Viel Zeit, das Ruder rumzureißen: Typ-2-Diabetes kündigt sich schon bis zu 20 Jahre vor der Diagnosestellung an

Becky McCall

Interessenkonflikte

22. Oktober 2018

Berlin – Ein Typ-2-Diabetes kann sich nach einer aktuellen Studie bereits bis zu 20 Jahre vor der Erstdiagnose durch langsam zunehmende metabolische Veränderungen, etwa im Nüchtern-Blutzucker und bei der Insulinsensitivität, bemerkbar machen. Die Studie untersuchte den zeitlichen Verlauf der Progression bis hin zum manifesten Diabetes, indem sie Daten von Personen, die die Krankheit entwickelten, mit denen verglich, bei denen diese Entwicklung ausblieb.

Dr. Hiroyuki Sagesaka vom Aizawa Hospital im japanischen Matsumoto, hat die Untersuchung gemeinsam mit Dr. Mitsuhisa Komatsu von der Shinshu University Graduate School of Medicine in Matsumoto und seinem Team vorgenommen. Komatsu stellte die Ergebnisse auf der Jahrestagung 2018 der European Association for the Study of Diabetes (EASD) vor [1]. Die Studie wurde bereits Anfang des Jahres veröffentlicht.

„Die meisten Menschen mit einem Typ-2-Diabetes haben ein prädiabetisches Stadium durchlaufen, und unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich bereits mehr als 20 Jahre vor der Diagnose erhöhte metabolische Marker nachweisen lassen, die auf einen Diabetes in der Zukunft hinweisen“, sagte Komatsu gegenüber Medscape.

An welchem Punkt sich Personen, die an Diabetes erkranken, erstmalig wesentlich von denen unterscheiden, die gesund bleiben, sei bislang unbekannt gewesen, erklärte er. „Das Neue an unserer Studie ist, dass wir den Verlauf des Prädiabetes aufzeigen. So vermögen wir die sehr frühen Krankheitsstadien zu beurteilen.“

 
Das Neue an unserer Studie ist, dass wir den Verlauf des Prädiabetes aufzeigen. So vermögen wir die sehr frühen Krankheitsstadien zu beurteilen. Dr. Mitsuhisa Komatsu
 

Sehr frühzeitiges Gegensteuern möglich

Auf die Frage, welchen praktischen Nutzen diese Daten haben könnten, sagte Komatsu, dass „die Ergebnisse für eine sehr frühe Intervention oder Lebensstil-Anpassung nicht erst zum Zeitpunkt der Diagnosestellung, sondern auch bei jungen Erwachsenen oder sogar Kindern sprechen. Im Kampf gegen die Diabetesfolgen gilt hier: Je früher, desto besser“.

Auf die Bitte um einen Kommentar sagte Dan Howarth, Pflegeexperte bei Diabetes UK: „Die Daten scheinen zu belegen, dass ein Typ-2-Diabetes bereits lange vor der offiziellen Diagnose erkennbar ist. Die Studie wurde zwar an einer definierten japanischen Population durchgeführt, doch wir wissen, dass es allein in Großbritannien rund eine Million Menschen gibt, die bereits einen Typ-2-Diabetes haben und es nur noch nicht wissen.“

Und er gibt zu bedenken: „Jederzeit das persönliche Risiko zu kennen, ist natürlich hilfreich, wenn es darum geht, die Progression zu einem Typ-2-Diabetes zu verhindern. Ganz unabhängig von diesem Risiko sollte jedoch jeder dazu ermutigt werden, einen besseren Lebensstil zu pflegen, indem er sich gesünder ernährt und mehr bewegt.“

 
Jederzeit das persönliche Risiko zu kennen, ist natürlich hilfreich, wenn es darum geht, die Progression zu einem Typ-2-Diabetes zu verhindern. Dan Howarth
 

Verlaufsdaten zu über 27.000 Personen

Die japanischen Forscher wollten herausfinden, wann bei Personen, die schließlich einen Diabetes entwickeln, der Blutzuckerspiegel anzusteigen beginnt, um mehr über den zeitlichen Verlauf der Krankheitsprogression zu erfahren.

