Aggressive Multiple Sklerose: Stammzell-Transplantation als „First-line“-Therapie stoppt „führerlosen Zug“

Interessenkonflikte

6. November 2018

Berlin – Auf dem 34. Kongress des European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS) 2018 sind weitere sehr ermutigende Daten zur autologen Stammzell-Transplantation bei Multipler Sklerose (MS) vorgelegt worden. Dr. Joyutpal Das vom Royal Hallamshire Hospital im britischen Sheffield stellte eine Fallserie von 20 Patienten vor. Nach der Intervention gab es keine Hinweise auf eine Krankheitsaktivität bei Patienten, die zuvor noch einen extrem aggressiven MS-Schub erlitten hatten.

„Das Neue und Interessante an dieser Kohorte ist, dass sie vor der Stammzell-Transplantation keine anderen krankheitsmodifizierenden Therapien erhalten hatten“, sagte Das gegenüber Medscape. „Wir haben sie als Erstlinien-Therapie bei Patienten mit einer sehr aggressiven Form von MS eingesetzt. Die Patienten erlebten in sehr kurzer Zeit erhebliche Einschränkungen, sodass sie etwas sehr Effektives brauchten, um ihre Krankheit zu beeinflussen.“

„Wir hatten im Mittel eine Nachbeobachtungszeit von 2,5 Jahren, und es gab keine klinischen Rückfälle nach der Transplantation, keine Aktivität im MRT nach 6 Monaten, eine Verbesserung des Invaliditätsscores bei 95% der Patienten und kein Patient hatte nach der Transplantation eine Progression seiner Behinderungen zu verzeichnen“, fasste er die Ergebnisse zusammen.

Das fügte hinzu, dass seines Wissens dies die größte Fallserie an bis dahin unbehandelten Patienten sei, die sich einer Stammzell-Transplantation unterzogen haben. „Normalerweise wird diese Behandlung durchgeführt, wenn Patienten auf die krankheitsmodifizierende Standardtherapie nicht ansprechen. Unsere Ergebnisse lassen die Stammzell-Therapie bei der MS nun jedoch als sichere und hochwirksame Methode für Patienten mit sehr aktiver Erkrankung erscheinen.“

„Extrem ermutigende“ Daten

Dr. Mark Freedman vom Ottawa Hospital im kanadischen Ontario, der ebenfalls auf dem Gebiet der Stammzell-Transplantation bei MS arbeitet, bezeichnete die Daten gegenüber Medscape als „extrem ermutigend“. „Hier wurde eine andere Kohorte einer Stammzell-Transplantation bei MS unterzogen“, sagte er. „Die Patienten hatten noch keine Therapie hinter sich und wiesen zugleich ein extrem aggressives Krankheitsgeschehen auf – wie ein führerloser Zug, aber die Stammzell-Transplantation kann ihn stoppen.“

 
Die Patienten hatten noch keine Therapie hinter sich und wiesen zugleich ein extrem aggressives Krankheitsgeschehen auf – wie ein führerloser Zug, aber die Stammzell-Transplantation kann ihn stoppen. Dr. Mark Freedman
 

Dr. Howard L. Weiner von der Harvard Medical School in Boston leitete die Veranstaltung und sagte: „Es besteht absolut kein Zweifel daran, dass die Stammzell-Therapie sehr effektiv ist – die Ergebnisse bestätigen das.“

„Die große Frage ist, was zum Beispiel nach weiteren 10 bis 15 Jahren passiert“, fügte er hinzu. „Wird der Krankheitsverlauf progredient sein oder nicht? Das Follow-up in dieser Studie erstreckt sich über lediglich 2 Jahre, was bei weitem nicht ausreichend ist. Wir brauchen ein Follow-up von mindestens 10 Jahren.“

Freedman erwiderte, dass seine Gruppe jetzt Follow-up-Daten von einigen ihrer ersten Stammzell-Patienten habe, die sich über bis zu 20 Jahre erstreckten und diese Patienten zeigten weiterhin eine erstaunlich niedrige Krankheitsaktivität. „Der Verlauf war bei einigen Patienten zunächst progredient, aber von denen mit einer schubweise rezidivierenden MS hat noch keiner eine progrediente Erkrankung entwickelt“, sagte er.

 
Es besteht absolut kein Zweifel daran, dass die Stammzell-Therapie sehr effektiv ist – die Ergebnisse bestätigen das. Dr. Howard L. Weiner
 

Freedman sagte weiter, dass die auf der ECTRIMS vorgestellte Fallserie „völlig im Einklang“ mit den Ergebnissen seiner Gruppe stehe. „Wir haben nach der Transplantation absolut keine Anzeichen für eine Krankheitsaktivität gesehen. Es ist eine substanzielle Erholung, sie brauchen nichts anderes mehr.“

Verbesserung im EDSS-Score für 95% der Patienten

Die von Das präsentierte aktuelle Fallserie umfasste 20 Patienten aus 5 Zentren in 5 Ländern: USA, Kanada, Großbritannien, Schweden und Italien. Das Durchschnittsalter der Patienten lag zum Zeitpunkt der Diagnose bei 28 Jahren (17 bis 47 Jahre). Alle Patienten erhielten noch im selben Jahr eine Stammzell-Transplantation. Das mittlere Intervall zwischen Diagnose und Therapie betrug 5 Monate. Vor der Transplantation kam es häufig zu Schüben, unvollständigen Rückbildungen und multiplen Gadolinium-anreichernden Läsionen. Darüber hinaus wiesen viele Patienten eine Hirnstamm-, Kleinhirn- und Rückenmark-Beteiligung auf.

