Zigarette – nein danke“ gilt vor allem für Jüngere: Insgesamt bleibt der Anteil der Raucher trotz sinkender Zahlen hoch

Interessenkonflikte

14. November 2018

Prof. Dr. Lothar H. Wieler

Trotz sinkender Prävalenzen gefährdet der Tabakkonsum in Deutschland immer noch die Gesundheit vieler Menschen. Rauchen ist ein wichtiger Risikofaktor für Erkrankungen der Atemwege, des Herz-Kreislaufsystems und für Krebs. „Würde in Deutschland niemand rauchen, wäre die wichtigste vermeidbare Ursache für chronische Erkrankungen und vorzeitigen Tod in unserem Land beseitigt“, sagt Prof. Dr. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) [1].

In Deutschland lag die Zahl tabakbedingter Todesfälle im Jahr 2013 bei schätzungsweise 121.000. Weltweit sterben jeden Tag rund 19.600 Menschen an den Folgen von Tabakrauch, das sind pro Jahr etwa 7,2 Millionen Menschen. Der Anteil von Rauchern in der Bevölkerung ist immer noch hoch. Rauchen und Passivrauchen werden also auch weiterhin starke gesundheitliche Auswirkungen haben. „Maßnahmen der Tabakprävention und zur Förderung des Rauchausstiegs sollten in allen Altersgruppen weiter vorangetrieben werden“, sagt Wieler.

 
Würde in Deutschland niemand rauchen, wäre die wichtigste vermeidbare Ursache für chronische Erkrankungen und vorzeitigen Tod in unserem Land beseitigt. Prof. Dr. Lothar H. Wieler
 

Die aktuelle Ausgabe des Bundesgesundheitsblatts widmet sich in einem Schwerpunktheft dem Rauchverhalten in Deutschland. Es geht um Trends beim Tabakkonsum, die Häufigkeit tabakassoziierter Krebserkrankungen, neue Produkte wie E-Zigaretten und Tabakerhitzer und verschiedene Ansätze der Tabakprävention.

Trends beim Tabakkonsum

Wie sich der Tabakkonsum in Deutschland im Zeitraum von 1991 bis 2015 entwickelt hat, zeigt eine aktuelle Analyse. Johannes Zeiher und seine Kollegen von der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring am RKI sammelten Querschnittsdaten von 106.158 Personen (Alter 18 bis 79), die im Zeitraum von 1991 bis 2015 an 7 Befragungen teilgenommen haben [2].

Die gute Nachricht: Immer weniger Menschen in Deutschland rauchen. Die sinkende Prävalenz ist aber hauptsächlich auf einen Rückgang bei den jüngeren Altersgruppen seit Anfang der 2000er Jahre zurückzuführen. 2015 rauchten laut der Analyse 22% der Frauen. Das sind 30% weniger als noch 12 Jahre zuvor. Bei den Männern sank der Raucheranteil ebenfalls um knapp 30%, von 39,2% im Jahr 2003 auf 28% im Jahr 2015.

Während 1998 noch etwa jede 10. Frau stark rauchte (mindestens 20 Zigaretten pro Tag), war es 2015 nur noch etwa jede 20. Frau (Prävalenz sank um 47% von 9,2% auf 4,9%). Bei den Männern halbierte sich der Anteil starker Raucher im gleichen Zeitraum ebenfalls von 19,1% auf 9,4%. Seit 1998 sank außerdem die Zahl der täglich durchschnittlich gerauchten Zigaretten bei Frauen und Männern und stagniert seit 2009 bei 11 (Frauen) bzw. 14 (Männer) Zigaretten. Das Einstiegsalter der bei der Befragung 30 bis 65-jährigen Frauen und Männer lag bei 17,4 bzw. 16,9 Jahren.

Zwar gleichen sich die Geschlechter, was das Rauchverhalten anbetrifft, zunehmend an. Es gäbe aber immer noch Unterschiede, weshalb geschlechterspezifische Präventionsmaßnahmen weiterhin wichtig seien, schreiben Zeiher und Kollegen. Eine Verhinderung des Raucheinstiegs und Förderung des Ausstiegs in allen Altersgruppen sei nötig, da ein Rauchstopp auch im höheren Alter noch deutlich positive gesundheitliche Effekte haben könne.

