Wer sich richtig aufwärmt, kann sein Verletzungsrisiko beim Sport halbieren – Experten geben Tipps, wie es geht

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

12. November 2018

Berlin – Von den Verletzungen, die bei jährlich rund 1,5 Millionen Sportunfällen in Deutschland auftreten, müssen die meisten (mehr als 80%) ärztlich behandelt werden. Die Gesamtkosten für diese Behandlungen betragen schätzungsweise 1,5 Milliarden Euro.

„Diese Zahlen machen deutlich, dass die Prävention von Sportverletzungen oberste Priorität hat“, sagte Dr. Gerd Rauch, Kassel, Präsident des diesjährigen Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU), bei einer Kongress-Pressekonferenz in Berlin [1] . Er erläuterte dort entsprechende Präventionsprogramme. Neue Empfehlungen gibt es zudem für die Therapie und Rehabilitation einer sehr häufigen Sportverletzung: der Ruptur des vorderen Kreuzbands.

Zum Beispiel haben die FIFA (FIFA-11+ Aufwärmprogramm) und die Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG-Handball-Trainingsübungen) Programme zur Verletzungsprävention insbesondere für Ballsportarten entwickelt. „Dabei geht es im Wesentlichen um eine allgemeine Aufwärmung, um eine Kräftigung aller Muskelgruppen, um die Stabilisierung der Rumpfmuskulatur, um mehr Beweglichkeit und um korrektes Abrollen und Fallen“, so Rauch. Die Programme enthalten zudem Übungen, um die sportliche Anstrengung ausklingen zu lassen und Übungen zur Regeneration.

Halb so viele Verletzungen dank Präventionsprogramm

Durch den systematischen Einbau solcher Präventionsprogramme lässt sich die Verletzungsrate signifikant reduzieren. Das haben Rauch zufolge verschiedene Studien in Fußball- und Basketball-Ligen gezeigt. So sei es gelungen, mit dem FIFA-11+-Kids-Programm für Kinder zwischen 7 und 12 Jahren die Verletzungshäufigkeit um 48% zu senken.

 
Je früher Kinder und Jugendliche mit diesen Übungen vertraut gemacht werden, … desto selbstverständlicher werden sie diese Praxis im Erwachsenalter beibehalten und vor jedem Sport ein Aufwärmtraining mit Stabilisierungsübungen machen. Dr. Gerd Rauch
 

„Je früher Kinder und Jugendliche mit diesen Übungen vertraut gemacht werden, sie regelmäßig ausführen und dadurch automatisieren, desto selbstverständlicher werden sie diese Praxis im Erwachsenalter beibehalten und vor jedem Sport ein Aufwärmtraining mit Stabilisierungsübungen machen“, so der Kongresspräsident weiter. Ein optimales Warm-up-Programm dauere etwa 20 Minuten.

Empfehlungen für Freizeitsport treibende Patienten

Nachholbedarf sieht er aber bei vielen Freizeitsportlern, gerade der älteren Generation, und vor allem bei Sportarten wie Tennis oder Golf. Ein Aufwärmtraining mit Dehnungsübungen werde gerade in diesen Sportarten viel zu selten gemacht, das erhöhe das Risiko vor allem von Verletzungen in der Muskulatur und im Bereich des Rückens. Zu Empfehlungen, die Ärzte ihren Freizeitsport treibenden Patienten geben können, gehören deshalb (in Anlehnung an die amerikanische Kampagne „Stop Sport Injuries“) u.a.:

  • Bereiten Sie sich durch ein präventives Trainingsprogramm ausreichend auf den Sport vor und lassen Sie die Übungen zur Routine werden, wann immer Sie Sport treiben, auch vorm Skifahren oder einem Golf- oder Tennismatch.

  • Gönnen Sie sich nach dem Sport ausreichend Zeit zur Erholung. Trainieren Sie nicht an aufeinanderfolgenden Tagen.

  • Stehen Sie zu Ihrem individuellen Bewegungsoptimum und entwickeln Sie die sportlichen Fähigkeiten, die zu Ihrem Alter und zu Ihren körperlichen Kräften passen. Überfordern Sie sich nicht und streben Sie nicht nach Leistungen, die den absoluten Profis vorbehalten sind!

  • Sprechen Sie mit Ihrem Trainer oder Ihrem Arzt, wenn Sie Schmerzen beim Sport verspüren oder Ihre Gelenke geschwollen sind. Ignorieren Sie diese Alarmzeichen nicht, sondern hören Sie auf Ihren Körper! Wenn Sie nach einer längeren Zeit wieder sportlich aktiv werden, sollten Sie sich vorher orthopädisch und allgemeinärztlich untersuchen lassen, gegebenenfalls auch kardiologisch.

„Nur bei guter Prophylaxe können wir bis ins hohe Alter Sport treiben, und das ist unser Ziel, um Schäden durch Bewegungsmangel und damit verschiedensten Erkrankungen vorzubeugen“, betonte Rauch.

