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Neues zur Grippe-Impfung: 12 Antworten vom RKI machen Sie fit zum Saisonstart – plus Tipps für spezielle Patienten-Gruppen

Dr. Ingrid Horn

Interessenkonflikte

31. Oktober 2018

Jedes Jahr stehen die Hausärzte vor derselben Herausforderung: Welchem Patienten soll man die Grippe-Impfung empfehlen und wie gelingt es, mehr Menschen für die Impfung zu motivieren? Medscape hat beim Robert Koch-Institut in Berlin nachgefragt und mit Dr. Thomas Harder, Experte für das Fachgebiet Impfprävention, gesprochen. Harder mahnt auch zur Vorsicht. Bei bestimmten Patientengruppen sollte man genauer nachfragen, bevor man den Impfstoff injiziert. (s.a. Service-Kasten Seite 4)

Dr. Thomas Harder

Medscape: Die Deutschen sind impfmüde geworden, auch was den Grippe-Schutz angeht. Laut den Daten des Statistischen Bundesamtes zeigt sich, dass die Impfquote gegen Influenza bei Personen im Alter von über 60 Jahren kontinuierlich abgenommen hat. Ließen sich in der Grippe-Saison von 2008 noch 47,9% impfen, waren es bundesweit 2017 nur noch 34,8%. Was läuft da falsch?

Dr. Harder: Bei der Grippe-Impfung haben wir es leider mit einer Impfung mit begrenzter Effektivität zu tun, die zudem auch noch jährlich gegeben werden muss. Dennoch ist sie der beste Schutz, den wir gegen die Grippe haben. Bei aktuellen Impfquoten können im Schnitt jährlich etwa 400.000 Grippe-Fälle verhindert werden. Dieser Bevölkerungsnutzen ist möglicherweise nicht genug bekannt.

Medscape: Warum wird die Impfung so wenig angenommen?

Dr. Harder: Gründe sind zum Beispiel Sorgen vor Nebenwirkungen der Impfung. Oder Fehlinformationen, wie der Glaube, durch die Grippeimpfung könne es zu einer Grippe-Erkrankung kommen. Im Vergleich zu anderen Impfungen sehen wir, dass die Grippe-Impfung als weniger wichtig und sicher angesehen wird.

Medscape: Ältere Personen zählen zu den Risikogruppen, aber ebenso Pflegepersonal und therapeutische Berufe. Auch dort liegt die Impfquote mit 32,5% bzw. 34,2% weit unter den Erwartungen wie eine aktuelle Erhebung des Robert-Koch-Instituts zeigt. Wäre es da nicht sinnvoll, alle Menschen unabhängig von einer Risikogruppe zu ermuntern, sich impfen zu lassen?

Dr. Harder: Die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) für bestimmte Personengruppen bedeutet nicht, dass anderen Personen von der Impfung abgeraten wird. Dass es keine ausdrückliche Empfehlung der STIKO gibt, hat lediglich den Hintergrund, dass eine Influenza-Erkrankung bei gesunden Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unter 60 Jahren in der Regel ohne schwerwiegende Komplikationen verläuft. Jeder, der sich impfen lassen möchte, sollte dies mit seinem Arzt oder seiner Ärztin besprechen.

Fragt man Pflegepersonal und therapeutische Berufe nach den Gründen, warum sie sich nicht impfen lassen, gaben sie hauptsächlich fehlendes Vertrauen in Sicherheit und Effektivität der Impfung an. Für eine Steigerung der Impfquoten wäre es deshalb vor allem wichtig, dieses Vertrauen zu erhöhen und Fehlinformationen entgegen zu wirken.

Medscape: In der vergangenen Saison gab es für die gesetzlichen Kassen noch keine verbindliche Regelung, ob der Drei-, oder Vierfach-Impfstoff zu verwenden ist. Das hat sich nun geändert. Welche Impfstoffe stehen für die Saison 2018/19 zur Verfügung und wie gut schützen sie?

Dr. Harder: Für die Saison 2018/19 stehen sowohl der tri- als auch der quadrivalente Impfstoff zur Verfügung (Anm. d. Red: Eine genaue, aktuelle Auflistung vom Paul-Ehrlich-Institut finden Sie hier). Quadrivalente Impfstoffe enthalten gegenüber den trivalenten Impfstoffen einen zusätzlichen B-Stamm der Yamagata-Linie.