Insgesamt wurden zwischen 2005 und 2016 zunächst 27.392 Menschen ohne Diabetes bis zur Diagnose eines Typ-2-Diabetes mellitus, eines Prädiabetes oder bis zum Ende des Jahres 2016 erfasst – je nachdem, was zuerst eintrat. Das Durchschnittsalter betrug 49 Jahre, der mittlere BMI 22,6 kg/m2 und der Anteil der Frauen lag bei knapp 42% (11.495). Zu Beginn der Studie war der Glukosestoffwechsel bei 15.778 Teilnehmern normal, 11.614 wiesen einen Prädiabetes auf.

Nüchternglukose schon 10 Jahre zuvor erhöht

Im Untersuchungszeitraum wurden 1.067 neue Fälle eines Typ-2-Diabetes identifiziert. Die Ergebnisse zeigten, dass bei Personen, die an Typ-2-Diabetes erkrankten, verschiedene Risikofaktoren häufiger vorkamen als bei Personen, die nicht erkrankt waren. Insbesondere der BMI, die Nüchternglukose und die Insulinresistenz waren bis zu 10 Jahre vor der Diagnosestellung erhöht. Diese Unterschiede nahmen mit der Zeit noch weiter zu.

„Der Plasmaglukosespiegel ist bereits 10 Jahre zuvor erhöht und steigt bis zu einem Jahr vor dem Zeitpunkt der Diagnose allmählich an. Im letzten Jahr vor der Diagnose kommt es dann zu einem starken Anstieg“, berichtete Komatsu. Zum Beispiel betrug die mittlere Nüchternglukose bei denjenigen, die einen Diabetes entwickelten, 10 Jahre vor der Diagnose 101,5 mg/dl, im Vergleich zu 94,5 mg/dl bei Personen, die nicht erkrankten. Etwa 5 Jahre vor der Diagnose lag der Nüchternglukose-Spiegel dann bei durchschnittlich 105 mg/dl gegenüber 94 mg/dl und 1 Jahr vor der Diagnosestellung schließlich bei 110 mg/dl gegenüber 94 mg/dl.

Bei Personen mit Diabetes stieg der BMI von rund 24 kg/m2 auf 25,5 kg/m2, blieb jedoch bei denen, die keinen Diabetes entwickelten, relativ stabil. Und auch die Insulinsensitivität (ermittelt mithilfe des Surrogatmarkers SPISE, Single Point Insulin Sensitivity Estimator) ging bei Personen, die eine Progression zum Typ-2-Diabetes aufwiesen, zurück (7,4-6,6 über 10 Jahre), während sie bei denjenigen, die keinen Diabetes entwickelten, relativ stabil blieb.

Von den 15.778 Personen mit normalen Blutzuckerwerten bei der ersten Gesundheitsprüfung entwickelten 4.781 im Laufe des Untersuchungszeitraums einen Prädiabetes. Die beschriebenen Merkmale waren auch hier mindestens 10 Jahre vor der Diagnose des Prädiabetes vorhanden, wenn auch in geringerem Ausmaß.

 
Da Präventionsstudien an Personen mit Prädiabetes bei langfristiger Betrachtung weniger positive Ergebnisse liefern, müssen wir möglicherweise noch viel früher als im Prädiabetes-Stadium eingreifen. Dr. Hiroyuki Sagesaka
 

Komatsu sagte, dass bei denjenigen, die zur Entwicklung eines Diabetes neigen, „eine vorwiegend sitzende Lebensweise und übermäßige Nahrungsaufnahme eine milde Insulinresistenz der Leber verursachen und den Nüchtern-Glukosespiegel aufgrund einer unzureichenden Insulinausschüttung in der Bauchspeicheldrüse erhöhen können“. Im Gegensatz dazu haben „adipöse Personen, deren Bauchspeicheldrüse Insulin in bedarfsgerechter Menge ausschüttet, nur Übergewicht ohne Diabetes“, fügte er hinzu.

Der Studienleiter Sagesaka betonte, dass diese neuen Erkenntnisse die Bedeutung der sehr frühen Intervention unterstreichen. „Da Präventionsstudien an Personen mit Prädiabetes bei langfristiger Betrachtung weniger positive Ergebnisse liefern, müssen wir möglicherweise noch viel früher als im Prädiabetes-Stadium eingreifen, um die Entwicklung eines manifesten Diabetes mellitus zu unterbinden“, sagte er. „Dies rechtfertigt die Durchführung von Studien über viel früher ansetzende medikamentöse oder Lebensstil-orientierte Interventionen.“

Diese Artikel wurde von Markus Vieten aus https://www.medscape.com/viewarticle/903220 übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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