Impfen beim Apotheker, Medikamente aus der Arztpraxis? Diskussion um das Dispensierrecht

Christian Beneker

Interessenkonflikte

28. November 2018

Wenn Apotheker impfen dürfen, dann wollen Hausärzte auch Arzneimittel abgeben dürfen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat mit seinem Vorschlag, auch Apothekern Impfungen zu erlauben, eine Diskussion um das Dispensierrecht losgetreten, in die sich zunächst der Deutsche Hausärzteverband und dann auch Prof. Dr. Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte bei der SPD-Bundestagsfraktion, eingeschaltet haben.

Bereits im Oktober hatte Spahn vor dem Deutschen Apothekertag (DAT) in München vorgeschlagen, Patienten auch in Apotheken impfen zu lassen. Prompt reagierte der Deutsche Hausärzteverband (HÄV): Sinnvoller, als durch Apotheker impfen zu lassen, sei es, „wenn die Patientinnen und Patienten auch beim Impfen einen eindeutigen Ansprechpartner haben, der die Gesamtverantwortung trägt. Sonst weiß die eine Hand nicht, was die andere tut“, so der Bundesvorsitzende des HÄV, Ulrich Weigeldt. Dieser Ansprechpartner sei der Hausarzt.

Schmerzmittel direkt vom Hausarzt?

Im Übrigen forderte der Verband für die Hausärzte nun im Gegenzug das Dispensierrecht für bestimmte Arzneimittel. „Die Forderung des Deutschen Hausärzteverbandes, dass bestimmte verschreibungspflichtige Medikamente zukünftig auch von Hausärzten direkt an ihre Patienten abgegeben werden dürfen, soll die medizinische Versorgung der Patienten – insbesondere in ländlichen Gebieten – unterstützen“, erläutert der Sprecher des Verbandes, Christian Schmuck, auf Anfrage.

 
Die Forderung des Deutschen Hausärzteverbandes, dass bestimmte verschreibungspflichtige Medikamente zukünftig auch von Hausärzten direkt an ihre Patienten abgegeben werden dürfen, soll die medizinische Versorgung der Patienten … unterstützen. Christian Schmuck
 

An der Seite der Hausärzte: SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach. In einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) sagte er: „Eine Möglichkeit für Hausärzte, selbst Medikamente an Patienten abzugeben, ist grundsätzlich zu begrüßen. Über eine dafür notwendige Rechtsänderung werde ich mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sprechen.“

Bei Hausbesuchen oder in Pflegeheimen und bei Schmerzpatienten wäre die Medikamentenabgabe durch Hausärzte das Mittel der Wahl, so Lauterbach. Andererseits dürften Hausarztpraxen nicht zu Apotheken werden, betonte er.

 
Die Trennung ärztlicher Tätigkeit von der Abgabe von Arzneimitteln ist aus gutem Grund ein Eckpfeiler unseres Gesundheitssystems. Friedemann Schmidt
 

Apothekerverband und Opposition lehnen das Dispensierrecht für Hausärzte ab

Kritik an dem Vorschlag kommt erwartungsgemäß vom Apothekerverband und von Oppositionsfraktionen im Bundestag. „Die Trennung ärztlicher Tätigkeit von der Abgabe von Arzneimitteln ist aus gutem Grund ein Eckpfeiler unseres Gesundheitssystems“, betont Friedemann Schmidt, Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Sie schütze den Arzt davor, in seiner Therapieentscheidung durch wirtschaftliche Erwägungen kompromittiert zu werden. Und Apotheker hätten durch ihre spezialisierte Ausbildung in Sachen Arzneimittel in der Regel einen klaren Kompetenzvorsprung vor Ärzten. Das nutze den Patienten.

Auch in den Bundestagsfraktionen hat die Forderung Weigeldts und Lauterbachs kaum Freunde: „Ich möchte am Dispensierrecht der Apotheker nicht rütteln“, sagt etwa die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP, Christine Aschenberg-Dugnus auf Anfrage. „Die Trennung zwischen Verschreibung und Ausgabe/Herstellung von Medikamenten hat ihren Sinn: Ärzte sollen nicht finanziell davon profitieren, wenn sie ein Arzneimittel verordnen. Ich sehe in dem Vorstoß auch keine Vorteile für die Patientenversorgung.“

 
Die Abgabe von Medikamenten durch Ärzte sollte sich daher auch in Zukunft nur auf Fälle beschränken, in denen dies im Patienteninteresse ist. Kordula Schulz-Asche
 

Auch Kordula Schulz-Asche, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, hält nichts vom Arzneimittelverkauf in der Hausarztpraxis. „Bei ca. 50.000 zugelassenen verschreibungspflichtigen Arzneimitten, von denen ein großer Teil auch noch vor Ort vorrätig gehalten wird, können nicht einfach Hausärzte einen Teil dieser Versorgung übernehmen“, so die Sprecherin auf Anfrage von Medscape.

Auch Schulz-Asche sieht die Gefahr, dass Hausärzte ökonomischen Interessen bei der Medikamentenabgabe folgen könnten. „Die Abgabe von Medikamenten durch Ärzte sollte sich daher auch in Zukunft nur auf Fälle beschränken, in denen dies im Patienteninteresse ist. Dies würde beispielsweise bedeuten, den Entlassungsprozess von Patienten aus dem Krankenhaus zu überarbeiten. Zusammenarbeit ist das Zauberwort.“

Harald Weinberg, gesundheitspolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, kritisierte: „Herr Dr. Lauterbach ist schon öfters mit nicht ganz durchdachten Schnellschüssen unterwegs gewesen. In diesem Fall war er wohl sehr angetan von einem Vorschlag des Hausärzteverbands. Aber so, wie ich ihn verstehe, will auch er die Apotheken in der Fläche nicht gefährden. Aber genau das würde eine mögliche Folge sein: weniger Medikamentensicherheit und weniger Apotheken“, so Weinberg. Die Abgabe von Medikamenten durch behandelnde Hausärzte sei nur in eng umrissenen Ausnahmefällen sinnvoll.

 

Kommentar

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