Da quadrivalente Influenza-Impfstoffe in jenen Jahren einen besseren Schutz bieten, in denen Viren der Influenza B-Viruslinie zirkulieren, empfiehlt die STIKO seit Januar 2018 die Impfung mit einem quadrivalenten Impfstoff.

Die Wirksamkeit der Influenza-Impfstoffe, die in dieser Saison zur Verfügung stehen, lässt sich erst nach Beginn der Saison feststellen. Bei einer sehr guten Übereinstimmung der zirkulierenden Influenzaviren mit dem Impfstoff wird bei jungen Erwachsenen eine Schutzwirkung bis zu 80% beobachtet. Ältere Menschen können ihr Erkrankungsrisiko an einer Influenza durch die Impfung im Mittel etwa halbieren.

Medscape: Welche jungen Gesunden sollten von Ärzten mehr motivieren werden?

Dr. Harder: Wir sehen zum Beispiel, dass Schwangere, obwohl sie zur Gruppe der Gefährdeten gehören, sich kaum gegen Grippe impfen lassen, nur etwa 11% sind geimpft. Über die Impfquoten bei Gesunden liegen uns keine Daten vor.  

Medscape: Wann ist der ideale Zeitpunkt für eine Impfung?

Da die jährliche Influenza-Welle in Deutschland in den vergangenen Jahren meist nach der Jahreswende begonnen hat und es nach der Impfung 10 bis 14 Tage dauert, bis der Impfschutz vollständig aufgebaut ist, wird empfohlen, sich bereits in den Monaten Oktober oder November impfen zu lassen. Es kann aber auch zu Beginn oder im Verlauf der Grippewelle noch sinnvoll sein, die Impfung nachzuholen.

Medscape: Gilt das unabhängig von Alter und Gesundheitszustand?

Dr. Harder: Dies gilt unabhängig vom Alter, aber nicht vom Gesundheitszustand.

Medscape: In welchen Fällen sollte der Arzt also genauer nach der Krankengeschichte fragen, oder seine Praxispersonal dazu auffordern?

Dr. Harder: Wer an einer fieberhaften Erkrankung oder schwereren akuten Infektion leidet, sollte zu diesem Zeitpunkt nicht geimpft werden. Es ist aber sinnvoll, die Impfung so bald wie möglich nachzuholen.

Bei Personen mit einer schweren Allergie gegen Hühnereiweiß oder andere Bestandteile des Impfstoffs sollte die Möglichkeit einer Impfung mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Der Influenza-Lebendimpfstoff sollte nicht bei Kindern und Jugendlichen verwendet werden, die an einer klinischen Immunschwäche oder schwerem Asthma leiden oder eine Salicylat-Therapie erhalten.

Medscape: Gibt es chronische Erkrankungen, bei denen eine Impfung gegen Influenza-Viren kontraindiziert ist, beispielsweise Epilepsie?

Dr. Harder: Nein, im Gegenteil. Bei Personen mit chronischen Erkrankungen und bei älteren Menschen kommt es bei einer Influenza-Infektion häufiger zu Komplikationen wie beispielsweise bakteriellen Lungenentzündungen, die tödlich enden können. Daher sollten sich Menschen über 60 Jahre sowie Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit chronischen Krankheiten jedes Jahr gegen Grippe impfen lassen.

Zu den chronischen Krankheiten können Erkrankungen der Atmungsorgane, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Leber- und Nierenkrankheiten, Diabetes und andere Stoffwechselkrankheiten, multiple Sklerose sowie angeborene oder erworbene Immundefekte zählen.

Medscape: Kann man seinen Patienten einen besseren Schutzeffekt versprechen, wenn sie jedes Jahr wieder zur Impfung kommen?

