Es ist nie zu früh – neue US-Leitlinie zur körperlichen Aktivität enthält auch Empfehlungen für 3- bis 5-Jährige

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

22. November 2018

Chicago – Körperlich aktiv zu sein, ist – unabhängig vom Alter – eine der besten Strategien, um gesund zu bleiben. Aber wie viel Bewegung ist notwendig, um der Gesundheit wirklich zu nutzen? Grundsätzlich „ist etwas körperliche Aktivität besser als gar keine Bewegung“, heißt es in einer neuen US-Leitlinie, die bei den Scientific Sessions der American Heart Association (AHA) in Chicago vorgestellt worden ist [1]. Aber für „einen substanziellen gesundheitlichen Nutzen sollten Erwachsene mindestens 150 Minuten pro Woche moderat intensiv oder mindestens 75 Minuten pro Woche hochintensiv körperlich aktiv sein“.

Empfehlungen schon für die Kleinsten

Die aktualisierte Ausgabe der „Physical Activity Guidelines (PAG) for Americans“, herausgegeben vom US-Gesundheitsministerium, enthält erstmals auch Empfehlungen für Kleinkinder im Alter von 3 bis 5 Jahren [2]. Eine zeitliche Vorgabe macht das Ministerium für diese Altersgruppe zwar nicht, aber die Autoren um Dr. Katrina L. Piercy vom Office of Disease Prevention and Health Promotion, Rockville, USA, empfehlen, dass „Vorschulkinder den ganzen Tag über körperlich aktiv sein sollten, um Wachstum und Entwicklung zu fördern“. Eltern und Erzieher sollten 3- bis 5-Jährige demnach zu aktiven Spielen ermutigen, bei denen sie sich auf unterschiedlichste Arten bewegen.

Auch ältere Kinder und Jugendliche sollen der in JAMA publizierten Leitlinie zufolge zu altersangemessenen körperlichen Aktivitäten ermuntert werden, die Spaß machen und Abwechslung bieten. Für sie gibt das Ministerium allerdings auch einen empfehlenswerten zeitlichen Rahmen vor: Kinder und Jugendliche von 6 bis 17 Jahren sollten demnach täglich mindestens 1 Stunde – gerne mehr – moderat bis intensiv körperlich aktiv sein.

Viel Ausdauer, auch ordentlich anstrengend

Den größten Teil der körperlichen Aktivität sollte ausdauerfördernde, aerobe Bewegung ausmachen, an mindestens 3 Tagen in der Woche sollten sich die Kinder und Jugendlichen dabei richtig auspowern. Ebenfalls an mindestens 3 Tagen in der Woche empfiehlt die Leitlinie, körperliche Aktivität in das Bewegungsprogramm zu integrieren, die dem Muskelaufbau dient und die Knochen stärkt.

Die erste Version der „Physical Activity Guidelines for Americans“ war von der US-Bevölkerung kaum angenommen worden. Die neuen Empfehlungen plädierten deshalb in erster Linie schlicht dafür, sich mehr zu bewegen und weniger zu sitzen, sagte Dr. Brett P. Giroir vom Department of Health and Human Services während einer Pressekonferenz anlässlich des AHA-Kongresses.

Jede Minute zählt

Außerdem soll eine weitere Änderung den Amerikanern erleichtern, die Empfehlungen umzusetzen: In der ursprünglichen Leitlinie zählten erst Bewegungseinheiten ab 10 Minuten Länge zu der empfohlenen Aktivitätszeit von mindestens 150 Minuten. In der aktualisierten Leitlinie dagegen zählt jede Minute Bewegung – also auch Aktivitäten wie im Alltag eine Treppe zu steigen.

Die 150 Minuten – oder mehr – Bewegung sollten aus über die Woche verteilten Ausdauereinheiten sowie einem Krafttraining, welches alle wichtigen Muskelgruppen beansprucht, an mindestens 2 Tagen pro Woche bestehen.

Im Alter auch das Gleichgewicht trainieren

Grundsätzlich gelten diese Empfehlungen auch für ältere Menschen, heißt es in der Leitlinie. Neben dem Ausdauer- und Krafttraining sollten Senioren aber auch Übungen und Aktivitäten einbauen, die das Gleichgewicht stärken. Die Intensität der körperlichen Aktivität sollte an die körperliche Fitness und eventuell vorliegende chronische Erkrankungen angepasst werden.

Schaffen ältere Menschen keine 150 Minuten körperliche Aktivität pro Woche, etwa aufgrund von chronischen Erkrankungen, sollten sie sich so viel bewegen, wie ihr Gesundheitszustand es eben erlaubt.

