„Alternative Fakten“ unter der Gürtellinie: Studie zu Penislänge und Unfruchtbarkeit geht (falsch dargestellt) viral

Fran Lowry

Interessenkonflikte

18. Oktober 2018

Die Ergebnisse einer Studie zur Penislänge und damit assoziierter Infertilität – präsentiert als Poster beim Scientific Congress 2018 der American Society for Reproductive Medicine (ASRM) in Denver – sind von Medien auf der ganzen Welt aufgegriffen und in einer wahren Lawine von Berichten verdreht bis falsch und sensiationsheischend dargestellt worden [1]. Titelzeilen lauteten etwa:

  • „Verbindung zwischen Schniedelgröße und Babys: Männer mit kleinem Penis haben geringere Chancen auf Kinder“

  • „Studie zeigt, dass Kerle mit kleinem Lümmel seltener Papa werden“

  • „Männer mit kleinem Penis sind laut Studie häufiger unfruchtbar“ oder sogar total schräg formuliert  

  • „Männer mit kleinem Penis stärker einer Infertilität ausgesetzt“

„Ich habe nie mit einem dieser Leute, die diese Artikel geschrieben haben, gesprochen“, sagt der federführende Autor der Studie, Dr. Austen Slade von der University of Utah in Salt Lake City. Die meisten Journalisten kontaktierten Slade nicht, um mit ihm über seine Studie zu sprechen, obwohl seine Kontaktinformationen auf dem Poster angegeben waren.

 
Ich habe nie mit einem dieser Leute, die diese Artikel geschrieben haben, gesprochen. Dr. Austen Slade
 

„Ich war überrascht, dass nur 2 Leute bei mir angefragt haben, da draußen aber Dutzende von Artikeln kursieren, in denen ich zitiert werde. Ich denke, sie müssen ihre Zitate aus anderen Quellen haben. Vielleicht schreibt auch der gleiche Journalist für verschiedene Medien“, sagt er.

Kürzerer Penis nur ein Indikator

„Titelzeilen wie ‚Männer mit kurzem Penis können keine Kinder zeugen‘, sind einfach vollkommen falsch“, erklärt er gegenüber Medscape. „Was unsere Studie aussagt, ist, dass eine kürzere Penislänge möglicherweise ein Indikator dafür ist, dass etwas anderes im Argen liegt – und das wäre auch klargeworden, wenn einer dieser Journalisten mich kontaktiert hätte. Fertilität hängt von vielen Faktoren ab, aber nicht von der Penisgröße des Mannes“, betont er.

Slade und seine Kollegen schauten sich retrospektiv alle Männer zwischen 18 und 59 Jahren an, die von 2014 bis 2017 an der Men's Health Clinic der University of Utah vorstellig geworden waren. Seit 2014 gehört die Messung der Penislänge standardmäßig zur Untersuchung aller Patienten, die in die Klinik kommen.

 
Titelzeilen wie ‚Männer mit kurzem Penis können keine Kinder zeugen‘, sind einfach vollkommen falsch. Dr. Austen Slade
 

„Für die Messung wurde der Penis in die Länge gezogen, als Surrogat für die erigierte Länge, da die Ermittlung der tatsächlichen Länge im erigierten Zustand mit offensichtlichen Komplikationen verbunden ist“, erklärt Slade. „Wir haben vom Knochen, der Schambeinfuge, bis zur Penisspitze gemessen.“

Statistisch signifikanter Längenunterschied

Von 815 Männern in der Studie waren 219 infertil, deren Penislänge im ausgestreckten Zustand betrug im Schnitt 12,5 cm. In der nicht infertilen Gruppe lag die durchschnittliche Penislänge bei 13,4 cm. „Es bestand ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den Patienten, die die Klinik wegen Infertilität aufsuchten und allen anderen Patienten“, berichtet Slade.

„Dass es diesen Unterschied gab, war überraschend. Ich habe das ehrlich gesagt, nicht erwartet. Aber auch wenn der Unterschied nur bei 1 cm lag, er war statistisch signifikant, mit einem p-Wert unter 0,001“, sagt Slade im Gespräch mit Medscape.

 
Fertilität hängt von vielen Faktoren ab, aber nicht von der Penisgröße des Mannes.  Dr. Austen Slade
 

Er wolle jedoch hervorheben, dass Unfruchtbarkeit nicht an der Größe liegt, diese sei vielmehr ein Anzeichen für eine zugrundeliegende endokrinologische oder anderweitige Erkrankung. „Es gibt mehr als genug Männer mit unterdurchschnittlich langem Penis, die eine normale Fertilität aufweisen, und ebenso viele Männer mit überdurchschnittlich langen Penis, die infertil sind. Es ist nicht zwangsläufig etwas, worüber sich Männer mit kürzerem Penis Sorgen machen müssten“, ergänzt er.

