Studie prüft Yoga als Herzinfarkt-Reha: Die sanfte Alternative?

Patrice Wendling

Interessenkonflikte

19. November 2018

Chicago/USA – Eine auf regelmäßigem Yogatraining basierende Rehabilitationsmaßnahme hat sich in einer randomisierten Studie aus Indien als sicher erwiesen und auch die Lebensqualität der Patienten nach einem Herzinfarkt verbessert. Die Intervention war aber nicht mit einer signifikanten Verbesserung klinischer Endpunkte verbunden. Die Studie wurde im Rahmen einer Late-Breaking-Session bei den American Heart Association (AHA) 2018 Scientific Sessions in Chicago vorgestellt [1].

Sanfte Alternative zu konventioneller Reha?

Yoga werde weltweit immer beliebter und habe das Potential, eine kostengünstige Alternative zu konventionellen Rehabilitationsmaßnahmen zu werden, meint Erstautor Prof. Dr. Dorairaj Prabhakaran, Direktor des Centre for Chronic Disease Control, Neu-Delhi, Indien, im Gespräch mit Medscape.

Manchmal würden Patienten konventionelle Reha-Angebote nicht in Anspruch nehmen, da sie ihnen zu anstrengend seien, speziell die Komponente körperliche Aktivität, ergänzt er. „Die sanfteren Bewegungen, die Meditation und die Atemübungen des Yogas finden sie oft angenehmer.“

Yoga, Atmen, Meditieren

An 24 Zentren in Indien wurden daher 3.959 Patienten innerhalb von 14 Tagen nach einem akuten Herzinfarkt randomisiert – entweder auf die 14-wöchige Yoga-CaRe-Intervention oder eine erweiterte Standardtherapie, die neben der Verteilung von Informationsbroschüren auch Patientenedukation an insgesamt 3 Terminen umfasste.

Yoga-CaRe bestand u.a. aus einem Training in Atem- und Mediationsübungen sowie 15 Yoga-Übungen. Das Training wurde über 13 Wochen von ausgebildeten Yogalehrern geleitet, in der letzten Woche trainierten die Teilnehmer alleine zuhause.

3 Viertel der Patienten in der Studie hatten einen ST-Hebungsinfarkt hinter sich und knapp ein Drittel wies eine Hypertonie auf, war an Diabetes erkrankt oder rauchte. Im Schnitt waren sie 53,4 Jahre alt.

Die kardiologische Behandlung sei in beiden Studienarmen qualitativ hochwertig und zeitgemäß gewesen, berichtete Prabhakaran. Bei fast 60% der Patienten wurde eine perkutane Koronarintervention (PCI) durchgeführt, 98,5% erhielten eine Plättchenhemmung, 84% eine duale Plättchenhemmung, 93% eine Statintherapie und etwa 50% einen ACE-Hemmer oder einen Angiotensin-Rezeptor-Blocker (ARB).

Kein Unterschied zur Kontrollgruppe

Der primäre Endpunkt der Studie war eine Kombination aus Tod, nicht-tödlichem Herzinfarkt, nicht-tödlichem Schlaganfall und notfallmäßiger Hospitalisierung aufgrund kardiovaskulärer Ursachen. Nach 42 Monaten war in der Yoga-CaRe-Gruppe bei 6,7% der Patienten und in der Kontrollgruppe bei 7,3% der Patienten eines dieser Endpunktereignisse eingetreten. Der Unterschied war in einer Intention-to-treat-Analyse statistisch nicht signifikant (Hazard Ratio: 0,91; 95%-Konfidenzintervall: 0,72-1,15).

Die Analyse habe allerdings auch nicht über ausreichend statistische Power verfügt, um mögliche Unterschiede nachzuweisen, da es nur zu halb so vielen Ereignissen gekommen sei, wie ursprünglich angenommen, sagte Prabhakaran. Er merkte außerdem an, dass sich die Nachsorge bei Herzinfarktpatienten in Indien im Verlauf der Studie verbessert habe.

In einer Per-Protocol-Analyse von 1.059 Patienten, die an mindestens 10 Yoga-CaRe-Terminen teilgenommen hatten, war die Zahl der primären Endpunktereignisse allerdings um fast die Hälfte geringer als in der Kontrollgruppe (HR: 0,54; 95%-KI: 0,38-0,76; p < 0,001).

Die Lebensqualität, basierend auf Patientenangaben und gemessen nach 3 Monaten anhand der EQ-5D Visual Analog Scale, fiel in der Yoga-CaRe-Gruppe signifikant besser aus als in der Kontrollgruppe (10,7 vs 9,2; p = 0,002). Die Patienten, die Yoga praktizierten, kehrten mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder zu den täglichen Aktivitäten zurück, die sie vor dem Herzinfarkt, ausgeübt hatten (p < 0,001). Aber sie hörten nicht häufiger mit dem Rauchen auf als die Kontrollen (p = 0,11) und auch die Adhärenz gegenüber der medikamentösen Therapie war bei ihnen nicht besser (p = 0,52).

