Gibt es einen Mangel an Grippe-Impfstoff – oder nur ein Verteilungsproblem? Was PEI, Ärzte und Apotheker dazu sagen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

21. November 2018

Sind die Impfstoffe für die aktuelle Influenza-Saison nahezu ausverkauft oder ist der Impfstoff trotz regionaler Lieferprobleme ausreichend? Aktuelle Pressemitteilungen haben in den letzten Tagen für Verwirrung gesorgt. Impfstoffhersteller hatten mitgeteilt, dass ihre Bestände „abverkauft“ sind. „Abverkauft ist aber nicht gleichbedeutend mit ausverkauft“, stellt Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) gegenüber Medscape klar.

Aktualisiert

BMG lockert Vorschriften zur Impfstoffbeschaffung

Die Bundesregierung reagiert auf die regionalen Engpässe bei der Versorgung mit dem tetravalenten Influenza-Impfstoff. Das Bundesgesundheitsministerium lockert die Vorschriften für die Beschaffung. Demnach können die Bundesländer bei regionalem Bedarf erlauben, dass sich Apotheken und Arztpraxen untereinander mit Grippeimpfstoff versorgen und dass aus anderen Ländern der Europäischen Union bezogene Impfstoffe in den Apotheken abgegeben werden. Das ist normalerweise nicht möglich. Auch die Gesundheitsämter können den Impfstoff weitergeben.

Abverkauft heißt zwar, die Lager sind leer. Das bedeute aber nicht, dass damit schon alles verimpft sei: „Teilweise ist der Impfstoff noch in der Handelskette unterwegs – also zwischen Großhandel, Apotheken und Ärzten, das ist etwas anderes als ausverkauft“, betont Stöcker.

Das PEI hat bislang 15,7 Millionen Dosen für 4 tetravalente und einen trivalenten Impfstoff gegen Influenza freigegeben. Nachproduzieren können die 4 zuständigen Pharmafirmen nicht mehr, denn die Herstellung dauere ein halbes Jahr, sagt Stöcker. Die Stamm-Zusammensetzung der Influenza-Impfstoffe muss bekanntlich jedes Jahr an die aktuelle epidemiologische Situation angepasst werden.

 
Teilweise ist der Impfstoff noch in der Handelskette unterwegs – also zwischen Großhandel, Apotheken und Ärzten, das ist etwas anderes als ausverkauft. Susanne Stöcker
 

Mit 15,7 Millionen Dosen liegt die Produktion 2018 etwas unter der von 2017 (16,9 Millionen Dosen). Zum Vergleich: 2014 waren (in KW 45) 17,5 Millionen Dosen freigegeben worden, 2013 (KW 48) waren es rund 21,8 Millionen Dosen, 2016 (in KW 44) 16 Millionen Dosen. Allerdings seien 2017 auch nur 13 Millionen Dosen verbraucht worden, so Stöcker gegenüber dem MDR .

Kein genereller Engpass, aber ein Verteilungsproblem

Stöcker sieht keinen Grund für einen generellen Engpass, es sei ausreichend produziert worden, stellt sie fest. Ein Problem ist eher die Verteilung: „Es gibt regionale Engpässe und wir versuchen herauszufinden, wo sie sind“, so Stöcker.

Herausfinden will das PEI das über ein Meldesystem: Seit dem 10. Oktober 2018 hat das PEI ein Online-Formular zur Meldung vermuteter Engpässe von Impfstoffen bereitgestellt. Es umfasst Angaben zum Standort der Arztpraxis, zum Impfstoff, zur Anzahl der kontaktierten Apotheken und zum Bezugsweg. Angehörige der Heilberufe sowie Patienten werden gebeten, dem PEI über dieses Formular mitzuteilen, wenn ein Grippeimpfstoff nicht verfügbar ist.

„Generell beobachten wir keinen bundesweiten Impfstoffmangel“, so Stöcker. Zwar sind Meldungen über Engpässe bei Grippe-Impfstoffen nichts Ungewöhnliches, die gab es in den vergangenen Jahren immer mal wieder, aber dieses Jahr kamen sie „außergewöhnlich früh auf – schon im Oktober“, stellt Frank Eickmann, Sprecher des Landesapothekerverbandes (LAV) Baden-Württemberg, klar. „Es gibt kaum noch Impfstoff und wenn ich jetzt als Apotheker noch welchen bestellen möchte, muss ich schon Glück haben“, berichtet Eickmann.“ Er nennt die Situation „unglücklich“.