Sexuelle Funktion versus Fertilitätsfunktion

„Ganz allgemein sind Unterschiede bei der sexuellen Funktion keine wirklich guten Prädiktoren der männlichen Fertilität“, erklärt der künftige ASRM-Präsident Prof. Dr. Peter Schlegel vom New York Presbyterian/Weill Cornell Medical Center in New York City, USA.

„Offensichtlich werden sexuelle Funktion und Fertilitätsfunktion oft verwechselt. Nur in Ausnahmefällen hat die sexuelle Funktion einen Effekt auf die Fertilität eines Mannes“, sagt Schlegel gegenüber Medscape. „Über Penisse zu sprechen, lenkt schnell von dem ab, was wirklich wichtig ist, und wahrscheinlich führt es zu mehr Verwirrung als Nutzen im Hinblick darauf, wie wir männliche Fertilität oder Infertilität betrachten“, fügt er hinzu.

Einflussfaktoren früh in der Entwicklung

Dr. Emily Barrett von der Rutgers School of Public Health in Piscataway, NJ, USA, erforscht Anzeichen für männlicher Infertilität weit früher im Leben. „Wir arbeiten mit männlichen Neugeborenen, Slade arbeitet mit Erwachsenen, aber es ist alles Teil des Entwicklungsweges. Seine Arbeit muss sicherlich repliziert werden, und ich würde sehr gerne das vollständige Paper sehen, da es nur auf Basis des Abstracts schwierig ist, sämtliche Details der Untersuchung zu beurteilen“, sagt Barrett im Gespräch mit Medscape.

 
Offensichtlich werden sexuelle Funktion und Fertilitätsfunktion oft verwechselt. Nur in Ausnahmefällen hat die sexuelle Funktion einen Effekt auf die Fertilität eines Mannes. Prof. Dr. Peter Schlegel
 

„Ich denke, wenn es sich dabei um eine echte Assoziation handelt, wie die Studie andeutet, dann ist es etwas, das schon sehr viel früher in der Entwicklung geschieht, dass eine Verbindung zwischen der Penislänge und der Fertilität schafft“, sagt sie.

„Ein Großteil unserer Forschung beschäftigt sich mit Umweltchemikalien, denen wir tagtäglich ausgesetzt sind“, erklärt Barrett. „Ich selbst untersuche vor allem Phthalate, die man in Plastik findet. Wir alle haben Phthalate in messbarer Konzentration im Körper und wir wissen, dass diese Chemikalien in die Produktion von Androgenen und Testosteron eingreifen. Wir haben die Konzentrationen dieser Hormone bei schwangeren Frauen mit Veränderungen im reproduktiven System ihrer Söhne in Zusammenhang gebracht.“

Barrett und ihre Arbeitsgruppe verwenden die anogenitale Distanz für ihre Untersuchungen. „Wir wissen aus Tierversuchen, dass die anogenitale Distanz recht gut die hormonelle Umgebung in der Schwangerschaft widerspiegelt. Wir beobachten, dass Frauen mit hohen Phthalatkonzentrationen im Körper Söhne mit kürzerer anogenitaler Distanz zur Welt bringen, und das ist ein Zeichen für eine weniger maskuline Entwicklung“, sagt Barrett.

„Slade hat in seiner Studie die ausgestreckte Penislänge verwendet, aber wir schauen uns in unseren Untersuchungen bei den Babys die Penisbreite an. Wir hatten nicht viel Glück mit dem Messen der Penislänge. Es ist auf Dauer einfach schwieriger“, sagt sie.

„Ich stimme Slade 100-prozentig zu, dass die Größe nichts ist, über das sich Männer Gedanken machen sollten. Wir sagen nicht, dass man eher infertil ist, wenn der Penis kürzer ist. Unsere Arbeit soll uns helfen zu verstehen, weshalb einige Männer möglicherweise infertil sind. Zusammengenommen spricht all dies dafür, dass es Dinge gibt, die bereits in der Entwicklung passieren und die die Penisgröße beeinflussen“, sagt sie.

Die mediale Berichterstattung zu dieser Studie sei übertreiben und sensationsheischend gewesen, aber „alles mit dem Wort ‚Penis‘ ist wie ein Magnet für Journalisten“, sagt Barrett.

Dieser Artikel wurde von Nadine Eckert aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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