Episodische Migräne: Erenumab – eine neue präventive Option für Patienten, bei denen herkömmliche Mittel versagen

Dr. Ingrid Horn

Interessenkonflikte

13. November 2018

Mit Erenumab steht für die Migräne-Prophylaxe erstmals ein Wirkstoff zur Verfügung, der direkt in das die Kopfschmerzen verursachende Geschehen eingreift. Eine in The Lancet veröffentliche Phase-3b-Studie zeigt nun, dass sogar Patienten mit einer schwer behandelbaren episodischen Migräne davon profitieren können. Bei 30% reduzierte sich unter Erenumab die Anzahl der Migräne-Tage pro Monat um mindestens die Hälfte [1].

„Die LIBERTY-Studie dürfte damit als erste Studie zeigen, dass eine gegen das Calcitonin-Gene-Related-Peptide (CGRP) gerichtete Therapie präventive Wirkung bei Patienten entfaltet, bei denen die herkömmlichen Mittel versagt haben“, schreiben Erstautor Prof. Dr. Uwe Reuter, Leiter des Kopfschmerzzentrums an der Klinik für Neurologie der Charité in Berlin, und seine Mitautoren. An der randomisierten, doppelt verblindeten, Placebo-kontrollierten Studie, finanziert vom Hersteller Novartis Pharma, waren 59 Institutionen in 16 Ländern beteiligt.

Die neue Entwicklung macht Mut

Lancet-Kommentator Dr. Andrew Charles, Direktor des UCLA Goldberg Migraine Program an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, wertet die Ergebnisse der Studie als vielversprechend sowohl für die Migräne-Patienten als auch für die behandelnden Ärzte [2].

Dr. Charly Gaul

Diese positive Haltung teilt auch Dr. Charly Gaul, Chefarzt an der Migräne- und Kopfschmerz-Klinik in Königstein. „Die Studie ist wichtig, weil sie genau auf die Patienten-Gruppe abzielt, für die wir unbedingt neue Therapieoptionen brauchen“, äußert der Neurologe gegenüber Medscape. Sie ermutige Patienten, die bislang wegen Therapieversagens oder Unverträglichkeit mehrfach erfolglos behandelt wurden, mit dieser neuen Substanz nochmals einen Therapieversuch zu unternehmen.

 
Die Studie ist wichtig, weil sie genau auf die Patienten-Gruppe abzielt, für die wir unbedingt neue Therapieoptionen brauchen. Dr. Charly Gaul
 

Gaul sieht in der Antikörper-Behandlung auch eine neue Chance zu verhindern, dass Migräne-Patienten in eine Abwärtsspirale geraten. „Patienten mit häufiger Migräne sind im Alltag eingeschränkt, sie haben den Wunsch zu funktionieren, die Erkrankung behindert sie jedoch privat, im Sozialleben und im Berufsleben“, führt er aus. Zudem nähmen mit steigender Anzahl der Kopfschmerztage pro Monat psychiatrische Komorbiditäten wie Depression und Angststörungen deutlich zu.

Überlegenheit kündigte sich früh an

Von einer episodischen Migräne spricht man, wenn die typischen Kopfschmerzen – begleitet von Übelkeit, Erbrechen, Lichtscheue und Geräuschempfindlichkeit – weniger als 15 Tage im Monat auftreten. In die Studie aufgenommen worden waren 246 Patienten im Alter von 18 bis 65 Jahre, die seit mindestens 12 Monaten an einer solchen Migräne mit und ohne Aura litten und bislang erfolglos mit 2 bis 4 verschiedenen Medikamenten zur Migräne-Prophylaxe behandelt worden waren. Die Migräne-Tage pro Monat betrugen im Mittel rund 9 Tage (individuell 4 bis 14 Tage).

Die eine Hälfte der Patienten erhielt für den Gesamtzeitraum von 12 Wochen alle 4 Wochen 140 mg (2 Spritzen mit jeweils 70 mg) Erenumab subkutan injiziert, die andere Hälfte eine entsprechende wirkstofffreie Behandlung. Primärer Endpunkt war der Anteil an Patienten, bei denen sich die Migräne-Tage um 50% und mehr in den Wochen 9 bis 12 reduziert hatten.

