MEINUNG

Jedes 2. HIV-infizierte Kind bekommt keine Therapie: Säuglinge brauchen “sprinkles” – und was sich sonst noch ändern muss

Claudia Gottschling

Interessenkonflikte

20. November 2018

Dr. Mutsa Bwakura-Dangarembizi

Weltweit sind 2,1 Millionen Kinder mit HIV infiziert. 9 von 10 leben in Afrika. Die Medikamente gegen das Virus sind inzwischen weitgehend auch in Entwicklungsländern verfügbar. Aber: Nur 43 % der Kinder weltweit erhalten eine antiretroviralen Therapie (ART). Diese traurigen Zahlen präsentierte Dr. Mutsa Bwakura-Dangarembizi auf dem World Health Summit (WHS) im Oktober in Berlin. Im Interview mit Medscape erklärt die Kinderärztin von der University of Zimbabwe in Harare, Zimbabwe, warum Kinder bei der Therapie so benachteiligt sind. Damit sich das ändert, hat sie die HIV-Medikamente auch selbst probiert. Eindrücke von der HIV-Therapie in Afrika …

Medscape: Warum haben Sie die Medikamente gegen das HI-Virus selbst geschluckt?

Dr. Bwakura-Dangarembizi: So kann ich den Eltern viel besser erklären und sogar zeigen, wie Sie die Probleme mit der Einnahme bei Ihren Kindern meistern können.

Medscape: Mit welchen Problemen kämpfen Sie als Kinderärztin in Zimbabwe bei der HIV-Therapie der jungen Patienten?

Dr. Bwakura-Dangarembizi: Vor 15 Jahren etwa hatten wir überhaupt keine Darreichungsformen für Kinder zur Verfügung und zerkrümelten die Tabletten der Erwachsenen. Dann haben wir mit den Generika-Herstellern Studien durchgeführt und gewichtsadaptierte Kombinationstabletten entwickelt.

Medscape: Welches Beispiel halten Sie für besonders gelungen?

Dr. Bwakura-Dangarembizi: Wir hatten ein Problem mit dem Protease-Inhibitor Kaletra®. Er stand uns nur als eklig, faulig schmeckender Sirup zur Verfügung. Dann haben wir Studien gestartet, welche Darreichungsformen Kinder in verschiedenen Altersgruppen am ehesten annehmen. Das Ergebnis war: Für Kleinkinder im Alter bis 3 Jahren funktionierten Krümel, sogenannte „sprinkles“, verpackt in einer kleinen Kapsel. Unser Ziel: Auch die Großmutter eines Aidsweisen auf dem Land soll dem Kleinkind seine Medizin verabreichen können, indem sie die „sprinkles“ etwa in einen Brei verrührt.

Medscape: Und die älteren Kinder?

Es hat sich in den vergangenen Jahren viel verbessert, vor allem was den Zugang zu Medikamenten angeht. Dr. Mutsa Bwakura-Dangarembizi
 

Dr. Bwakura-Dangarembizi: Die zogen das Medikament in Tablettenform vor, obwohl die Pille groß war und als Ganzes geschluckt werden musste. Die „sprinkles“ haben sich inzwischen in vielen Ländern durchgesetzt und den Sirup abgelöst. Nun arbeiten wir daran, die Medikation noch weiter zu vereinfachen, so dass Kaletra® nur noch einmal am Tag genommen werden muss und nicht zweimal.

Medscape: Die Vereinfachung der ART ist seit vielen Jahren Ihr Forschungsgebiet. Was sind Ihre nächsten Ziele?

Dr. Bwakura-Dangarembizi: Es hat sich in den vergangenen Jahren viel verbessert, vor allem was den Zugang zu Medikamenten angeht. Auch einige Rezepturen haben sich vereinfacht. Aber viele Präparate sind immer noch nicht an die verschiedenen Altersgruppen angepasst. Die Zahl der Neuinfektionen von Kindern in Afrika sinkt kontinuierlich. Gleichzeitig steigt die Zahl derer, die nun schon einige Jahre eine einfache, kindgerechte Firstline-Medikamente bekommen. Aber wenn sich Resistenzen bilden, müssen wir auf eine andere ART umsteigen. Ich arbeite jetzt in einem Projekt, das die Pharmakokinetik und Akzeptanz von Kinder für die Vereinfachung der Secondline-Therapien erforscht. Auch da wollen wir versuchen, eine einfache Kombipille zu entwickeln.

Medscape: Auf welchem Weg kommen die Medikamente zu Ihnen?

