Verdächtiger Hautfleck? Jetzt gibt es eine App für die Ferndiagnose – von deutschen Onkologen entwickelt

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

26. November 2018

Hautärzte können künftig ohne persönlichen Patientenkontakt einen verdächtigen Hautfleck diagnostizieren. Möglich wird das durch die teledermatologische Smartphone-Anwendung AppDoc, die die Landesärztekammer Baden-Württemberg jetzt freigegeben hat.

Patienten, die diese Möglichkeit nutzen wollen, können dazu entweder die Seite Online-Hautarzt aufrufen oder die App für iPhones und Android Smartphones herunterladen. Sie müssen dann 3 Fotos der betroffenen Hautstelle aufnehmen und einige Fragen beantworten. Bilder und Informationen werden verschlüsselt an einen Hautarzt irgendwo in Baden-Württemberg übermittelt.

Innerhalb von 48 Stunden erhält der Patient digital eine Einschätzung der Hautveränderung. Rückfragen der Ärzte und Antworten werden in einem geschützten Datenraum gespeichert.

Entwickelt wurde AppDoc von Mitarbeitern der Hautklinik am Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD), des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg in Zusammenarbeit mit der Universitäts-Hautklinik in Essen.

„Oft kommen Patienten mit einem verdächtigen Hautfleck zu spät zum Facharzt“, sagt Dr. Titus Brinker, Assistenzarzt an der Universitäts-Hautklinik Heidelberg und Leiter der App-Entwicklung am NCT. „Beruflicher Stress, lange „Oft kommen Patienten mit einem verdächtigen Hautfleck zu spät zum Facharzt“, sagt Dr. Titus Brinker, Assistenzarzt an der Universitäts-Hautklinik Heidelberg und Leiter der App-Entwicklung am NCT. „Beruflicher Stress, lange Anfahrtswege oder Immobilität – das alles verzögert die zeitsensitiven Diagnosen insbesondere für Hautkrebs.“

 
Oft kommen Patienten mit einem verdächtigen Hautfleck zu spät zum Facharzt. Dr. Titus Brinker
 

Einfach verfügbare Lösungen für die Erstmeinung von verdächtigen Hautstellen sind deshalb dringend erforderlich, betont Brinker. Die Nutzung von AppDoc dauere keine 5 Minuten und habe dadurch eine viel niedrigere Hemmschwelle, als einen Arzttermin zu vereinbaren.

Digital oder direkt beim Hautarzt: Die Treffsicherheit ist vergleichbar

Ob nun digital oder direkt beim Hautarzt: „Die Treffsicherheit der telemedizinischen Diagnose ist für die allermeisten Fragestellungen vergleichbar. Es handelt sich um 90 Prozent Konkordanz, das belegen mehrere neue Publikationen“, berichtet Brinker im Gespräch mit Medscape. Schaue man in ältere Publikationen, falle die Konkordanz geringer aus. „Das hängt mit der Qualität des übermittelten Bildmaterials zusammen: Je besser und höher auflösend die ist, desto höher die Übereinstimmung“, erklärt Brinker.

Mit der Entwicklung von AppDoc ist im Oktober 2017 begonnen worden. Am 21. November 2018 sind Homepage und Apps freigeschaltet worden. 6 Hautärzte stehen bislang für die Befundung zur Verfügung, „Die Kollegen, die das befunden, haben mehr als 10 Jahre Berufspraxis“, berichtet Brinker. Wie viele Hautärzte insgesamt bei AppDoc mitmachen werden, hänge auch von der Nachfrage der Patienten ab.

 
Die Treffsicherheit der telemedizinischen Diagnose ist für die allermeisten Fragestellungen vergleichbar. Dr. Titus Brinker
 

Teilnehmende Dermatologen aus Baden-Württemberg können die Beratung via AppDoc nach GOÄ abrechnen. Der Patient bezahlt eine Service-Gebühr in Höhe von 35 Euro. „Die Pauschale müssen die Patienten derzeit noch selbst tragen, jedoch zeigen sich auch die Krankenkassen interessiert an dem neuen teledermatologischen Angebot“, berichtet Brinker.