War die Vergleichstherapie fair?

Bei der Diskussion der Studienergebnisse nach dem Vortrag von Prabhakaran sagte Dr. Vera Bittner, University of Alabama, Birmingham, USA, dass die Yoga-Intervention gut definiert gewesen sei, doch die Patienten in der Kontrollgruppe mit erweiterter Standardbehandlung hätten viel weniger Kontakt mit dem Studienpersonal gehabt.

„Das ist etwas, das die Lebensqualität und auch den Parameter ‚Rückkehr zu früheren Aktivitäten‘ beeinflusst haben könnte. Denn aus der kardiologischen Rehabilitation wissen wir, dass die Ermutigung durch das Personal bei diesen Größen eine wichtige Rolle spielen kann“, sagte sie.

Im Kontrollarm habe es außerdem keine Bewegungsintervention gegeben. Dies werfe die Frage auf, ob die beobachteten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen tatsächlich Yoga-spezifisch seien, oder ob die gleichen Ergebnisse auch mit einem zuhause durchgeführten Gehtraining hätten erreicht werden können.

 
Was uns hier fehlt, ist der Vergleich mit unseren traditionellen, evidenzbasierten kardiologischen Rehabilitationsprotokollen. Ein solcher Vergleich wäre ein wichtiger nächster Forschungsschritt. Prof. Dr. Donna Arnett
 

Zur Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse sagte Bittner, dass unklar sei, ob sie sich auf Herzinfarkt-Patienten in anderen Settings oder auf kränkere Patienten übertragen ließen – angesichts des eher jungen Alters der Patienten in der Studie, dem geringen Anteil an Frauen und der geringen kardiovaskulären Ereignisrate.

Die Adhärenz von nur 53% in der Yoga-Gruppe werfe außerdem die Frage auf, ob die Adhärenz außerhalb einer klinischen Studie womöglich noch schlechter wäre. Künftige Studien zu Yoga-Interventionen müssten das Yoga-Training deshalb mit einer stationären oder ambulanten Standard-Rehabilitationsmaßnahme vergleichen, so Bittners Fazit.

Und auf Nachfrage von Medscape betont auch die ehemalige AHA-Präsidentin Prof. Dr. Donna Arnett, University of Kentucky College of Public Health, Lexington, USA: „Was uns hier fehlt, ist der Vergleich mit unseren traditionellen, evidenzbasierten kardiologischen Rehabilitationsprotokollen. Ein solcher Vergleich wäre ein wichtiger nächster Forschungsschritt.“

Wo liegt das Problem der traditionellen Reha?

Die kardiologische Rehabilitation sei eines der besten evidenzbasierten Programme, die zur Prävention erneuter Herzinfarkte zur Verfügung stünden, werde aber viel zu wenig genutzt, stellt sie fest. „Ich denke, was wir momentan besser verstehen müssen, ist, weshalb kardiologische Rehabilitationsmaßnahmen bei uns so wenig in Anspruch genommen werden“, sagt Arnett.

„Vielleicht wäre Yoga für Patienten nach einem Herzinfarkt weniger angsteinflößend als eine kardiologische Rehabilitation mit traditionellen Methoden, aber wir brauchen dennoch diesen Vergleich.“ „Gleichwohl“, ergänzt sie, „in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen könnte dies potentiell eine großartige Lösung sein.“

Nächster Schritt: Yoga bei Herzinsuffizienz

Nachdem sie die Sicherheit und Machbarkeit nach Herzinfarkt gezeigt haben, will die Arbeitsgruppe um Prabhakaran die Intervention nun auf Patienten mit Herzinsuffizienz ausweiten. „Die Patientenpopulation mit Herzinsuffizienz wächst und eine erst kürzlich erschienene Studie aus Indien zeigt, dass 50% der Patienten innerhalb von 5 Jahren sterben“, sagte er im Interview.

 
Ich denke, was wir momentan besser verstehen müssen, ist, weshalb kardiologische Rehabilitationsmaßnahmen bei uns so wenig in Anspruch genommen werden. Prof. Dr. Donna Arnett
 

Auf die Frage, ob Yoga eine kostengünstige Alternative sein könnte, und nicht nur eine zusätzliche Maßnahme zur kardiologischen Standard-Rehabilitation, antwortete er: „Es kann die Standard-Rehabilitation ersetzen, aber dafür wäre in Ländern wie den Vereinigten Staaten, die jahrelange Erfahrung in der kardiologischen Rehabilitation haben, ein Sinneswandel erforderlich.“

Dieser Artikel wurde von Nadine Eckert aus www.medscape.com übersetzt und angepasst.

 

Kommentar

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