben derzeit rund 325 Millionen Menschen – und es gibt noch mehr Schusswaffen, nämlich rund 400 Millionen. Allein in diesem Jahr gab es bereits mehr als 12.600 Todesfälle, rund 50.000 mit Schusswaffen assoziierte Vorfälle und mehr als 300 Amokläufe mit Schusswaffen. Trotz alledem wehrt sich die NRA nach wie vor mit allen Mitteln gegen mehr Waffenkontrolle.

Tatsächlich ist aber Umfragen zufolge inzwischen eine Mehrheit der US-Bevölkerung für mehr Schusswaffen-Kontrolle. Und beide – Melinek und Topol – sehen Ärzte und medizinische Organisationen hier in einer besonderen Verantwortung. Kleine Anekdote am Rande: Das American College of Surgeons hat ebenfalls gerade ein Statement dazu veröffentlicht – und 19 der 22 Chirurgen unter den Autoren gaben an, selbst Besitzer einer Schusswaffe zu sein.

 
So was habe ich in 9 Jahren auf Twitter noch nie erlebt. Dr. Eric Topol
 

Melinek sieht – wie auch die Autoren des aktuellen NEJM-Artikels – darin keinen Widerspruch. Es gehe um den verantwortungsvollen Umgang mit Waffen, sagt sie. Und es sei die Verpflichtung von Ärzten, wenn sie erkennen, dass etwas Gesundheit und Leben – etwa von Kindern – gefährde, den Finger auf die Wunde zu legen und dies öffentlich zu machen.

Keine öffentlichen Gelder für die Präventionsforschung 

Für deutsche Verhältnisse mag die ganze Aufregung schwer verständlich sein – vor allem der Umstand, dass sich Ärzte dafür rechtfertigen müssen, wenn sie die Sicherheit im Umgang mit Schusswaffen erhöhen wollen. Im Perspektiven-Artikel im NEJM erläutern Dr. Megan L. Ranney, Notfall-Medizinerin von der Brown University in Providence, Rhode Island, und ihre Mitautoren die (USA-typischen) Hintergründe.

So gebe es seit Jahrzehnten kaum wissenschaftliche Forschung zur Prävention von Schusswaffen-Verletzungen. Dies ist einem Zusatz in einem allgemeinen Gesetzentwurf zu staatlichen Ausgaben aus dem Jahr 1996, dem so genannten Dickey Amendment, zu verdanken. Darin wird verboten, dass öffentliche Gelder der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) dafür verwendet werden, Waffenkontrolle („gun control“) zu bewerben oder zu fördern. Und tatsächlich sei seit damals kein Dollar aus dem Etat der CDC mehr vom Kongress genehmigt worden, um die Prävention von Gewalt durch Schusswaffen zu erforschen, schreiben die NEJM-Autoren.

Und auch die NIH (National Institutes of Health) hätten gerade mal 2% desjenigen Betrages für solche wissenschaftliche Forschung aufgewendet, die – betrachte man die Krankheits- bzw. Verletzungslast dadurch – diesem Gebiet eigentlich zugestanden hätten. Doch allmählich beginnt sich in den USA hier einiges zu ändern.

Es ändert sich etwas

Die Zustimmung, Waffenbesitz sicherer zu machen, wächst mit jeder privaten Tragödie und vor allem mit jedem Amoklauf, der durch die Medien geht. Am eindrücklichsten war dies nach dem Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule der Fall, bei dem am 14. Dezember 2012 ein wahrscheinlich psychisch kranker 20-Jähriger mit 2 Pistolen und 2 halbautomatischen Gewehren 20 Kinder im Alter von 6 bis 7 Jahren und 6 Lehrerinnen getötet hatte.

