Impfstoffe für die Länder der Ärmsten: Wie Forschung und Innovationen zu einer besseren Versorgung beitragen können

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

2. November 2018

Berlin – Wie versorgt man Entwicklungsländer mit lebensrettenden Impfstoffen? Wer springt ein, wenn stabile Gesundheitssysteme fehlen? Auf dem World Health Summit 2018 tauschten sich internationale Organisationen, die sich in diesem Bereich engagieren, über ihre Ziele, Innovationen, Technologien und Lieferstrategien aus [1].

Einer der größten Geldgeber, der sich dafür einsetzt, dass Impfstoffe auch den Ärmsten in der Welt zur Verfügung gestellt werden, ist die Bill & Melinda Gates Stiftung. Wie Dr. Lynda Maria Stuart, stellvertretende Direktorin dieser Stiftung, erläuterte, ist der weltweite Markt für Impfstoffe eigentlich relativ klein. Zwar hat der globale Gesundheitsmarkt einen Umsatz von rund 1 Billion Dollar, doch Vakzine machen davon nur 2 bis 3% aus.

Innovationen: Proteine und mRNA-Vakzine

Bisher ist es sehr anspruchsvoll, Impfstoffe bis zur Lizenzierung zu entwickeln, berichtete Stuart. Doch dank Fortschritten im technologischen Bereich könnten Impfstoffe künftig vielleicht viel effizienter und einfacher auf den Markt gebracht werden.

Zu diesen Innovationen gehört z.B. die Technologie der Next-Generation-Sequenzierung mit Hochdurchsatz-Verfahren. Insgesamt haben die neuen Technologien zu einem besseren Verständnis der Wirkweise von Antigenen bzw. Pathogenen geführt. So ist es Forschern der National Institutes of Health (NIH) gelungen, Proteine zu entwickeln, mit denen sich die Immunantwort auf das Humane Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) verstärken können. Dieser Ansatz gegen den Erreger von Atemwegsinfektionen habe das Potenzial, auch bei Krankheiten wie HIV oder Malaria eingesetzt zu werden. Derzeit gehe es aber zunächst noch um den „Proof of Concept“.

Stuart betonte, dass viele Innovationen auch aus deutschen Laboren kommen. So haben die Firmen BioNtech und CuraVac mRNA-Vakzine entwickelt, also Impfstoffe, die nur aus einem Strang mRNA bestehen. „Man muss kein Protein herstellen, dass man in den Körper einbringt, sondern man injiziert nur den genetischen Code, damit der Körper den Impfstoff selbst herstellt“, erläuterte Stuart. Die mRNA kodiere dabei für das gewünschte Antigen, etwa von einem Krankheitserreger.

Perspektivisch werden die Kosten für die Impfstoffproduktion zurückgehen, meinte Stuart. Ein weiterer Schritt dabei sei es, kostengünstiger zu produzieren, etwa kleinere Unternehmen für den regionalen Markt zu gründen, die mit weniger Kapazitäten regionale Märkte versorgen können. Es seien aber noch viele Anstrengungen nötig, um die Gesundheitssysteme und regulativen Institutionen in den Entwicklungsländern aufzubauen und zu stärken.

 
Es geht um Vakzine für die ganze Welt. Hier müssen wir zusammenarbeiten. Dr. Frederik Kristen Ole Kristensen
 

Besser vorbereitet auf den nächsten Ebola-Ausbruch?

Wie lassen sich Impfstoffe möglichst schnell entwickeln, vor allem wenn es um neue Epidemien wie Ebola geht? „Es geht um Vakzine für die ganze Welt. Hier müssen wir zusammenarbeiten“, betonte Dr. Frederik Kristen Ole Kristensen, CEO der „Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) CEPI ist eine weltweite Allianz von staatlichen und privatwirtschaftlichen Akteuren, der WHO und der EU-Kommission, der Impfstoff-Industrie und der Bill & Melinda Gates-Stiftung.

CEPI ist nach dem ersten Ebola-Ausbruch 2014 gegründet worden. Man sei zwar besser vorbereitet als 2014 beim ersten Ebola-Ausbruch, aber nicht vollständig vorbereitet auf den nächsten potenziellen großen Ausbruch, räumte Kristensen ein. CEPI sorge z.B. dafür, dass Impfkandidaten beim Ausbruch einer Epidemie im Feld getestet werden können. Dies vor dem Hintergrund, dass Epidemien wie Ebola rasch kommen, viele Todesfälle verursachen, dann aber (oft) auch schnell wieder verschwinden.

