Objekte der Begierde: Medizinische Versorgungszentren im Visier von Spekulanten – gute Rendite statt guter Patientenversorgung?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

14. November 2018

Private Investoren interessieren sich offensichtlich immer mehr für Medizinische Versorgungszentren (MVZ), um diese für Spekulationsgeschäfte einzusetzen. Die Politik scheint noch ratlos zu sein, wie sie der Entwicklung begegnen will. Kürzlich hat die Bundestagsfraktion der Linken eine parlamentarische Anfrage zum Thema gestellt [1]. Die Befürchtung: Nicht-medizinische Investoren würden sich mehr um die Rendite kümmern als um die Versorgung.

 
Mindestens 2 Schlupflöcher haben dazu geführt, dass sich in der Praxis fast nichts verändert hat. Private-Equity-Gesellschaften investieren weiterhin ungebremst in Medizinische Versorgungszentren. ver.di-Studie
 

Hintergrund der Anfrage ist eine Studie der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di [2]. Sie zeigt, dass die Bundesregierung zwar mit dem GKV-Versorgungsstrukturgesetz 2011 versucht hat, nicht-medizinische Investoren von der Gründung von MVZ auszuschließen. Aber die Anleger haben offenbar andere Wege gefunden. „Mindestens 2 Schlupflöcher haben dazu geführt, dass sich in der Praxis nahezu nichts verändert hat. Private-Equity-Gesellschaften investieren weiterhin ungebremst in Medizinische Versorgungszentren“, heißt es in der Auswertung der ver.di-Studie.

Kliniken kaufen – und die MVZ gleich dazu

Der Trick: Die Investoren kaufen Kliniken mit bereits vorhandenen MVZ und werden über diesen Umweg zum MVZ-Träger. Die Studie zählt insgesamt 11 Klinikkäufe auf, die zur Übernahme von MVZ führten. Ein Beispiel: „Quadriga Capital (Frankfurt/M.) übernahm Ende 2015 gleichzeitig das Kaiserin-Auguste-Victoria-Krankenhaus Ehringshausen (Hessen) und die Zahnärztliche Tagesklinik Dr. Eichenseer MVZ II GmbH (München)“, heißt es in der ver.di-Studie. „Danach wurden der Krankenhaus-GmbH 100% der Anteile der MVZ-GmbH übertragen, sodass die Klinik inzwischen Trägergesellschaft für mindestens 11 MVZ in Hessen, Bayern und Baden-Württemberg ist.“

Oder die Investoren gehen einen so genannten „Asset Deal“ ein. Das heißt, sie kaufen Praxisgebäude, die Patientenkartei, die Computer etc., also die „Assets“ – die Wirtschaftsgüter. Zurück bleibt die entleerte Hülle einer ärztlichen Partnerschaftsgesellschaft, einer GbR oder GmbH. Die vorherigen Eigner werden zu angestellten Ärzten und führen einen Teil ihrer Gewinne über einen Gewinnabführungsvertrag an die Investoren ab.

Genaue Zahlen Fehlanzeige

Die ver.di-Studie zählt anhand der Angaben des Bundeskartellamtes insgesamt 11 Finanzinvestoren, die über 200 MVZ besitzen. Allerdings werden die „sonstigen Träger“ in den Statistiken der Kassenärztlichen und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigungen neben den ärztlichen und Klinikträgern nicht eigens differenziert. Es sei deshalb „unmöglich, einen Überblick zu bekommen, ohne jedes einzelne der etwa 2.400 MVZ unter die Lupe zu nehmen“, wie es heißt.

Nun zeigte die Anfrage der Linken, dass auch die Bundesregierung offenbar keine vollständigen Zahlen hat. So sei die Zahl der MVZ zwischen 2005 und 2017 von 665 auf 2.821 gestiegen, heißt es in der Antwort auf die parlamentarische Anfrage. Davon waren 1.169 humanmedizinische MVZ in Krankenhausträgerschaft und 1.246 in vertragsärztlicher Trägerschaft. Allerdings weiß die Bundesregierung nicht, „wie viele MVZ durch privatisierte Krankenhäuser gegründet wurden und damit potentiell Investitionsobjekte von Kapitalgesellschaften sind“, so die Linken-Fraktion. Schätzungen zufolge dürften etwa 420 MVZ zurzeit in Händen von Private-Equity-Gesellschaften und Vermögensverwaltern liegen, sagte jetzt Rudolf Henke (CDU), stellvertretender Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bundestag vor der Hauptversammlung des NAV-Virchowbundes.