Von Lieferengpässen in Niedersachsen hatte der Deutsche Hausärzteverband schon vor Wochen berichtet. Im Oktober hatten in mehreren Regionen des Landes Impfdosen gefehlt, so Uwe Lank, Vorstandsmitglied im Hausärzteverband Niedersachsen. Verbandsmitgliedern zufolge würden Vorbestellungen aus dem Frühjahr bevorzugt ausgeliefert.

Das bestrafe, so Verbandschef Dr. Matthias Berndt, nun besonders die Hausärzte, die sich an die Aufforderung von Kassenärztlicher Vereinigung und Krankenkassen gehalten hatten, die Impfstoffe schrittweise zu ordern.

Das niedersächsische Gesundheitsministerium teilte allerdings mit, dass aktuell nicht von einer anhaltenden landesweiten Verknappung auszugehen sei. „Uns sind derartige Probleme nicht bekannt“, sagte auch der Präsident des Landesgesundheitsamtes, Matthias Pulz, dem NDR .

Verkürzte Vorbestellzeit, größere Nachfrage

Eine Rolle spielt dabei die Umstellung auf den 4-fach-Impfstoff. Im Januar dieses Jahres hatte die STIKO den tetravalenten Impfstoff empfohlen. Ende Juni hatte dann der G BA entschieden, dass die Krankenkassen die Kosten für den 4-fach-Impfstoff übernehmen müssen.

„Die G-BA-Entscheidung war die Rechtsgrundlage“, so Eickmann. Mitte bis Ende Juli meldeten die Impfstoffhersteller dann ihre Preise an die Krankenkassen. Klassischerweise werde im Februar/März vorbestellt, was aber in diesem Fall nicht möglich war, denn im Frühjahr lagen weder die G-BA-Entscheidung, noch die Preise der Hersteller vor.

 
Es gibt kaum noch Impfstoff und wenn ich jetzt als Apotheker noch welchen bestellen möchte, muss ich schon Glück haben. Frank Eickmann
 

„Durch diese Umstände fiel die Vorbestellzeit deutlich kürzer aus und die Vorbestellungen waren entsprechend geringer als in den Vorjahren, das führte zu einer geringeren Produktion“, erklärt Eickmann. Die Produktionshöhe wird aus den Vorbestellungen ermittelt, denn Impfstoffe gegen Influenza können ja nicht für die nächste Saison gelagert werden.

„Hinzu kommt, dass wir aufgrund der vergangenen, heftigen Grippesaison eine höhere Nachfrage der Patienten haben, also eine höhere Impfbereitschaft, das ist ja grundsätzlich positiv“, sagt Eickmann.

Wer hat Schuld?

Den Grund für die Engpässe sieht Berndt darin, dass die Hersteller Lagerkosten sparen und so Gewinne maximieren wollten. Er spricht von einer Just-in-time-Produktion der Unternehmen.

 
Hinzu kommt, dass wir aufgrund der vergangenen, heftigen Grippesaison eine höhere Nachfrage der Patienten haben, also eine höhere Impfbereitschaft … Frank Eickmann
 

Eickmann betont, dass viele Dinge zusammenspielten. Ohne Rechtsgrundlage konnten kaum Vorbestellungen getätigt werden, sonst hätte der Besteller am Ende auf den Kosten sitzenbleiben können. Am ehesten hänge es also an den Kassen, denn die Entscheidung, was übernommen werde, sei für die Vorbestellungen zu spät gekommen. Die Kassen aber, betont Eickmann, hatten auch gute Gründe zu warten, denn die Preise der Impfstoffhersteller lagen bis Mitte/Ende Juli noch nicht vor.

Eickmann geht davon aus, dass sich die Probleme im nächsten Jahr nicht wiederholen. „Wir erwarten für nächstes Jahr, dass wir ein ganz normales Bestellfristjahr für den Grippe-Impfstoff bekommen, dass also die Vorbestellungen – wie gewohnt – im Februar, März kommen. Damit sollten sich die Probleme wie dieses Jahr dann auch nicht mehr ergeben.“

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Kommentar

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