Um mit diesem Zeitdruck umzugehen, stellt CEPI klare Zeitvorgaben an pharmazeutische Firmen, die von der Organisation gefördert werden:

  • 16 Wochen von der Identifizierung eines Antigens bis zur Freigabe von klinischen Studien;

  • 6 Wochen von der Verabreichung der ersten Dosis bis zum Nachweis einer Immunantwort, die einen klinischen Nutzen impliziert;

  • 8 Wochen bis zur Produktion von 100.000 Impfdosen, um dem sich ausbreitenden Ausbruch zu begegnen.

Auch für die Eindämmung des Lassafiebers, des Nipah-Virus und MERS-Virus setzt sich CEPI ein.

Kindergesundheit im Blick

Dr. Seth Berkley, CEO von der Impfallianz Gavi (früher: Global Alliance for Vaccines and Immunisation), erläuterte, dass man sich insbesondere für Projekte rund um die Kindergesundheit engagiere. Ihn beschäftige auch die Frage, wie Impfstoffe die Menschen erreichen können. Noch immer seien rund 19,9 Millionen Kinder – vor allem in den ärmsten Ländern der Welt – nicht gegen lebensbedrohliche, aber völlig alltägliche Krankheiten geimpft.

Das Problem ist dabei die Verteilung der Impfstoffe. „Vakzine liefern sich nicht von selbst aus“, sagte er. Eventuell könnten auch hier neue Technologien eingesetzt werden – z.B. Drohnen. In Ruanda etwa nutze man solche Fluggeräte bereits, um z.B. nach schweren Unfällen Blut in schlecht zugängliche Regionen zu liefern.

 
Vakzine liefern sich nicht von selbst aus. Dr. Seth Berkley
 

Herausforderung: Die letzte Meile in der Lieferkette

Mit der Frage der „letzten Meile“, also wie Impfstoffe die Menschen in Regionen mit schlechter Infrastruktur erreichen, beschäftigt sich Prof. Dr. Till Bärninghausen vom Heidelberger Institut für Global Health (HIGH). Er sieht vor allem Potenzial bei den „community health workers“, Gesundheitsarbeitern mit einer rund einjährigen Ausbildung.

Zum Beispiel in Swasiland im südlichen Afrika besuchen solche Gesundheitsarbeiter regelmäßig Familien, um dort Impfungen zu verabreichen. Den Müttern mit ihren Kindern erspart dies oft weite Wege zur nächsten Klinik. In manchen Gebieten nutze man inzwischen auch Motorräder, um Impfstoffe zu liefern, da diese auf den oftmals ungeteerten Straßen besser vorankommen als PKW oder Laster.

Der Einsatz von digitalen und mobilen Technologien

Auch digitale und mobile Technologien könnten das Impfwesen in Entwicklungsländern verbessern. In Ländern, in denen es keine Gesundheitsversicherung gibt und ärztliche Leistung aus der eigenen Tasche bezahlt werden müssen, können etwa Organisationen Menschen über das Handy elektronische Überweisungen für Gesundheitsleistungen zukommen lassen („Health Wallet“).

Auf Ansätze, mit „Big Data“ und digitalen Werkzeugen die Gesundheitssysteme und speziell die Lieferung von Impfstoffen in Entwicklungsländer zu optimieren, setzt die Organisation Path. Steve Davis, CEO von Path, verwies etwa auf verbesserte Möglichkeiten, die Lieferung von Impfstoffen über Sendungsverfolgung zu überwachen oder über den sogenannten „Vaccine Vial Monitor“ zu kontrollieren, ob die Kühlkette eingehalten wurde.

Auch das Potenzial von Handys, die in Entwicklungsländern immer mehr verbreitet seien, könne genutzt werden, um sich mit digitalen Gesundheits-Interventionen direkt an die „community health worker“ oder auch an Mütter zu wenden, um so die Impfstoffversorgung dort zu optimieren, wo sie am dringendsten gebraucht wird.

Viel werde in die Forschung und Entwicklung von Impfstoffen investiert, es brauche jetzt auch noch mehr Finanzierungshilfen, um die Impfstoffe wirklich auch zuverlässig auszuliefern und verabreichen zu können, so Davis.

 

Kommentar

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