Erste Lebendgeburt nach Uterus-Transplantation von toter Organspenderin: Schon bald klinische Routine bei Infertilität?

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

5. Dezember 2018

Erstmals ist nach der Uterus-Transplantation zwischen 2 nicht verwandten Personen ein gesundes Kind auf die Welt gekommen. Das berichten brasilianische Gynäkologen um Dr. Dani Ejzenberg vom Hospital das Clínicas der University of São Paulo School of Medicine im Lancet  [1]. Sie sehen darin eine Möglichkeit für Frauen mit uteriner Infertilität, schwanger zu werden, ohne dass Lebendspender erforderlich sind.

„Mit der Uterus-Transplantation gibt es zum ersten Mal eine medizinische Lösung für uterine Infertilität, nachdem vor 40 Jahren mit der In Vitro-Fertilisation eine Lösung für die ovarielle Infertilität gefunden wurde“, sagt Prof. Dr. Dr. Xavier Rogiers zum Science Media Center Deutschland (SMC). Er ist Leiter des Transplantationszentrums am Universitätsklinikum Gent.

„Bei Uterus-Transplantationen muss man noch alles erlernen, was man bei der Transplantation von anderen Organen schon weiß: Ischämie-Resistenz, Lebend- oder Leichenspende, optimale Immunsuppression, Bedeutung von Abstoßungen, Funktionsfähigkeit des Uterus, Zeitpunkt der Schwangerschaft und so weiter.“

Rogiers sieht einen großen Unterschied im Vergleich zur Übertragung anderer Organe: „Der Uterus wird nach ein oder zwei erfolgreichen Schwangerschaften wieder entfernt, deshalb kann die Immunsuppression gestoppt werden.“ Nach Etablierung der Technik rechnet er mit einer Transplantationshäufigkeit von 10 oder mehr Uteri pro Million Einwohner und Jahr. „Das bedeutet aber, dass wir – genau wie für andere Organe – transparente Allokationsregelungen einführen werden müssen“, warnt der Experte.

Zu wenige Lebendspenden machen Alternativen erforderlich

Derzeit sind Uterus-Transplantationen nur für Frauen möglich, falls lebende Familienangehörige sich zur Spende bereiterklären. Im Jahr 2013 kam nach einem solchen Eingriff in Schweden das erste gesunde Baby zur Welt. Alternativen gab es bislang nicht.

 
Der Uterus wird nach ein oder zwei erfolgreichen Schwangerschaften wieder entfernt, deshalb kann die Immunsuppression gestoppt werden. Prof. Dr. Dr. Xavier Rogiers
 

In den USA, in Tschechien und in der Türkei transplantierten Ärzte insgesamt 10 Uteri von gehirntoten Spenderinnen, ohne dass es zu Schwangerschaften kam. Das ist Ejzenberg und Kollegen weltweit erstmals gelungen.

Ihre 32-jährige Patientin leidet am Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom und hatte von Geburt an keinen Uterus. 4 Monate vor der Transplantation hatten Ärzte per In-vitro-Fertilisation (IVF) 8 Eizellen entnommen, befruchtet und kryokonserviert. Im September 2016 bekam sie den Uterus einer 45-jährigen Patientin, die an einer Subarachnoidalblutung gestorben war. Ärzte verbanden beim 10-stündigen Eingriff alle Venen und Arterien der Gebärmutter, alle Bänder und den Vaginalkanal.

Nach der Operation erhielt die Patientin Immunsuppressiva, Antikoagulanzien und Antibiotika. Die Immunsuppression wurde bis zur Geburt fortgesetzt. 5 Monate postoperativ zeigte die Gebärmutter keine Anzeichen einer Abstoßung, und die Frau hatte eine regelmäßige Menstruation.

Nach 7 Monaten erhielt sie befruchtete Eizellen implantiert. 10 Tage später wurde eine Schwangerschaft medizinisch bestätigt. Weitere nicht invasive Untersuchungen nach 10, 12 und 20 Wochen zeigten eine normale Embryonalentwicklung bis zur Geburt. Direkt danach entfernten Ärzte den Uterus wieder.

Das Baby wurde nach 35 Wochen und 3 Tagen per Kaiserschnitt geboren, war gesund und wog 2.550 g. Bei der Untersuchung mehr als 7 Monate nach der Geburt zeigte es eine altersübliche Entwicklung.

 
Persönlich bin ich nicht davon überzeugt, dass die Transplantation von Uteri von verstorbenen Frauen in die klinische Routine eingehen wird. Prof. Dr. Matthias W. Beckmann
 

Ejzenberg und Kollegen schreiben, Unfruchtbarkeit betreffe derzeit 10-15% aller Paare im gebärfähigen Alter. In dieser Gruppe hätte jede 500. Frau Gebärmutteranomalien. „Der Einsatz von verstorbenen Spendern könnte den Zugang zu dieser Behandlung erheblich erweitern“, hoffen die Autoren.

Schwierige Organentnahme

„Die technischen, operativen Aspekte der Operation einer Uterustransplantation sind fast identisch zur Lebendspende“, kommentiert Prof. Dr. Matthias W. Beckmann gegenüber dem SMC. Er ist Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen.

Die doppelte Versorgung mit Blutgefäßen für den Abstrom sei aber eine Option, die den venösen Rückstrom und damit den Druck in der Gebärmutter verringere. „So gesehen besteht auf diesem Gebiet keine wesentliche Neuerung, die zu diesem Erfolg führte“, lautet seine Bewertung.

Auffällig sei eine Verlängerung der Spanne zwischen Entnahme und Transplantation auf knapp 8 Stunden gewesen. „Grundsätzlich sollte aber diese sogenannte Ischämiezeit bei allen Transplantationen so kurz wie möglich gehalten werden.“ 

Die von Ejzenberg und Kollegen angesprochene Verkürzung der Zeit bis zur Implantation eines Embryos hält er für unkritisch: „Grundsätzlich ist es so, dass wir nach Operationen am Uterus bei gutartigen Erkrankungen – zum Beispiel nach einer Myom-Entfernung oder nach einer Kaiserschnitt-Operation – eine Wartezeit von sechs Monaten anstreben.“ Da es keine Verletzung der Uteruswand gegeben habe, brächten auch längere Wartezeiten keinen größeren Erfolg.

Beckmann bleibt jedoch skeptisch: „Persönlich bin ich nicht davon überzeugt, dass die Transplantation von Uteri von verstorbenen Frauen in die klinische Routine eingehen wird.“ Der Uterus werde im Rahmen einer Explantation mit als Letztes entnommen. Somit bestehe die Gefahr einer unzureichenden Perfusion. „Dieses ist auch aus meiner Sicht der Hintergrund dafür, dass die bisherigen Transplantationen von toten Spenderinnen nicht so erfolgreich waren.“

 

Kommentar

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