Appendektomie mindert Parkinson-Risiko: Welche Rolle spielt der Darm bei der Entstehung der Schüttellähmung?

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

8. November 2018

Die Entfernung des Blinddarms in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter mindert das Risiko einer späteren Parkinson-Erkrankung deutlich. Diese Hypothese haben Forscher nach der Analyse von Daten von rund 1,7 Millionen Patienten, deren Blinddarm-OPs und dem späteren Auftreten von Morbus Parkinson aufgestellt.

 
Unseren Ergebnissen nach könnte eine Parkinson-Erkrankung ihren Ursprung im Appendix haben. Dr. Viviane Labrie
 

Das Risiko zu erkranken war bei Patienten, deren Blinddarm vor Jahrzehnten entfernt worden war, um 19 bis 25% geringer als bei Patienten mit noch vorhandenem Appendix. Die Studie ist in der Fachzeitschrift Science Translational Medicine veröffentlicht [1].

„Unseren Ergebnissen nach könnte eine Parkinson-Erkrankung ihren Ursprung im Appendix haben. Sie deuten zudem auf einen neuen therapeutischen Weg hin, bei dem der gastrointestinale Trakt als möglicher Entstehungsort der Erkrankung eine Rolle spielt“, so Co-Autorin Dr. Viviane Labrie, Van Andel Research Institute (VARI), Grand Rapids, USA.

Risikominderung rechtfertigt keine Präventiv-Entfernung

Die Daten der Forschergruppe und der erstmals festgestellte Zusammenhang der Erkrankung mit dem Appendix seien „beeindruckend und hochinteressant“, stellt auch Prof. Dr. Wolfgang Oertel, Direktor der Klinik für Neurologie an der Universität Marburg, fest. Jedoch rechtfertige ein um 19% niedrigeres Risiko nach einer Appendektomie keinesfalls eine präventive chirurgische Maßnahme, erklärt der Parkinson-Experte im Gespräch mit Medscape.

Dafür sei der statistische Zusammenhang zu schwach. „Umgerechnet müsste, um eine einzige Parkinson-Erkrankung zu vermeiden, bei 5.000 Menschen der Blinddarm entfernt werden“, rechnet Oertel vor. „Das wäre nicht sinnvoll.“

 
Umgerechnet müsste, um eine einzige Parkinson-Erkrankung zu vermeiden, bei 5.000 Menschen der Blinddarm entfernt werden. Prof. Dr. Wolfgang Oertel
 

Schon lange beschäftigt sich Oertel mit der Erforschung der Vorstadien der Parkinson-Krankheit. „Das Hochattraktive dieser Erkenntnisse: Wenn der Darm wirklich diese vermutete Rolle bei der Entstehung von Parkinson spielt, können Medikamente entwickelt werden, die im Darm wirken.“ Der große Vorteil: „Im Darm besteht keine Barriere, wie sie die Blut-Gehirn-Schranke zwischen Blutkreislauf und Zentralnervensystem darstellt. Die Medikamente können also direkt wirken.“

Schon Jahre vor den ersten motorischen Störungen können bei Parkinson-Patienten Magen-Darm-Beschwerden auftreten. Oertel und Kollegen aus Kassel Luxemburg und Marburg haben etwa in einer im Januar 2018 veröffentlichten Studie gezeigt, dass sich die Bakterien-Zusammensetzung des Stuhls von Parkinson-Patienten schon 10 Jahre vor dem Auftreten der ersten Symptome von der gesunder Menschen unterscheidet.

Schutz-Effekt der Appendektomie auf dem Land besonders groß

Die Ansammlung des Proteins Alpha-Synuclein in der Substantia nigra des Gehirns wird als Auslöser von Parkinson vermutet. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Ansammlung dieses Eiweißes in Nervenzellen in Magen und Darm in der Pathogenese der neurologischen Erkrankung eine Rolle spielen könnte.

In der aktuellen Studie haben Forscher aus Schweden und den USA unter der Leitung von Dr. Bryan A. Killinger vom Zentrum für Neurodegenerative Wissenschaften am VARI untersucht, ob und inwiefern der Appendix die Entstehung und den Krankheitsverlauf von Parkinson beeinflussen könnte.