Dr. Harder: Die STIKO rät grundsätzlich, dass alle Personen, für die eine Influenza-Impfung empfohlen wird, sich jedes Jahr im Herbst impfen lassen sollten. In der Regel wird die Antigen-Zusammensetzung der Impfstoffe jährlich an die veränderten Eigen­schaften der zirkulierenden Influenzaviren angepasst. Deshalb bieten nur die Impfstoffe für die jeweils aktuelle Saison den bestmöglichen Schutz. Aber auch für Jahre, in denen sich die Impf­stoff-Zu­sam­men­set­zung im Vergleich zum Vorjahr nicht geändert hat, empfiehlt die STIKO die erneute Impfung. Grund ist, dass der Impfschutz nachlässt, je länger die Impfung zurückliegt und viele Geimpfte nach Ablauf eines Jahres vermutlich nicht mehr ausreichend geschützt sind.

Medscape: Weil bei älteren Menschen das Immunsystem nicht mehr so fit ist wie in jungen Jahren, ist für Personen ab 65 Jahre ein verstärkter (adjuvantierter) Impfstoff entwickelt worden. Steht dieser Super-Impfstoff in diesem Jahr jedem Arzt zur Verfügung?

Dr. Harder: Ältere Menschen sollen sich genau wie alle anderen mit dem quadrivalenten Impfstoff impfen lassen. Hier gibt es derzeit keinen adjuvantierten Impfstoff. Ein adjuvantierter trivalenter Impfstoff steht allerdings zur Verfügung.

Medscape: Älteren Menschen wird ebenso eine Impfung gegen Pneumokokken empfohlen. Wie sinnvoll ist es, diese mit dem verstärkten Influenza-Impfstoff zu kombinieren?

Dr. Harder: Laut Fachinformationen des trivalenten, adjuvantierten Impfstoffs liegen keine Daten zur simultanen Gabe mit anderen Impfstoffen vor. Eine Kombination des quadrivalenten Impfstoffs mit einer Pneumokokken-Impfung ist möglich und sogar empfohlen, da es im Rahmen von Influenza-Erkrankungen gehäuft zu Sekundärinfektionen mit Pneumokokken kommen kann.
 



Kennen Sie die Besonderheiten der Grippe-Impfung?
 

Diese Personen-Gruppen sollten Sie gut beraten:

1: Ältere Menschen:

Sie sind die Hauptzielgruppe für eine Impfung. Gute Argumente für die Impf-Beratung sind: Im Schnitt lässt sich durch eine Impfung jede 2. Erkrankung bei Senioren verhindern. Die Verläufe bei einer Erkrankung sind deutlich milder. Trotzdem weiß man auch, dass die Immunantwort auf die Impfstoffe im Alter abnimmt.

Empfehlung des RKI: Adju­van­tierte Impfstoffe können die Antikörperbildung verstärken. Allerdings ist noch nicht abschließend geklärt, ob dies besser vor einer Er­kran­kung an Influenza schützt. Weisen Sie Ihre Patienten darauf hin, dass durch die Zusätze (Emulsionen wie MF59 und AS03 oder Virosomen) v.a. lokale Neben­wir­kun­gen an der Injektionsstelle (Schmerz, Rötung, Schwel­lung) in erhöhtem Maße auftreten können.

 

2: Schwangere:

Sie riskieren bei einer Influenza-Infektion einen besonders schweren Verlauf. Die immunologischen und physiologischen Veränderungen im Körper machen sie auch anfälliger für eine Infektion.

Empfehlung der STIKO: Obwohl die Totimpfstoffe in jedem Stadium der Schwangerschaft für Mutter und das ungeborene Kind unbedenklich sind, rät man erst ab dem 2. Schwangerschaftsdrittel zu Impfung. Dies hat aber eher psychologische Gründe. Damit soll verhindert werden, dass die im 1. Schwangerschaftsdrittel häufiger auftretenden Spontanaborte fälschlicherweise mit der Impfung in Verbindung gebracht werden.

 

3: Stillende Mütter:

Das Stillen eines Säuglings stellt für eine Influenzaimpfung keine Kontraindikation dar. Bei der Impfung von Stillenden spielt – neben dem Schutz der Mutter – auch der Nebeneffekt eine Rolle, dass der Säugling vor einer möglichen Infektion durch die Mutter geschützt wird.

Empfehlung der STIKO: Stillende Mütter können sich gegen Influenza impfen lassen.

 

4: Kinder:

Neugeborene profitieren von der Impfung ihrer Mütter, weil über die Plazenta Antikörper von der Mutter an das Kind weitergegeben werden, die ihm einen Schutz gegen Influenza in den ersten Monaten nach der Geburt verleihen. Kindern wird eine Impfung angeraten, wenn sie einer erhöhten gesund­heit­lichen Gefährdung ausgesetzt sind infolge eines Grund­leidens.

