Mit Wickeln und Massagen krebskranke Kinder stärken: Integrative Medizin in der Kinderonkologie

Petra Plaum

Interessenkonflikte

30. November 2018

Leipzig – Welchen Nutzen haben Kinder mit Krebs von Einreibungen mit ätherischen Ölen, Yoga oder Eurythmie? Warum spielt die integrative Medizin eine wachsende Rolle in Kinderkrankenhäusern allgemein und in der Kinderonkologie im Speziellen?

Ein Symposium beim DGKJ-Kongresses 2018 gab Antworten [1]. Es wurde geleitet von Prof. Dr. Georg Seifert, Inhaber der ersten Professur für integrative Medizin in der Kinderheilkunde in Europa an der Charité Berlin, und Prof. Dr. Alfred Längler, Klinikdirektor der Kinderklinik des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke.

Aus Seiferts Forschergruppe verwies die Psychologin Wiebke Stritter auf prospektive Studien, die aufzeigen, wo komplementär-medizinische Angebote die konventionellen Therapien begleiten können. So zeigte eine Pilotstudie mit 11 Kindern und Jugendlichen: Individualisiertes Yoga-Training, begleitend zur Chemotherapie, konnte die Patienten stärken, wurde gern angenommen und hatte keine unerwünschten Wirkungen.

Eine 2. Pilotstudie untersuchte die Effekte der Eurythmie-Therapie – einer Bewegungstherapie der integrativen Medizin – als ein Element in der Nachsorge bei Kindern, die einen Tumor der hinteren Schädelgrube überlebt hatten. Bei allen 7 Patienten verbesserten sich die kognitiven und neuromotorischen Funktionen, bei 5 außerdem die visuomotorischen.

In der Charité läuft seit 2016 unter der Leitung von Seifert und Prof. Dr. Christine Holmberg ein Projekt auf der kinderonkologischen Intensivstation, bei dem die Patienten neben Chemotherapie oder Operationen zusätzlich besondere Wickel, Auflagen und rhythmische Einreibungen vom Pflegeteam erhalten.

 
Unsere Patientinnen und Patienten berichten, dass sie durch die Anwendungen besser zur Ruhe kommen, weniger Übelkeit haben und besser schlafen können. Wiebke Stritter
 

Erste Ergebnisse der begleitenden Studie seien sehr positiv, so Stritter: „Unsere Patientinnen und Patienten berichten, dass sie durch die Anwendungen besser zur Ruhe kommen, weniger Übelkeit haben und besser schlafen können. Außerdem fühlen sie sich durch die Anwendungen von den Pflegekräften mehr wahrgenommen.“ 2019 wird die Studie abgeschlossen sein.

Bauchladen unerwünscht – Zahlen und Fakten

Alle Referenten verdeutlichten: Integrative Medizin bringt Leitlinien-gerechte Therapien und komplementär-medizinische Angebote, die sich bewährt haben, unter einen Hut. „Wir meinen das nicht wie z.B. in den USA, wo es eine Bauchladenmedizin gibt“, verdeutlichte Kinderonkologe Längler. „In den USA können Sie sich für 15 Dollar etwas Massage oder Akupunktur dazukaufen – diese Beliebigkeit meinen wir nicht.“

Der Verzicht auf dringend gebotene Operationen, Chemo- oder andere konventionelle Therapien zugunsten von Globuli, Akupunktur und Co. stehe ebenso wenig zur Debatte. Die Zahlen aus Länglers Klinik sprechen dafür, dass die Patienten von den einander ergänzenden Therapien profitieren – und dass integrative Kinderheilkunde das Gesundheitssystem eher ent- als belastet.

In Länglers Klinik spielt das anthroposophische Menschenbild eine tragende Rolle. Daher gibt es außer konventionellen Therapien zusätzlich u.a. Wickel, rhythmische Massagen, Auflagen, Heileurythmie, Pflanzenheilkunde und Kunsttherapie.

10 Jahre lang, von 2006 bis 2015, analysierten Längler und sein Team 30.000 Datensätze von Patienten – das Ergebnis: „Wir behandeln die gleichen Patienten wie jede andere Kinderklinik auch, und die integrative Kindermedizin ist im DRG-System wunderbar abbildbar.“

 
Wir behandeln die gleichen Patienten wie jede andere Kinderklinik auch, und die integrative Kindermedizin ist im DRG-System wunderbar abbildbar. Prof. Dr. Alfred Längler
 

Ob mit Erkrankungen des Atmungssystems, Infektionen, Verletzungen, Krebs oder psychischen Erkrankungen. Die integrativ behandelten Kinder verbrachten im Durchschnitt einen Tag länger auf der Station als die ausschließlich konventionell stationär behandelten. Beide Gruppen blieben jedoch kontinuierlich unter den Jahresdurchschnitten der DRG-Statistiken für die Jahre 2006 bis 2015.

Offenbar wünschen viele Eltern integrative Medizin für ihre Kinder, gerade für chronisch oder schwer erkrankte. Sowohl die Patienten in Witten-Herdecke als auch diejenigen der derzeit einzigen anderen seit langem integrativen Kinderklinik Deutschlands, der Filderklinik in Filderstadt, reisen aus ganz Deutschland an. Als dritte Anbieterin integrativer Kindermedizin in Deutschland in einem Krankenhaus hat sich seit 2016 die Kinderklinik St. Marien in Landshut etabliert.