Tabakassoziierte Krebserkrankungen in Deutschland

„Die Ergebnisse zum tabakassoziierten Krebsgeschehen in Deutschland spiegeln die veränderten Raucherprävalenzen in der Bevölkerung mit einer Verzögerung von mehreren Jahrzehnten wieder“, fassen Antje Wienecke und Dr. Klaus Kraywinkel (Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring am RKI) in einer Studie die Ergebnisse zur Entwicklung der Inzidenz und Mortalität seit 1995 zusammen [3].

Der Konsum von Tabak ist immer noch der wichtigste (bekannte) beeinflussbare Risikofaktor für Krebserkrankungen. Im Jahr 2010 wurden in Deutschland 8% der Krebsneuerkrankungen (die Hälfte davon Lungenkrebs) bei den Frauen bzw. 23% bei den Männern dem Rauchen angelastet.

Insgesamt erkrankten in Deutschland im Jahr 2014 29.800 Frauen und 64.700 Männer an einer tabakassoziierten Krebserkrankung, im selben Jahr starben 21.100 Frauen und 45.200 Männer daran.

Wie haben sich die Inzidenzraten verschiedener tabakassoziierter Tumorarten zwischen 1995 und 2014 entwickelt? Wienecke und Kraywinkel stellten hierfür Daten aus epidemiologischen Krebsregistern in Deutschland zusammen, anhand derer im Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) die jährlichen Inzidenzraten geschätzt werden.

Während bei den Männern (mit Ausnahme von Speiseröhrenkrebs) die Raten zurückgehen (am deutlichsten bei Lungenkrebs, Neuerkrankungsrate von 76,6 auf 57,2 pro 100.000 Männer, Sterberate von 69,4 auf 46,5 pro 100.000 Männer), stiegen bei den Frauen alle tabakassoziierten Krebserkrankungen (Ausnahme Tumoren der Harnwege) an, ebenfalls am deutlichsten beim Lungenkrebs (Neuerkrankungsrate von 1995 bis 2014 von 16,2 auf 29 pro 100.000 Frauen; Sterberate von 13,4 auf 22,1 pro 100.000 Frauen).

Die niedrigen Einstiegsraten in den Tabakkonsum bei den heute unter 25-Jährigen würden erst nach 2 bis 3 Jahrzehnten ihre Auswirkungen auf die Inzidenz- und Mortalitätsstatistik zeigen, schreiben Wienecke und Kraywinkel. „Frühere Erfolge ließen sich nur erzielen, wenn es gelänge, mehr Menschen spätestens im mittleren Erwachsenenalter zum dauerhaften Ausstieg zu bewegen“, so die beiden Epidemiologen. Bereits zwischen 6 und 10 Jahren nach einem Rauchstopp halbiere sich das individuelle Lungenkrebsrisiko, das Erkrankungsrisiko für Kehlkopfkrebs sinke 10 bis 15 Jahre nach einem Rauchstopp um 60%.

Neuer Trend: Tabakerhitzer

Die Tabakindustrie reagiert auf Maßnahmen der Tabakkontrolle und sinkenden Pro-Kopf-Verbrauch an Tabak-Produkten mit neuen Angeboten. Seit knapp 15 Jahren ist die E-Zigarette mit wachsendem Erfolg auf dem Markt. Seit 2016 werden in deutschen Großstädten zudem so genannte „Tabakerhitzer“ vertrieben.

 
Die Nutzung von Tabakerhitzern bleibt mit gesundheitlichen Risiken verbunden; es ist noch unklar, inwieweit die reduzierten Gehalte an gesundheitsschädlichen Stoffen zu einem geringeren gesundheitlichen Risiko führen. Dr. Elke Pieper und Kollegen
 

Bei diesem batteriebetriebenen Gerät wird der Tabak („Tabakstifte“ mit verarbeitetem Tabak) elektrisch auf 250 bis 350 Grad Celsius erhitzt (bei der E-Zigarette eine nikotinhaltige Flüssigkeit). Nach 14 Zügen oder 6 Minuten endet der Heizprozess, die Schadstofffreisetzung ist also ähnlich wie bei einer klassischen Zigarette zeitlich begrenzt.