8 medizinische Fachorganisationen hatten kurz danach ein gemeinsames Positionspapier veröffentlicht, in dem sie u.a. mehr öffentliche Förderung für die Prävention gefordert hatten, aber auch Kontrollen bei Käufern von Schusswaffen sowie eine bessere Versorgung von psychisch Kranken. In ihrem Artikel zählen die NEJM-Autoren noch weitere positive Beispiele auf, wie sich medizinische Organisationen und Ärzte in den letzten Jahren zunehmend gegen die „epidemische Gewalt durch Schusswaffen“ in den USA engagiert haben. So wurde etwa die „American Foundation for Firearm Injury Reduction in Medicine (AFFIRM) gegründet.

Ein wichtiger Unterschied: Prävention nicht gleich „gun control“

In dem NEJM-Artikel rufen die Autoren nun zu mehr Einigkeit der unterschiedlichen Lager auf. Ärzte, die gegen privaten Schusswaffenbesitz sind, sowie solche, die selbst Schusswaffen besitzen, müssten an einem Strang ziehen. Und dafür sei es essentiell zwischen der „Prävention von Schusswaffen-Verletzungen“ und „Schusswaffen-Kontrolle (gun control)“ zu unterscheiden. Denn der letztere Begriff führt nicht nur bei den Waffen-Lobbyisten der NRA sondern auch bei vielen US-Bürgern, die Waffen besitzen, zu einer reflexartigen Abwehrhaltung. Sehen sie darin doch einen Angriff auf das US-amerikanische Grundrecht des Waffenbesitzes.

 
Als Bewegung sind wir nicht anti-Schusswaffen; unser Fokus liegt darauf, Schießereien zu verhindern und menschliches Leben zu retten. Dr. Megan L. Ranney und Mitautoren
 

So schreiben denn auch die NEJM-Autoren: „Als Bewegung sind wir nicht anti-Schusswaffen; unser Fokus liegt darauf, Schießereien zu verhindern und menschliches Leben zu retten.“ Der Ansatz sei dabei nicht, das Recht auf Waffenbesitz einzuschränken, sondern z.B. mit Patienten (evidenz-basierte) Gespräche über die Gefahr durch Schusswaffen zu führen. Mehrere ärztliche Organisationen haben bereits Leitlinien für solche Gespräche oder sind dabei sie zu entwickeln.

Ein weiteres Beispiel sei ein gemeinsames Projekt der nationalen Sportschützen Vereinigung und einer Stiftung zur Suizidprävention. Dabei werden in Läden für Schusswaffen Informationsmaterialien zur Suizid-Prävention an die Kunden abgegeben und Angestellte geschult, eventuell gefährdete Personen zu erkennen.       

Die Pathologin Melinek will z.B. Waffen verstärkt mit Schlössern sichern. Und sie vor bestimmten Menschen, etwa mit psychischen Erkrankungen oder mit Gewaltbereitschaft, unter Verschluss halten. Auch gehörten Schnellfeuer-Gewehre nicht in die Hände der Allgemeinheit, sagt sie. „Wir haben unsere Smartphones so gesichert, dass wir sie nur bedienen können, wenn sie durch den Fingerabdruck des Besitzers entsperrt werden, warum soll nicht das Gleiche bei Schusswaffen funktionieren?“, so einer ihrer Vorschläge.

Das Beispiel von Melineks viralem Tweet sehen die NEJM-Autoren ebenso wie Topol als möglichen „Scheitelpunkt“ an, um „die Epidemie zu beeinflussen“. Melinek: „Ich dachte, ich hätte ein Smartphone in der Hand, aber es hat sich als Megaphone entpuppt.“

 
 
Wir als Ärzte und im Gesundheitswesen Tätige haben eine Verantwortung, weiterhin darauf zu bestehen, dass dies ‚unser Highway‘ ist. Dr. Megan L. Ranney und Mitautoren
 

„Es gibt Zehntausende von uns“, heißt es NEJM-Artikel. „Wir als Ärzte und im Gesundheitswesen Tätige haben eine Verantwortung, weiterhin darauf zu bestehen, dass dies ‚unser Highway‘ ist. Wir fahren darauf – zusammen – in die Zukunft.“ 

 

Kommentar

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