Nachteile für Ärzte und Patienten

Derzeit denke man in den Regierungsfraktionen darüber nach, wie die Sache in den Griff zu bekommen sei, sagt Henke. Denn auch dort sehe man das Problem. Die Gefahr sei, dass „Unzufriedene Patienten zum Beispiel nicht mehr mit Erfolg von Praxis zu Praxis wechseln können, wenn letztlich alle Praxen zum selben Investor gehören“, sagt Henke zu Medscape. Vergleichbares gilt für MVZ-Ärzte. Wenn sie unzufrieden sind mit ihrem Arbeitgeber, finden sie zwar ein anders MVZ – aber damit noch keinen neuen Arbeitgeber. Außerdem gehörten einem MVZ die Praxissitze „auf ewig“, wie Henke sagt.

Wenn ein Arzt das MVZ verlässt, könne die Praxis nicht mehr an einen Nachfolger übergeben werden. Sie stehe damit nicht mehr jungen Kollegen zur Verfügung, die sich niederlassen wollen. „Laut Aussagen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) stehen schon heute im Durchschnitt 20 bis 30% Prozent aller Arztsitze nicht mehr für die freiberufliche Tätigkeit zur Verfügung“, sagt der Politiker.

Außerdem könnten bei investorengeführten MVZ Rendite-Interessen in den Vordergrund treten – anstelle der Patientenversorgung. Ein niedergelassener Arzt stehe mit seiner Praxis und seiner Arbeit für das, was er tut, sagt Henke. „Er kann sich der Erinnerung der Patienten nicht entziehen.“ Bei Investorengeführten MVZ sei das anders. Hier bestehe die Gefahr, dass die Einrichtung im Zweifel verkauft wird und der Verkäufer sich mit dem Gewinn davonmacht, während die angestellten Ärzte im MVZ rasch durchwechseln. Zurück bleiben desorientierte Patienten.

Susanne Müller, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Medizinische Versorgungszentren, Gesundheitszentren und Integrierte Versorgung e.V. (BMVZ) indessen, will Investoren als solche nicht vergraulen. „Das ganze Gesundheitssystem ist Investoren-durchwoben“, argumentiert Müller. „Und Investoren müssen nicht unbedingt ein Problem sein.“

Zur drängenden Frage seien die nicht-medizinischen Investoren aber auch deshalb geworden, weil aufgrund der langanhaltenden Niedrigzinsphase, sogar die vergleichsweise geringen Renditen in der ambulanten Versorgung „interessant für Kapital auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten seien“, so Müller. Zugleich habe die Politik 2015 fachgleiche MVZ erlaubt, die vorher verboten waren. Seither gibt es zum Beispiel sehr viele zahnärztliche MVZ. „Beide Entwicklungen zusammen tragen zur gegenwärtigen Dynamik des Marktes bei“, sagt Müller.

Lösungen nicht in Sicht

Was die Lösungen angeht, herrscht Ratlosigkeit, das bestätigen Henke und Müller. Auch Dr. Achim Kessler, Sprecher für Gesundheitsökonomie und Obmann im Gesundheitsausschuss der Fraktion Die Linke im Bundestag, kritisiert auf Anfrage, dass die Bundesregierung keine Lösungen sucht: „Die Bundesregierung sieht der Übernahme von Gesundheitseinrichtungen durch Großinvestoren tatenlos zu. Obwohl sie das Problem erkannt hat, unternimmt sie so gut wie nichts, um dem Einhalt zu gebieten oder auch nur für verlässliche Informationen über diesen Ausverkauf der ambulanten Versorgung in Deutschland zu sorgen.“

 
Die Bundesregierung sieht der Übernahme von Gesundheitseinrichtungen durch Großinvestoren tatenlos zu. Dr. Achim Kessler
 

Der BMVZ schlägt vor, auf MVZ-Verkäufe, die nur wenige Jahre nach der Gründung oder dem Kauf erfolgen, eine Spekulationssteuer zu erheben wie im Immobilienhandel. „Bei den geringen Renditen würde das Ganze für Investoren ohne langfristiges Versorgungsinteresse zusätzlich unattraktiv.“

Henke unterstützt den Vorschlag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), „dass künftig Kassenärztliche Vereinigungen MVZ gründen dürfen, die sie später den jungen Ärzten aus den Praxen des MVZ auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit übertragen können.“ Und er plädiert dafür, dass in einem MVZ die Mehrheit der Geschäftsanteile und der Stimmrechte bei den MVZ-Ärzten liegen müsse.

Was aber vor allem nötig sei: Transparenz. „Damit die Patienten wissen, wer sie behandelt und wer die Gesellschafter eines MVZ sind“, so Henke weiter Allerdings liegen entsprechende Gesetzesvorhaben nicht auf dem Tisch.

 

Kommentar

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