Bei einem Patienten zeigten sich nach 6 Monaten Aktivitäten im MRT. Desweiteren waren keine MRT-Aktivitäten mehr registriert worden. Der EDSS-Score (Expanded Disability Status Scale) verbesserte sich für 95% der Patienten. Vor der Behandlung lag er im Durchschnitt bei 6,5 (1,5-9,5). Zuletzt wurde er im Mittel mit 2,0 (0-6,5) bestimmt.

Sichere, aber nur für wenige geeignete Therapie

Das stellte fest, dass sich die Sicherheit der Stammzell-Transplantation in den letzten Jahren deutlich verbessert habe. „Die Sterblichkeitsrate im Zusammenhang mit einer Stammzell-Transplantation ist im Laufe der Jahre deutlich gesunken. Früher betrug die Sterblichkeitsrate 3 bis 4%. Die jüngsten Daten der European Group for Blood and Marrow Transplantation Society berichten von nur einem Todesfall zwischen 2012 und 2016“, sagte er.

Aus seiner Sicht sind dafür 2 Gründe wesentlich: „Wir wählen die Patienten sorgfältiger aus und setzen auf schonendere Behandlungsregime. Ich bin voll und ganz der Überzeugung, dass die Stammzell-Behandlung für eine kleine Patientenpopulation heute eine echte Therapieoption darstellt, d.h. wenn die Krankheit sehr aktiv und der Patient sehr jung ist“, führte er weiter aus.

Rund 60 MS-Patienten hätten in seiner Klinik eine Stammzell-Transplantation erhalten, so Freedman. „Unsere ursprüngliche Kohorte aus 24 Patienten wurde ab dem Jahr 2000 mit Transplantationen behandelt. Die letzten Befunde zu diesen Patienten waren 2016 im Lancet veröffentlicht worden. Bis jetzt haben wir weitere 30 oder 40 Patienten behandelt, und allen geht es gut.“

In der ursprünglichen Gruppe war es 6 Patienten schon bald nach der Transplantation immer schlechter gegangen, fügte er hinzu, „aber wir denken, dass dies auf die frühere Erkrankung vor der Transplantation zurückzuführen ist. Es kann eine frühe degenerative Phase geben, doch schwächt sich diese ziemlich schnell ab.“

Freedman warnte jedoch, dass diese Form der Behandlung für die meisten MS-Patienten sicherlich nicht geeignet sei. „Es handelt sich um ein aufwendiges Unterfangen“, sagte er. „Das Verfahren selbst kann sehr anstrengend sein. Jüngere Patienten können es besser vertragen, doch es hinterlässt eine Unfruchtbarkeit, was ein Problem darstellen kann. 3 unserer Patientinnen haben jedoch inzwischen mithilfe von tiefgefrorenen oder gespendeten Eiern Nachwuchs bekommen können. Das Verfahren sollte aber definitiv MS-Patienten mit einem sehr aggressiven Verlauf vorbehalten bleiben.“

Er fügte hinzu: „Es ist sehr schwierig, genau zu bestimmen, wer auf diese Weise therapiert werden soll. Es sollten die Anzeichen eines von Anbeginn aggressiven, aktiven und destruierenden Krankheitsverlaufes vorliegen. Diese Patienten sind normalerweise auch jung.“

 
Ich bin voll und ganz der Überzeugung, dass die Stammzell-Behandlung für eine kleine Patientenpopulation heute eine echte Therapieoption darstellt … Dr. Joyutpal Das
 

Auch das Thema Sicherheit ist „ein offensichtlicher Vorbehalt“, fügte er hinzu. „Genau wie man seinen Blinddarm nicht im Laden an der Ecke entfernen lässt, wurden auch die hier beschriebenen Patienten in besonderen Zentren behandelt, die bereits hunderte oder tausende von Stammzell-Transplantationen durchgeführt haben. Dort übernehmen dann spezialisierte Teams die Versorgung der Patienten nach einer Transplantation, was beinahe so wichtig ist wie die Transplantation selbst.“

„Da wir in unserem Zentrum Transplantationen mit ziemlich guten Morbiditätswerten durchführen können, kommen sie für einige unserer jüngeren Patienten mit aggressivem Verlauf als Alternative in Betracht“, schloss er. „Ich würde sagen, dass etwas weniger als 10% der MS-Patienten die Kriterien für eine solche Behandlung möglicherweise erfüllen. Aber glücklicherweise sprechen die meisten Patienten auf eine medikamentöse Therapie an, sodass wir nicht alle Register ziehen müssen.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

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