Prozessauftakt gegen Niels Högel: Er gesteht 100 Morde; aber es geht auch um die Verantwortung der Ärzte und Pflegenden

Christian Beneker

Interessenkonflikte

7. November 2018

Niels Högel stimmte zu. Der ehemalige Krankenpfleger bestätigte, 100 Patientinnen und Patienten getötet zu haben. Beim Prozessauftakt vor dem Landgericht in Oldenburg am 30. Oktober 2018 wurden die Namen der mutmaßlich Getöteten vorgetragen, samt Tatort und Tatzeit. „Ja“, antwortete Högel auf die Frage des Vorsitzenden Richters Sebastian Bührmann, ob die Vorwürfe zuträfen.

„Nun muss das Gericht Tat für Tat rekonstruieren, um die Beweise tatsächlich zu erbringen“, sagt Torben Tölle, Sprecher des Oldenburger Landgerichts, gegenüber Medscape.

 
Nun muss das Gericht Tat für Tat rekonstruieren, um die Beweise tatsächlich zu erbringen. Torben Tölle
 

Wegen 6 Patiententötungen ist der ehemalige Pfleger Högel bereits zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden und sitzt im Gefängnis. Kurz vor dem Prozessauftakt gegen ihn hatte er einen weiteren Mord gestanden. Damit erhöht sich die Zahl seiner mutmaßlichen Opfer auf 106.

Insgesamt ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg sogar in 174 Taten, die Högel in den Jahren 2000 bis 2005 auf den Intensivstationen der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst (heute: Josef-Hospital Delmenhorst) verübt haben soll.

Morde mit Medikamenten

Der Prozess findet wegen des großen öffentlichen Interesses und weil über 120 Nebenkläger zugelassen wurden, in der Oldenburger Weser-Ems-Halle statt, so die Pressemitteilung des Landgerichts Oldenburg. Er ist der größte Mordprozess der Nachkriegszeit in Deutschland. Bis Mai 2019 hat die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Oldenburg 24 Verhandlungstermine angesetzt.

Die Anklage: Der Krankenpfleger soll schwer kranken Patienten überdosiert unter anderem Gilurytmal® (Ajmalin), Kalium oder Cordarex® (Amiodaron) gespritzt haben, um bei den Patienten akute Herzprobleme auszulösen, worauf Högel mit Reanimationen glänzen wollte – und dabei den Tod der Patienten in Kauf nahm.

Womöglich starben mehr als 100 Menschen bei diesen Prozeduren, und zwar 36 Menschen in Oldenburg und 64 Menschen in Delmenhorst. Die mutmaßlichen Opfer waren zwischen 34 und 96 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft hat im Laufe ihrer Ermittlungen 134 Exhumierungen auf über 60 Friedhöfen vorgenommen, es wurden sogar Exhumierungen in der Türkei beantragt.

Ablauf des Prozesses

Beim nächsten Verhandlungstermin am 21. November 2018 sollen die Taten genauer beleuchtet werden. Högel hat vom Gericht einen gesicherten Laptop erhalten, um die Krankenunterlagen der ersten 30 Patientinnen und Patienten lesen zu können. „Mit den Namen der mutmaßlich Getöteten konnte Herr Högel nichts anfangen“, so Tölle. „Aber er glaubt, dass er sich anhand der Unterlagen werde erinnern können.“ Högels Einlassungen dürften insgesamt noch mehrere Verhandlungstage in Anspruch nehmen, hieß es.

Danach werden Zeugen und Sachverständige gehört. Die Staatsanwaltschaft selber listet zwar nur 21 Zeugen für den Prozess auf, aber die Kammer will auch die zahlreichen Gutachter in der Hauptverhandlung vernehmen. Nach Tölles Angaben sind zudem ein psychologischer und ein forensischer Gutachter während des Prozesses anwesend, sie sollen Högels Prozessfähigkeit und Glaubwürdigkeit beurteilen.

Die umfangreichen Akten der Gutachter indessen sollen nicht im Prozess vorgetragen werden, sondern von den Prozessbeteiligten „im Sinne einer möglichst effektiven Verhandlungsführung“ selbst gelesen werden, so die Anordnung der Schwurgerichtskammer. Kurz: die Gutachten sollen durch die Vernehmung der Gutachter auch Laien verständlich werden. Für jeden der Todesfälle gebe es mehrere Sachverständigen-Gutachten: rechtsmedizinische, intensivmedizinische, toxikologische und Obduktionsgutachten, so die Schwurgerichtskammer.

Nebenkläger wollen Klarheit

Die Delmenhorster Rechtsanwältin Gaby Lübben vertritt mehr als 100 der Nebenklägerinnen und Nebenkläger, die im Verfahren zugelassen wurden. „Zwar ist Herr Högel bereits zu lebenslanger Haft verurteilt. Aber die Angehörigen wollen wissen, was genau geschehen ist und wie es dazu kommen konnte“, sagt Lübben zu Medscape.

Den emotional schwierigsten Teil des Prozesses hätten die Angehörigen hinter sich – den Auftakt, sagt Lübben. „Ab jetzt geht es bergauf. Schwer wird es dann noch einmal, wenn es um den Tod des eigenen Angehörigen geht.“

 
Die Angehörigen wollen wissen, was genau geschehen ist und wie es dazu kommen konnte. Gaby Lübben
 

Auch die Verantwortung der Ärzte und Pflegenden müsse bald geklärt werden, sagt die Anwältin. „Das ist für die Angehörigen ein wichtiges Thema.“ So sollen nach Prozessende Mitte 2019 in weiteren 4 Verfahren Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst wegen Totschlags durch Unterlassen angeklagt werden. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Oldenburg hätten die Mitarbeiter manche Morde Högels verhindern können.

Zwar hat Högel bereits lebenslänglich. Aber je mehr Morden er überführt werde, um so geringere Chance habe er auf vorzeitige Haftentlassung nach 15 oder 23 Jahren, sagt Lübben, und weiter: „Ich hoffe, er kommt gar nicht mehr raus.“

 

Kommentar

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