Insgesamt sind Patienten aus Deutschland offen für integrative Medizin, betonte Längler. Das belege die Allensbach Trendstudie zur Naturheilkunde, in der nur 30% der Teilnehmer noch gar keinen Kontakt zu solchen Therapien hatten und lediglich 7% dieselben explizit ablehnten.

Dafür spreche auch das Interesse der Kinderonkologen, die Längler befragt hat: „76 Prozent empfinden es für die tägliche Arbeit als wichtig, über Komplementärmedizin informiert zu sein und 77 Prozent sagen, es gebe zu wenig qualitativ gute Angebote zu Komplementärmedizin.“

Um daran etwas zu ändern, bietet das Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke jetzt ein Blended-Learning-Angebot mit E-Learning und Präsenz-Workshops in unterschiedlichen Städten an, das auf Kinderonkologen zugeschnitten und kostenlos ist.

 
Die zentrale Frage ist: Wie kann man in einem Setting wie der Kinderkrebsstation Wickel, Auflagen und rhythmische Einreibungen integrieren? Dr. Britta Rutert
 

Neues Projekt an der Charité

Schon umfassend geschult sind die Pflegekräfte der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie der Charité. Dr. Britta Rutert, Ethnologin, präsentierte zentrale Inhalte des Projekts und nannte auch die Herausforderungen in der Umsetzung. „Die zentrale Frage ist: Wie kann man in einem Setting wie der Kinderkrebsstation Wickel, Auflagen und rhythmische Einreibungen integrieren?“

Sie ergänzte: „In einem sehr biomedizinischen Kontext bietet die integrative Medizin z.B. mit äußeren Anwendungen eine große Chance, Kindern andere Erfahrungen zu ermöglichen.“ In einer Zeit, in der Kinder großen Belastungen im Krankenhaus ausgesetzt sind, könnten supportive Einreibungen oder Wickel, von einer Pflegekraft oder den Eltern durchgeführt, bei verschiedenen Symptomen eine besondere Erfahrung sein.

Für Klinikteams bedeutet die integrativ-medizinische Pflege der jungen Patienten erst einmal die Einarbeitung in einen neuen Bereich: Pflegekräfte müssen sich mit den Wirkungen diverser Öle vertraut machen, die z.B. Übelkeit, Angstzustände oder Schmerzen lindern. Auch die Massage-, Wickel- und Auflage-Techniken gilt es zu erlernen.

Die integrativen Therapien kommen dreimal pro Woche zum Einsatz und werden auf die Bedürfnisse jedes jungen Patienten zugeschnitten.

Noch befindet sich die Auswertungsphase der semi-strukturierten Interviews von Pflegekräften, Ärzten und anderen Therapeuten sowie Eltern in der Umsetzung, sagte Rutert. Jetzt schon zeige sich jedoch, dass Eltern sich durch das Angebot entlastet fühlten und Kinder die Anwendungen genössen, sich sogar regelrecht darauf freuten.

 
Die Pflegekräfte sind es, die diese Angebote tragen. Bei uns haben sie gemerkt, dass sie durch Anwendungen wie Wickel schließlich mehr Zeit haben, weil die Kinder dabei zur Ruhe kommen. Dr. Catharina Amarell
 

Erwartungen und Hoffnungen

Im Kinderkrankenhaus St. Marien in Landshut leitet Dr. Catharina Amarell, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, integrative Medizin, Naturheilverfahren und Akupunktur, die noch junge Abteilung für Integrative Medizin. Hier kommen Anwendungen nach Sebastian Kneipp, Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und bewährte Hausrezepte, wie Zwiebelwickel bei Ohrenschmerzen oder Wadenwickel bei hohem Fieber, zum Einsatz.

Auch in der Onkologie sind solche Anwendungen gefragt, meldete sie sich aus dem Publikum des Kongresses zu Wort. „Die Pflegekräfte sind es, die diese Angebote tragen“, erzählte Amarell. „Bei uns haben sie gemerkt, dass sie durch Anwendungen wie Wickel schließlich mehr Zeit haben, weil die Kinder dabei zur Ruhe kommen.“ Es sei ein Lernprozess, für den Ärzte wie Pfleger Geduld brauchten.

Langfristig könnten die jungen Patienten und ihrer Eltern von der integrativen Medizin auf der Kinderkrebsstation der Charité nur profitieren, da sie unter anderem das Kohärenzgefühl stärke, stellte Stritter in Aussicht. Das Kohärenzgefühl ist der wichtigste Aspekt des Ansatzes der Salutogenese nach Aaron Antonovsky: Patienten und auch die Eltern können demnach ein hohes Kohärenzgefühl in Bezug auf die Erkrankungssituation entwickeln, wenn sie Zusammenhänge verstehen, Situationen als handhabbar empfinden und einen Sinn darin sehen, diese schwierige Situation durchzustehen. Dabei helfe Zuwendung – und das Gefühl, geborgen und auf einem guten Weg zu sein.

„Wenn konkrete Ergebnisse aus dem Projekt zur integrativen Pflege vorliegen“, betonte Rutert, „werden wir das Trainingsprogramm auch anderen Kinderkliniken anbieten können.“

Das Symposium „Integrative Medizin in der Kinderheilkunde“ war das erste seiner Art im Rahmen der DGKJ-Tagung. Und viele äußerten den Wunsch, dass es nicht das letzte gewesen sein sollte.

 

Kommentar

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