Dr. Bwakura-Dangarembizi: Wir bekommen sie über die WHO und den Global Fund. Die Präparate, die bei uns zum Einsatz kommen sind Generika – meist aus Indien – und nicht die Originale der großen Pharmafirmen. In Zimbabwe setzen wir fixe Kombinationen ein. Das heißt: Wir verabreichen nicht 3 verschiedene Tabletten pro Tag, sondern eine extra angefertigte 3-in-1-Kombination. Diese können halbiert und in Wasser oder Milch aufgelöst werden.

Damit gelingt es der Betreuungsperson eines Kindes viel einfacher die richtige Dosis zu verabreichen. Unser Ziel ist die Vereinfachung der Behandlung, damit die Kinder so nah wie möglich an ihrem Wohnort therapiert werden können. Auch auf dem Land, wo weit und breit kein Arzt ist, bestenfalls eine Krankenschwester. HIV ist in Afrika eine Familienkrankheit, alle müssen an einem Strang ziehen und man braucht mehr als eine Person, die sich um ein krankes Kind kümmert. Mit sozialer Unterstützung mehrerer Verwandter ist die Compliance auf alle Fälle besser. Das gilt übrigens auch für Erwachsene.

Medscape: Weltweit erhalten nur 43 Prozent der HIV-infizierten Kinder Medikamente. Wie ist die Situation derzeit in Ihrem Land?

Dr. Bwakura-Dangarembizi: In Zimbabwe bekommen etwa 50 bis 55 Prozent der infizierten Kinder eine HIV-Therapie. 3 Prozent aller Kinder sind ungefähr infiziert.

Medscape: Gibt es neben den Problemen mit der Dosierung noch andere Gründe für die schlechte Versorgung?

Unser Ziel ist die Vereinfachung der Behandlung, damit die Kinder so nah wie möglich an ihrem Wohnort therapiert werden können. Dr. Mutsa Bwakura-Dangarembizi
 

Dr. Bwakura-Dangarembizi: Ein Hauptgrund ist auch, dass zu wenige Kinder diagnostiziert werden. Wenn die Eltern mit HIV infiziert sind, muss man auch die Kinder testen. Oder, wenn ein Kind mit einer HIV-Infektion in die Klinik kommt, sollten auch die Geschwister untersucht werden. In Zimbabwe haben wir eingeführt, dass jeder Patient, der aus irgendeinem Grund ins Krankenhaus kommt, einen HIV-Test und wenn nötig eine Therapie angeboten bekommt. Unabhängig von der CD4-Zellzahl fangen wir gleich damit an. Wir nennen das „test and treat policy“.

Medscape: Also sind sowohl Tests als auch Medikamente überall verfügbar?

Dr. Bwakura-Dangarembizi: Ja, auf alle Fälle.

Medscape: Gelangen die Erkenntnisse zur Vereinfachung der Behandlung aus den Entwicklungsländern irgendwann wieder zurück in die Industrieländer, sodass sich auch hier die Therapie vereinfacht?

Dr. Bwakura-Dangarembizi: Absolut. Ich finde es aufregend, dass sich unsere Erkenntnisse auch in den Empfehlungen für Kinder weltweit niederschlagen. Uns geht es aber nicht nur um eine Vereinfachung der Medikation. Wir versuchen auch herauszufinden, welche Medikamente am ehesten Fehler bei der Einnahme einer Tablette verzeihen. Wenn ein Mensch von Kindesbeinen an sein ganzes Leben lang HIV-Medikamente einnehmen muss, brauchen wir Wirkstoffe, die eine hohe Barriere gegen Resistenzen bieten.

Medscape: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dr. Bwakura-Dangarembizi: Dass Kinder nicht mehr mit HIV infiziert werden. Sie erkranken nur, wenn die Prävention bei Erwachsenen versagt. Das Ziel muss daher auch sein, noch mehr Erwachsene zu testen, zu behandeln und die Therapie zu überwachen. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wenn eine Frau schwanger werden will, sollte die Virusvermehrung unterdrückt sein. Dann liegt die Übertragungswahrscheinlichkeit auf das Kind unter 2 Prozent. Fernziel ist natürlich eine ultimative Heilung.

Medscape: Glauben Sie daran?

Dr. Bwakura-Dangarembizi: Ich bleibe optimistisch, nachdem wir schon so viel erreicht haben. Die Infektionsraten bei Erwachsenen in Afrika sind von ungefähr 40 Prozent auf 13 Prozent zurückgegangen. Leider steigen die Infektionsraten bei jungen Leuten wieder an, seit wir den Luxus von guten Medikamenten haben.

 

Kommentar

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