Deutsche Analyse: Was bringen niedrige Hypertonie-Grenzwerte? In punkto Sterblichkeit nichts, aber mehr Depressionen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

6. Dezember 2018

Eine arterielle Hypertonie der Stufe 1 („Stage 1 Hypertension“) nach US-Definition steht nicht in Verbindung mit einem höheren Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben. In Stufe 2 („Stage 2 Hypertension“) ist der Zusammenhang zwar statistisch signifikant. Viele Patienten stellen ihren Lebensstil aber trotzdem nicht um. Gleichzeitig treten unter einer antihypertensiven Therapie vermehrt depressive Erkrankungen auf.

Zu diesen Ergebnissen kommt die Epidemiologin Seryan Atasoy vom Helmholtz Zentrum München bzw. von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zusammen mit Kollegen auf Basis einer Kohortenstudie [1].

„Die Idee hinter den US-Leitlinien ist, Bluthochdruck möglichst früh zu senken und durch die Diagnose einer Erkrankung Patienten zu motivieren, gesünder zu leben“, erläutert Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM) und vom Helmholtz Zentrum München. Dass dies gelingt, habe sich jedoch nicht bestätigt.

Da nur 24% der Patienten mit Bluthochdruck der Stufe 2 in der analysierten Kohorte tatsächlich Medikamente erhielten, verglichen die Forscher Gruppen mit oder ohne Medikation. Es zeigte sich: Unter einer antihypertensiven Therapie waren depressive Stimmungslagen häufiger. „Das könnte auf das Bewusstsein zurückzuführen sein, krank zu sein, aber auch auf die Medikamente selbst“, vermutet Atasoy.

Denn: „Tatsächlich waren depressive Symptome bei Teilnehmern mit Bluthochdruck der Stufe 2 insgesamt (also den behandelten und unbehandelten) seltener als bei Personen mit normalem Blutdruck“, ergänzt Atasoy im Gespräch mit Medscape. „Dies bestätigt frühere Ergebnisse.“

 
Die Idee hinter den US-Leitlinien ist, Bluthochdruck möglichst früh zu senken und durch die Diagnose einer Erkrankung Patienten zu motivieren, gesünder zu leben. Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig
 

Zur leitliniengerechten Behandlung gehören nunmal nicht nur Medikamente, sondern auch Lebensstil-Interventionen. Atasoy: „Die Gründe, warum Patienten mit Hypertonie der Stufe 2 trotz eines hohen Blutdrucks ihren ungesunden Lebensstil nicht ändern, lassen sich nicht aus unseren Daten ableiten.“

Aktuell rät sie Ärzten, die Kommunikation mit Patienten zu verbessern – gerade bei arterieller Hypertonie als Erkrankung, die zu Beginn ohne Beschwerden verläuft.

Kohortendaten von 11.600 Teilnehmern ausgewertet

Durch die 2017 in den USA neu geschaffene Kategorie „Stage 1 Hypertension“ (S1) (wir berichteten) wurden US-Patienten mit 130 bis 139 mmHg systolisch bzw. 80 bis 89 mmHg diastolisch quasi über Nacht behandlungsbedürftig. Bekanntlich schloss sich die European Society of Cardiology (ESC) dieser Kategorisierung nicht an und hält hier auch keine Therapien für erforderlich.

Um mögliche Effekte der US-Klassifikation zu untersuchen, haben Atasoy und ihre Kollegen Daten einer Stichprobe von 11.603 Teilnehmern (52% Männer, 48% Frauen) der prospektiven MONICA/KORA-Studie ausgewertet. Das Durchschnittsalter lag bei 47,6 Jahren. „Wir haben untersucht, wie hoch innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren das Risiko für Menschen in den verschiedenen ‚Blutdruck-Kategorien‘ war, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, und welche anderen Risikofaktoren jeweils vorlagen“, sagt Atasoy.

Die Epidemiologin überprüfte, was passiert, wenn man die neuen US-Leitlinien auf die deutsche Kohorte anwendet. Ein Ergebnis: Die Prävalenz arterieller Hypertonien stieg erwartungsgemäß und zwar von zuvor 34% (nach der europäischen Definition) auf 63% (nach der neuen US-Definition).

 
Das zeigt, dass viele trotz Diagnose ihren Lebensstil nicht umstellen. Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig
 

Nur 24% der Patienten mit „Stage 2 Hypertension“ (also >139 mmHg systolisch bzw. >89 mmHg diatolisch) waren in Behandlung. Innerhalb eines Follow-ups von 10 Jahren, das entspricht 70.148 Personenjahren, traten bei Menschen mit S2-Hypertonie genau 370 tödliche Herz-Kreislauf-Ereignisse auf. Die Mortalitätsrate bezogen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen betrug demnach 1,61 (bei S2) bzw. 1,07 Todesfälle (bei S1-Hypertonie) pro 1.000 Personen.

Bei S1-Hypertonie war die Sterberate damit nicht signifikant erhöht. In der Stufe 2 hatten Patienten aber ein statistisch signifikant höheres Sterberisiko, auch nach Korrektur für verschiedene Risikofaktoren. Sie rauchten z.B. häufiger und bewegten sich weniger als Patienten mit niedrigerem Blutdruck. „Das zeigt, dass viele trotz Diagnose ihren Lebensstil nicht umstellen“, so Ladwig.

Unter den Teilnehmern mit S2-Hypertonie war zudem die Prävalenz von Depressionen signifikant höher, wenn sie eine antihypertensive Therapie erhielten (47%) im Vergleich zu unbehandelten Patienten (33%).

Experte warnt vor der Übernahme amerikanischer Empfehlungen

Ladwig kritisiert mit Verweis auf den fehlenden Zusammenhang zwischen kardiovaskulärer Mortalität und der Hypertonie der Stufe 1, Menschen würden hier ohne Notwendigkeit zu Patienten gemacht.

Warum Patienten der Stufe 2, die ja auch in Europa behandlungsbedürftig sind, bei Pharmakotherapien vermehrt an depressiven Beschwerden leiden, lässt sich aus der Kohortenstudie nicht ableiten.

 

Wird man offiziell mit dem Etikett ‚krank‘ versehen, wirkt sich das auf die psychische Gesundheit aus. Prof. Dr. Karl-Heinz Ladwig

 

„Wir nehmen an, dass es sich um einen Labeling-Effekt handelt“, sagt Ladwig. „Wird man offiziell mit dem Etikett ‚krank‘ versehen, wirkt sich das auf die psychische Gesundheit aus.“ In einer früheren Studie hatte er bereits nachgewiesen, dass Depressionen einen ähnlich hohen Risikofaktor für tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellen wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit.

Deshalb stellt Ladwig die US-Klassifikationen der Hypertonie auch infrage: „Das American College of Cardiology selbst hat errechnet, dass der Anteil der Erwachsenen mit der Diagnose Bluthochdruck durch die neue Leitlinie von 32 auf 46 Prozent steigt.“ Damit wären viele Menschen einer psychischen Belastung ausgesetzt, ohne von der Diagnose selbst zu profitieren. Eine Übernahme der US-Leitlinien in europäische Regularien wäre aus seiner Sicht deshalb „grundsätzlich falsch“.

 

Kommentar

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