Evidenzbasiert, aber schwierig zu erreichen

Die aktualisierten Empfehlungen des US-Gesundheitsministeriums, die künftig auch die offiziellen Empfehlungen der AHA sein werden, basieren auf einem systematischen Review der Literatur und werden durch starke oder moderat starke wissenschaftliche Evidenz gestützt.

„Doch die gesetzten Aktivitätsziele in der gesamten Bevölkerung zu erreichen, wird schwierig sein, angesichts dessen, dass sich derzeit circa 80 Prozent der Erwachsenen und Jugendlichen in den USA nicht ausreichend bewegen, um optimal gesund zu bleiben“, schreiben Dr. Paul D. Thompson von Hartford Healthcare am Hartford Hospital, Hartford, USA, und Dr. Thijs M. H. Eijsvogels von der Abteilung für Physiologie am Universitätsklinikum Radboud, Nijmegen, Niederlande, in einem Editorial [3].

Und auch AHA-Präsident Prof. Dr. Ivor Benjamin, Cardiovascular Center, Medical College of Wisconsin, Milwaukee, USA, sagte bei einer Pressekonferenz, dass sich „Studien zufolge nur 26 Prozent der Männer, 19 Prozent der Frauen und 20 Prozent der Jugendlichen ausreichend bewegen, um die Empfehlungen zur körperlichen Aktivität zu erfüllen“.

Für Kardiologen sei dies besonders besorgniserregend, „da wenig Bewegung in Kombination mit einem sitzenden Lebensstil die häufigsten und kostspieligsten Krankheiten, wie Herzerkrankungen und Schlaganfälle, begünstigen kann“.

Gemeinsame Anstrengung, einfache Botschaft

Um das Level an körperlicher Aktivität auf Bevölkerungsebene anzuheben, sei deshalb „die Zusammenarbeit vieler Sektoren erforderlich, darunter Ärzte, andere Fachleute im Gesundheitswesen und Organisationen der Gesundheitsfürsorge“, ergänzen Thompson und Eijsvogels. „Doch wenn es gelingt, die Empfehlungen umzusetzen, wird dies sowohl die Gesundheit des Einzelnen als auch der Gesamtbevölkerung drastisch verbessern.“

 
Jede Aktivität ist besser als keine. Dr. Paul D. Thompson und Dr. Thijs M. H. Eijsvogels
 

Die wohl wichtigste Botschaft der neuen Leitlinie ist, dass sich der größte gesundheitliche Nutzen ergibt, wenn man ausgehend von gar keiner Bewegung anfängt, körperliche Aktivität in den Alltag einzubauen – selbst wenn es nur wenig ist und von moderater Intensität, etwa ein zügiger Spaziergang. Mehrere Studien zeigen, dass sich die größten Risikoreduktionen, etwa für KHK, bei den geringsten Leveln an körperlicher Aktivität zeigen. „Das ist die Schlüsselbotschaft, das sollten Ärzte ihren Patienten mitteilen“, so Thompson und Eijsvogels. „Jede Aktivität ist besser als keine.“

Führende Rolle für Ärzte

Und auch für die „Weekend Warriors“ gebe es gute Nachrichten: Die Leitlinie empfiehlt zwar die Bewegungseinheiten über die Woche zu verteilen. Doch Studien zeigten, so die beiden Editorialisten, dass es auch möglich sei, seinen gesamten Aktivitätsbedarf an 1 oder 2 Tagen zu decken – „das bringt den gleichen gesundheitlichen Nutzen wie Aktivität an 3 oder mehr Tagen pro Woche.“

„Ärzte spielen in diesem ‚Aufruf zur Aktivität‘ eine entscheidende Rolle“, so Thompson und Eijsvogels. Die beiden Mediziner empfehlen, eine Beurteilung des körperlichen Aktivitätslevels routinemäßig in jede klinische Untersuchung zu integrieren.

Die richtige Dosis Sport verschreiben

In einem Meinungsartikel zu der Publikation der aktualisierten Leitlinie in JAMA schreiben Giroir und sein Kollege Dr. Don Wright, ebenfalls vom US-Gesundheitsministerium, dass „Ärzte ihren Patienten Bewegung in der richtigen Dosis verschreiben können“ [4]. Darüber hinaus könnten technologische Hilfsmittel wie Wearables und Apps dabei helfen, Bewegungsziele zu setzen und zum Sport zu motivieren, etwa durch Schritt- oder Kalorienzählen.

„Ärzte und andere Gesundheitsberufe sollten sich an dem Aufruf, einfache Lebensstiländerungen umzusetzen, um Langlebigkeit und Lebensqualität zu fördern, nicht nur beteiligen, sondern eine Führungsrolle einnehmen“, lautet das Fazit der beiden Autoren.

 

Kommentar

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