Zusätzlicher Videokontakt ist nicht sinnvoll

Einen zusätzlichen Videokontakt hält Brinker aus mehreren Gründen für wenig sinnvoll: „Dazu ist eine Webcam erforderlich, das wäre für manche Patienten und Ärzte eine Hürde. Hinzu kommt der zeitliche Aspekt: Die Übertragung muss ja synchron stattfinden. Noch dazu ist die Video-Übertragung in ländlichen Gebieten häufig nicht gut – eine schlechtere Auflösung würde die Befundung zusätzlich erschweren.“

Ohnehin könnten ja Nachfragen durch den Hautarzt im individuellen Datenraum des Patienten gestellt werden. „Der Patient hat dort auch die Möglichkeit, Freitext zu schreiben – über die Beantwortung der strukturierten Fragen hinaus.“

Evaluation über 2 Jahre

Die begleitende Evaluation zu AppDoc hat begonnen. Angelegt ist sie über 2 Jahre, jedes halbe Jahr werden die Daten ausgewertet. „Uns interessiert, welche Patienten AppDoc nutzen, zu welchen Erkrankungsbildern am häufigsten angefragt wird und auch, ob es Fälle gibt, in denen die digitale Diagnose dem Patienten nicht weiterhelfen konnte“, sagt Brinker.

 
AppDoc kann den Menschen viel überflüssige Wartezeit ersparen und ist eine qualitätsgesicherte erste Informationsquelle. Dr. Wiebke Sondermann
 

Dr. Wiebke Sondermann, Funktionsoberärztin an der Universitäts-Hautklinik in Essen, leitet die externe App-Evaluation. „Oft kommen Patienten durch Suchmaschinen fehlinformiert und teilweise unnötig in die Sprechstunde. AppDoc kann den Menschen viel überflüssige Wartezeit ersparen und ist eine qualitätsgesicherte erste Informationsquelle“, wird sie in einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums Heidelberg zitiert.

App schließt Lücke zwischen Internetrecherche und Arztbesuch, ersetzt diesen aber nicht (immer)

Durch AppDoc soll auch das Problem des Fachärztemangels und der teilweise monatelangen Wartezeit auf einen Termin beim Dermatologen gelöst werden. Häufig möchte ein Patient vorab eine Einschätzung haben, wie dringend die Hautveränderung behandelt werden muss.

 
Die Teledermatologie eröffnet große Chancen für eine effizientere Patientenversorgung und bietet … eine Vorreiter- und Vorbildfunktion für weitere telemedizinische Anwendungen. Prof. Dr. Alexander Enk
 

AppDoc liefert eine erste Einschätzung, inklusive einer Handlungsempfehlung, die den Patienten den Gang zum Arzt meist bereits ersparen kann. Der Service schließt damit die Lücke zwischen einer Internetrecherche und einem persönlichen Praxisbesuch.

Allerdings ersetzt die digitale Ersteinschätzung nicht in jedem Fall den Arztbesuch. Sie sollte vielmehr als erster möglicher Schritt vor einem Arztbesuch gesehen werden, so die Betreiber. Dass Patienten zugunsten von AppDoc auf einen Besuch in der Praxis verzichten, glaubt Brinker nicht. Zumal: „Bei Fällen, die digital nicht eindeutig zu beurteilen sind, werden die Hautfachärzte die App-Nutzer auch weiterhin in die Praxis einladen“, sagt er.

Prof. Dr. Alexander Enk, Direktor der Hautklinik am Universitätsklinikum Heidelberg ist sich sicher: „Die Teledermatologie eröffnet große Chancen für eine effizientere Patientenversorgung und bietet auch aufgrund des hohen Innovationsgrades eine Vorreiter- und Vorbildfunktion für weitere telemedizinische Anwendungen in anderen Bereichen.“

 

Kommentar

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