Empfehlung der STIKO: Ab einem Alter von 6 Monaten. Für Kinder im Alter von 6 bis 36 Monaten ist die halbe Erwachsenen­dosis, ab einem Alter von 36 Monaten die volle Erwachsenen­dosis indiziert. Kinder bis zu einem gewissen Alter (nach den Fach­infor­ma­tionen der meisten Influenza­impf­stoffe bis 9 Jahre), die zum ersten Mal im Leben gegen Influenza geimpft werden, erhalten zwei Impfungen im Abstand von vier Wochen.

Alternativ: ein quadrivalenter Lebendimpfstoff (LAIV), der über die Nase verabreicht wird – für Kinder und Jugendliche im Alter von 2 bis einschließlich 17 Jahren.

 

5: Patienten mit Grunderkrankungen:

Schwere und tödliche Verläufe einer Influenza drohen vor allem Patienten mit folgenden Gesundheitsproblemen:

  • Atemwegserkrankungen (Asthma, chronische Bronchitis, COPD)

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen

  • Leber- oder Nierenkrankheit,

  • Diabetes oder anderen Stoffwechselkrankheiten,

  • Neurologischen oder neuromuskulären Grunderkrankungen

  • Immunschwäche durch eine zugrundeliegende Erkrankung oder Medikamenteneinnahme (hochdosiertes Kortison, Chemotherapie bei Krebs­er­kran­kungen). Aber: Der Lebendimpfstoff (LAIV, Nasenspray) darf bei Patienten mit schweren Immun­defekten oder unter ausgeprägter immun­suppressiver Therapie nicht verabreicht werden.

Empfehlung der STIKO: Schon ab einem Alter von 6 Monaten sollen Personen mit den oben genannten Grunderkrankungen gegen Influenza geimpft werden.

 

6: Krebspatienten:

Während einer Chemotherapie ist das Immunsystem sehr geschwächt. Daher ist besondere Vorsicht geboten.

Empfehlung des RKI: Bei Patienten, die eine Chemo­therapie erhalten, sollte die Impfung möglichst mindestens 2 Wochen vor dem Beginn der Chemotherapie oder zwischen zwei Chemo­therapie-Zyklen erfolgen. Eine Impfung während des Nadirs wird jedoch nicht empfohlen. Sollte ein sofortiger Chemo­therapie-Bbeginn indiziert sein, ist eine Impfung auch noch zu Beginn der Therapie möglich.

 

7: Hühner-Eiweiß-Allergiker:

Trotz Aufreinigung kann der Impfstoff noch Spuren von Hühner-Eiweiß enthalten. Laut RKI werden hühner­ei­weiß­freie, in Zell­kulturen her­ge­stellte, Influenza-Iimpf­stoffe im Gegen­satz zu früheren Saisons seit der Saison 2016/17 in Deutschland nicht mehr angeboten. Ein Import (nach AMG §73 Abs. 3) ist im Einzelfall möglich, allerdings ist auch die Verfüg­bar­keit in anderen EU-Ländern fraglich.

Empfehlung des RKI: Bei leichter Allergie: Patienten können mit allen zu­ge­lassenen Influenza-Impf­stoffen geimpft werden. Bei einer schweren Allergie:: Diese Patienten sollten nur in einem Setting geimpft werden, in dem eine klinische Über­wachung und Behandlung einer eventuellen ana­phy­lak­tischen Reaktion möglich ist.

 

8: Diese Patienten sollten Sie nicht gegen Influenza impfen:

  • Bei fieberhafter Erkrankung (≥38,5 °C)

  • Bei schwererer akuter Infektion

  • Kinder und Jugend­liche, die an einer klinischen Immun­schwäche oder an schwerem Asthma leiden oder eine Salicylat-Therapie erhalten, dürfen nicht mit dem Influenza-Lebend­impf­stoff (LAIV, Nasenspray) geimpft werden

     

Quelle: Robert Koch-Institut, Saisonale Influenzaimpfung: Häufig gestellte Fragen und Antworten. 29.9.2018

 

Kommentar

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