Hierzu haben sie Daten von rund 1,7 Millionen Patienten in einem schwedischen Register über einen Zeitraum von 52 Jahren analysiert. Bei den rund 550.000 Patienten mit einer Appendektomie wurden der Zeitpunkt der Blinddarm-Entfernung sowie eine eventuelle spätere Parkinson-Erkrankung aus dem Register abgelesen.

Die Analyse zeigt, dass eine Entfernung des Blinddarms in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter mit einem deutlichen um 19,3% reduzierten Risiko einhergeht, Jahrzehnte später an Parkinson zu erkranken. Bei Bewohnern ländlicher Gegenden betrug die Risikominderung sogar mehr als 25%.

Generell sind Menschen, die auf dem Land leben, häufiger von Parkinson betroffen als Städter. Vermutet wird eine neurotoxische Wirkung von Pestiziden als Verursacher des erhöhten Risikos auf dem Land. Besonders deutlich war der Zusammenhang der Appendektomie mit dem Parkinson-Risiko zudem bei Personen, bei denen der Wurmfortsatz mehr als 20 Jahre vor Krankheitsbeginn entfernt worden war. Bei Patienten, die bereits an Parkinson erkrankt waren, hatte eine Appendektomie dagegen keine Auswirkung auf die Krankheitsprogression.

Pathologische Proteinablagerung auch bei Gesunden

Des Weiteren haben die Forscher die entfernten Wurmfortsätze untersucht und Ablagerungen von falsch gefaltetem Alpha-Synuclein sowohl bei an Parkinson erkrankten als auch bei gesunden Personen aller Altersstufen entdeckt. „Wir waren überrascht, dass die pathogene Form von Alpha-Synuclein sowohl bei Parkinson-Patienten als auch bei gesunden Menschen derart verbreitet auftraten“, sagt Co-Autorin Labrie.

„Es scheint, dass diese Ansammlungen zwar im Gehirn toxisch wirken, im Blinddarm jedoch normal sind. Das suggeriert ganz klar, dass ihr Vorhandensein alleine die Erkrankung nicht auslösen kann“, schreibt sie weiter. Vielmehr vermuten die Autoren, dass zusätzlich Umweltfaktoren wie Pestizide die Rolle des Appendix bei der Entstehung der Erkrankung beeinflussen.

Eine Ansammlung pathologischer Alpha-Synuclein-Ablagerungen auch bei gesunden Menschen sei „ganz erstaunlich“, bemerkt auch Oertel. Das indiziere, dass der Zusammenhang zwischen Appendix beziehungsweise der dortigen Ansammlung von Alpha-Synuclein und einer späteren Ansammlung des gleichen Proteins im Gehirn von Parkinson-Patienten, „nicht so ganz einfach ist“.

 
Wir erfahren hier, dass es einen neuen Baustein bei der Hypothese eines Zusammenspiels von Darm und Hirn gibt … Prof. Dr. Wolfgang Oertel
 

„Im Blinddarm scheint es sich bei der Ansammlung um ein normales Phänomen zu handeln. Die Frage stellt sich, wie das geklumpte Alpha-Synuclein vom Blinddarm ins Gehirn gelangt.“ Im Grunde müsse man Leichen sezieren, um festzustellen, wo genau auf dem Weg vom Blinddarm ins Gehirn bei Gesunden ein möglicher Transport, ein Abbau und die Ablagerung des Proteins erfolgen.

Die Daten zum Zusammenhang einer Appendektomie mit einem verminderten Parkinson-Risiko „sollten in jedem Fall reproduziert werden“, fordert Oertel. Zumindest sei der Zusammenhang neu und lohne weitere Erforschung.

Auch sein Team in Marburg werde der Verbindung weiter nachgehen. „Wir erfahren hier, dass es einen neuen Baustein bei der Hypothese eines Zusammenspiels von Darm und Hirn gibt, den wir bei der Entstehung der Parkinson-Erkrankung ernst nehmen müssen.“

Das beinhalte auch den Einfluss der Ernährung auf das Erkrankungsrisiko. Schon 2014 haben Wissenschaftler in den USA festgestellt, dass eine gesunde Ernährung den negativen Einfluss von Pestiziden in der Landwirtschaft auf das Parkinson-Risiko mindern könne, erklärt Oertel.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....