Wie Reuter und seine Mitautoren berichten, traf dies auf 36 (30%) der 119 mit Erenumab behandelten Patienten zu – im Vergleich zu 17 (14%) der 124 Patienten der Placebo-Gruppe (OR 2,7; 95% KI 1,4–5,2; p=0,002) zu. „Bei 14 (12%) dieser Patienten reduzierten sich die Migräne-Tage letztlich um 75% und mehr, während das in der Placebo-Gruppe nur bei 5 (4%) Patienten der Fall war“, schreiben die Autoren. 7 (6%) waren sogar migränefrei geworden, ein Phänomen, das bei der Placebo-Gruppe nicht zu beobachten gewesen war.

 
Die Studie von Reuter und Kollegen ist die letzte in einer Serie klinischer Studien, die die Wirkung von Erenumab als effektives Mittel zur Migräne-Prävention belegen. Dr. Andrew Charles
 

Die Wirksamkeit von Erenumab gab sich bereits früh zu erkennen. So konnten die Autoren feststellen, dass bereits in den Wochen 0 bis 4 und 5 bis 8 signifikant mehr Patienten in der Erenumab-Gruppe als in der Placebo-Gruppe einen mindestens 50%igen Rückgang der migränebelasteten Tage erlebten. Darüber hinaus besserte sich das körperliche Allgemeinbefinden und steigerte sich die Leistungsfähigkeit im Alltag auch schneller als unter Placebo, entsprechend sank der Verbrauch an Medikamenten für die Akutbehandlung.

Erenumab erwies sich als gut verträglich und sicher

Zwischen den Nebenwirkungsprofilen beider Gruppen ergab sich kein Unterschied. Am häufigsten klagten die Patienten über Schmerzen an der Injektionsstelle, Nasopharyngitis und Rückenschmerzen. Auch hinsichtlich klinischer Parameter wie Leberfunktion, Kreatinin-Konzentration oder Elektrokardiogramm gab es keine Auffälligkeiten.

Für Gaul besonders wichtig ist die Tatsache, dass auch Patienten, die andere Behandlungen wegen Nebenwirkungen haben abbrechen müssen, den Antikörper gut vertrugen. „Jedenfalls führte Erenumab in keinem einzigen Fall zu einem Therapieabbruch“, hält er fest.

Der Antikörper ist in Deutschland seit kurzem verfügbar

„Die Studie von Reuter und Kollegen ist die letzte in einer Serie klinischer Studien, die die Wirkung von Erenumab als effektives Mittel zur Migräne-Prävention belegen“, schreibt Charles. Der Erfolg des Antikörpers beruht auf seinem spezifischen Wirkprinzip. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Prophylaxe-Medikamenten wie Betablocker, Antiepileptika und Antidepressiva greift Erenumab direkt in den Signalweg von CGRP ein. Das Neuropeptid CGRP gilt als eine der stärksten vasodilatorischen Substanzen und soll durch Gefäßerweiterungen im Kopfbereich Migräne auslösen. Diesen Effekt verhindert der neuartige Wirkstoff, indem er an den CGRP-Rezeptor bindet und ihn so blockiert.

 
Der Einsatz ist also auch bei noch nicht so schwer Betroffenen möglich – aber wir sind aufgefordert, auch wirtschaftlich zu behandeln. Dr. Charly Gaul
 

Erenumab ist in Deutschland zugelassen und seit dem 1. November im Handel. Die Indikation gilt für Migräne-Patienten mit mindestens 4 Migräne-Tagen im Monat. „Der Einsatz ist also auch bei noch nicht so schwer Betroffenen möglich – aber wir sind aufgefordert, auch wirtschaftlich zu behandeln“, betont Gaul. Wegen des hohen Preises plädiert der Königsteiner Neurologe zunächst zum Einsatz bei bisherigem Therapieversagen.

Gesellschaft muss Migräne als Krankheit begreifen lernen

Gaul, der auch Generalsekretär der Deutschen Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft ist, erwartet für die erste Hälfte 2019 die Zulassung zweier weiterer Antikörper (Fremanezumab und Galacanezumab).

Mit der dann größeren Therapie-Auswahl verknüpft er allerdings auch eine große strategische Hoffnung: „Die neuen Substanzen werden die Aufmerksamkeit auf das Thema Kopfschmerz in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und in der Forschung lenken. Diesen Schwung sollten wir nutzen, um für unsere Patienten therapeutisch generell mehr zu erreichen und etwas zu bewegen“, so sein Wunsch.

Die Migräne als häufigste neurologische Erkrankung überhaupt müsse aus dem Schatten geholt werden, denn es handele sich keineswegs um eine bloße Befindlichkeitsstörung – ein Vorurteil, das in der Gesellschaft immer noch weit verbreitet sei.

 

Kommentar

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