Laut einer Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) sorgen Tabakerhitzer tatsächlich für weniger Emissionen gesundheitsschädlicher Substanzen [4]. Im Vergleich zu klassischen Zigaretten, bei denen bei einem Zug in der Glutzone bis zu 900 Grad Celsius erreicht werden, sinkt die Freisetzung von Formaldehyd, Acetaldehyd, Acrolein oder Crotonaledehyd um 80 bis 96%, diejenige von Benzol und anderen flüchtigen Verbindungen sogar um bis zu 99%. Der Nikotingehalt im Rauch liege jedoch im Bereich konventioneller Zigaretten, wodurch von einem vergleichbaren Sucht- und Abhängigkeitspotenzial auszugehen sei, schreiben Dr. Elke Pieper und ihre Kollegen vom BfR in Berlin.

Entwarnung geben die Forscher vom Bundesinstitut keinesfalls: „Die Nutzung von Tabakerhitzern bleibt mit gesundheitlichen Risiken verbunden; es ist noch unklar, inwieweit die reduzierten Gehalte an gesundheitsschädlichen Stoffen zu einem geringeren gesundheitlichen Risiko führen.“ Hierfür seien Langzeitstudien nötig.

Tabakprävention

Auch wenn Deutschland laut WHO bei der Tabakpräventionspolitik in Europa vor Österreich den vorletzten Platz belegt – die Aufklärung über die gesundheitlichen Risiken und Maßnahmen der Tabakkontrolle zeigen ihre Wirkung: Der Pro-Kopf-Verbrauch an Tabakprodukten ist in den letzten 25 Jahren um rund ein Drittel gesunken. Rauchten Ende der 1990er Jahre noch 28% der 12- bis 17-Jährigen, waren es 2015 nur noch 8%.

Trotz der positiven Entwicklung, beobachten Epidemiologen eine wachsende Polarisierung des Rauchverhaltens bei Erwachsenen. Dr. Benjamin Kuntz und andere Forscher der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring am RKI berichten ebenfalls in der aktuellen Ausgabe des Bundesgesundheitsblatts über einen bei hohem Berufsstatus deutlich zurückgegangenem Raucheranteil, während das Rauchen bei Personen mit niedrigem Berufsstatus (Hilfsarbeiter, Reinigungskräfte, LKW- und Busfahrer, Verkäufer, Abfallentsorgungsarbeiter oder Beschäftigten in der Gastronomie) eher stagniert [5].

 
Das Ziel muss sein, dass der Berufseinstieg junger Auszubildender nicht gleichzeitig den Einstieg in eine langfristige Raucherkarriere bedeutet. Dr. Benjamin Kuntz und Kollegen
 

Da jugendliche Berufsanfänger eine besonders vulnerable Bevölkerungsgruppe seien, sollten Maßnahmen zur Verhinderung des Raucheinstiegs zukünftig stärker auch auf Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe ausgerichtet sein, schreiben Kunz und Kollegen. „Das Ziel muss sein, dass der Berufseinstieg junger Auszubildender nicht gleichzeitig den Einstieg in eine langfristige Raucherkarriere bedeutet.“

Das vor 6 Jahren in Deutschland gegründete Medizinernetzwerk „Aufklärung gegen Tabak“ (AGT), bei der sich Studierende der Medizin und Ärzte ehrenamtlich engagieren, spricht mit verschiedenen präventiven Ansätzen hauptsächlich 10- bis 15-jährige Schüler an. Besonders erfolgreich offenbar die eigens entwickelten „Facemorphing“ Apps „Smokerface“ und „Smokerstop“. Anhand eines Handy-Fotos (Selfie) wird simuliert, wie die Jugendlichen in 3, 9 oder 15 Jahren als Raucher (beim Konsum einer Schachtel Zigaretten) oder Nichtraucher aussehen werden [6]. Erste Studien zeigen eine gute Wirksamkeit dieses Ansatzes bezogen auf den Rauchbeginn, die Abstinenz oder die Aufhörmotivation, die signifikant steigt.

 

Kommentar

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