Mehr als 30.000 Rekonstruktionen des vorderen Kreuzbands pro Jahr

Zu den häufigsten Verletzungen sowohl im Freizeit- als auch im Profisport gehören Rupturen des vorderen Kreuzbands (VKB). So liegt die Zahl der aufgrund von VKB-Rupturen notwendigen Band-Rekonstruktionen allein in Deutschland bei mehr als 30.000 Eingriffen pro Jahr. Die Verletzungen entstehen vor allem bei Sportarten mit vielen Sprüngen, abrupten Stopps, schnellen Richtungswechseln und Drehbewegungen, die das Knie in besonderer Weise belasten. Betroffen sind deshalb besonders Fuß-, Hand- und Basketballer sowie Skifahrer, Feldhockeyspieler und Judokämpfer – und zudem Frauen wesentlich häufiger als Männer.

Dr. Gerd Rauch

 
Je früher Kinder und Jugendliche mit diesen Übungen vertraut gemacht werden, … desto selbstverständlicher werden sie diese Praxis im Erwachsenalter beibehalten und vor jedem Sport ein Aufwärmtraining mit Stabilisierungsübungen machen. Dr. Gerd Rauch
 

Kreuzbandverletzungen treten zumeist auf, wenn das Knie in eine X-Bein-Stellung gerät (Knie dreht sich nach innen, während der Körperschwerpunkt gleichzeitig hinter den Knien liegt und die Beine ungleichmäßig belastet werden). Um das Verletzungsrisiko zu senken, hat die Deutsche Kniegesellschaft das Präventionsprogramm „Stop-X“ mit Lauf-, Balance-, Sprung- und Kraftübungen zur Stabilisierung von Gelenken und umliegender Muskulatur entwickelt.

Die Effektivität solcher Programme ist durch Studien belegt, allerdings müssen sie sich bei Sporttreibenden und z.B. Jugendtrainern offenbar noch deutlich besser als bisher durchsetzen.

Geänderte Therapie-Empfehlungen

„Aus der Verletzung des vorderen Kreuzbands resultiert meist eine Instabilität des Kniegelenks, die allein durch ein gezieltes Aufbautraining der kniegelenksnahen Muskelgruppen nicht aufgefangen werden kann und eine operative Stabilisierung erforderlich macht“, informierte der Sporttraumatologe und Sportmediziner Dr. Christian Schoepp, Mannschaftsarzt beim MSV Duisburg.

Dr. Christian Schoepp

Begleitverletzungen am Knorpel, den Menisken und weiteren Knieligamenten beeinflussten den therapeutischen Algorithmus und erforderten immer eine individuelle Herangehensweise – sowohl hinsichtlich des Operationszeitpunkts als auch der Transplantatwahl. Bei letzterer favorisieren viele Operateure Schoepp zufolge zurzeit die Semitendinosus- oder Gracilissehne oder einen Quadrizeps-Sehnenstreifen als Transplantat für den Kreuzbandersatz, während früher vorwiegend ein Patellar-Sehnenstreifen mit anhängenden Knochenblöcken verwendet worden sei.

OP verhindert Sekundärschäden

Eine Zunahme der VKB-Rupturen ist vor allem auch im Kindes- und Jugendalter aufgrund der steigenden Beliebtheit von Trend- und Risikosportarten zu beobachten. Dabei haben sich besonders auch hier die Empfehlungen zur Therapie in den vergangenen Jahren deutlich verändert, wie Schoepp berichtete: „Wurden die Heranwachsenden früher aus Sorge vor operationsassoziierten Wachstumsstörungen häufig bis zum Wachstumsabschluss konservativ behandelt, ist man sich heute einig, dass die Sekundärschäden am Kniegelenk bzw. Knorpel und Meniskus bei anhaltender Instabilität sehr viel gravierender sind als das Risiko des operativen Eingriffs.“

Aus diesem Grund werde mittlerweile dazu geraten, Kreuzband-verletzten Kindern und Jugendlichen bei nachweisbarer Instabilität eine stabilisierende Operation anzubieten. Hier sei der Goldstandard ähnlich wie beim Erwachsenen die Kreuzband-Ersatzplastik.

Rehabilitation mit individuellen Etappenzielen

Das Ergebnis der Operation wird dem Duisburger Sportmediziner zufolge maßgeblich auch durch die Qualität der Rehabilitation beeinflusst. „Sie ist neben Operateur und Patient der dritte entscheidende Faktor für ein erfolgreiches Behandlungsergebnis“, sagte Schoepp im Gespräch mit Medscape.

 
Die Rehabilitation ist neben Operateur und Patient der dritte entscheidende Faktor für ein erfolgreiches Behandlungsergebnis. Dr. Christian Schoepp
 

Der Fokus liege hier, genauso wie bei der Durchführung des operativen Eingriffs, auf einer individuellen Herangehensweise. Statt eines auf Zeitschemata basierenden Vorgehens sei es bei der Rehabilitation wichtig, einzelne vorher festgelegte Etappenziele nacheinander zu erreichen. Zum Zeitpunkt des Rehabilitationsabschlusses sollte dann festgestellt werden, ob der Patient wieder so belastungsfähig sei wie vor der Verletzung. Um hierzu eine objektive Aussage treffen zu können, seien in den letzten Jahren unterschiedliche Testbatterien mit objektiven Messparametern entwickelt worden.

 

Kommentar

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