World Health Summit 2018: Ideen für bessere globale Gesundheit – internationales Abkommen statt nationalistischem Denken

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

17. Oktober 2018

Dr. Angela Merkel

Berlin Dr. Angela Merkel, Jens Spahn, Tedros Adhanom Ghebreyesus, Prof. Dr. Elizabeth Blackburn, Prof. Dr. Detlef Ganten, Bill Gates – wenn so viele wichtige Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zusammenkommen, muss etwas Bedeutendes vor sich gehen. Und tatsächlich ging es beim nunmehr 10. World Health Summit (WHS) in Berlin um nichts Geringeres als die drängendsten Gesundheitsprobleme der Welt – und wie sie von der Weltgemeinschaft gelöst werden können [1].

Jens Spahn
© Stephan Baumann

„Globale Fragen erfordern globale Antworten – von reicheren Ländern und weniger wohlhabenden Ländern“, sagte Schirmherrin Merkel und dankte dem Initiator des WHS, Ganten, für sein Engagement. Es gehe darum, Wirkstoffe und Impfstoffe zu entwickeln und auch für effizientere Systeme zu sorgen. „Gesundheit ist ein Menschenrecht. Sie darf nicht vom Geburtsort oder Wohnort abhängen. Es ist eine Frage der Menschlichkeit, sich auf ein funktionierendes Gesundheitssystem verlassen zu können“, mahnte die Bundeskanzlerin in Anlehnung an die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen.

Auch wenn das Prinzip des Multilateralismus gerade sehr unter Druck stehe, so zeige sich doch gerade in Gesundheitsfragen der Wert der multilateralen Zusammenarbeit als eine Win-Win-Situation, betonte sie. 2014 sei die Welt nicht auf den Ausbruch einer Ebola-Epidemie in Afrika vorbereitet gewesen. 11 000 Menschen seien gestorben. Doch durch die internationale Zusammenarbeit sei es im Frühjahr gelungen, den erneuten Ausbruch von Ebola im Kongo einzudämmen, so Merkel. Sie kündigte außerdem an, dass Deutschland für die nächsten 10 Jahre 500 Millionen Euro gegen den Kampf von Antibiotikaresistenzen einsetzen werde.

 
Gesundheit ist ein Menschenrecht. Sie darf nicht vom Geburtsort oder Wohnort abhängen. Dr. Angela Merkel
 

Die Bundeskanzlerin dankte Gates für seinen unermüdlichen Einsatz, ärmeren Menschen mit der Melinda & Bill Gates Stiftung zu helfen. Neben Deutschland gilt Gates als einer der größten Geldgeber der Weltgesundheitsorganisation WHO. Gates gab das Kompliment zurück und lobte Merkel als Regierungschefin, die sich wirklich für die Belange der globalen Gesundheit einsetze.

E betonte, wie wichtig Innovationen im Bereich der Medizin seien. Als Beispiel nannte er ein von seiner Stiftung finanziertes Projekt, bei dem die DNA von Mücken mithilfe der CrisprCas-Technologie so verändert wird, dass sie Malaria nicht mehr übertragen können. Gates wies zudem auf weitere Projekte seiner Stiftung hin, die sich der Bekämpfung der Trachom-Krankheit widmen. Mit Medikamenten konnte bereits vielen Menschen geholfen werden, so Gates.

WHO-Generaldirektor Ghebreyesus dankte Politikern und Akteuren der Zivilgesellschaft sowie der Wirtschaft für ihre finanzielle Unterstützung und den Veranstalter des WHS für ihr Engagement, die relevanten Akteure zusammenzubringen. Er freute sich, unter anderem in Zusammenarbeit mit der Bundeskanzlerin und mit den Vereinten Nationen einen Plan verabschiedet zu haben. Darin geht es unter anderem darum, globale Gesundheitsfragen zu koordinieren und die Finanzierung von Projekten nachhaltig zu gestalten. Häufig arbeiten viele Organisationen an denselben Projekten. Es sei die Aufgabe, deren Arbeit effizienter und nachhaltiger zu machen.

115 Millionen Euro von Deutschland in den nächsten 4 Jahren

In den letzten Jahren ist Deutschlands Rolle innerhalb der – chronisch unterfinanzierten – WHO gewachsen. Bundesgesundheitsminister Spahn kündigte in Berlin an, dass Deutschland die WHO in den nächsten 4 Jahren mit 115 Millionen Euro unterstützen wird, um die globalen Gesundheitsziele zu erreichen. Eine Koordination durch die WHO sei wichtig, um die Ressourcen effektiv zu nutzen.

Deutschland engagiere sich im Kampf gegen Tuberkulose, nicht-übertragbare Krankheiten wie Krebs, Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen, an denen weltweit 40 Millionen Menschen pro Jahr sterben. Auch im Bereich der Antibiotika-Resistenzen sei ein gemeinsames Vorgehen der internationalen Akteure wichtig, betonte Spahn.

Matshidiso Rebecca Moeti, Regional Director des WHO Regional Office für Afrika, bedankte sich bei den deutschen Politikern für ihr finanzielles Engagement zugunsten des Gesundheitswesens in afrikanischen Ländern. Sie plädierte vor allem für eine allgemeine Gesundheitsabsicherung. Dies bedeute, dass jeder Zugang zur nötigen medizinischen Versorgung bekomme, ohne finanziellen Härten ausgesetzt zu sein.

Umdenken bei Antibiotika nötig

Auch die Vertreter der pharmazeutischen Industrie gratulierten zum 10. Geburtstag des World Health Summits. Stefan Oschmann, Vertreter der European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations (EFPIA) und Vorsitzender der Geschäftsleitung und CEO von Merck, forderte dazu auf, das einseitige Denken in engen Grenzen aufzugeben.

 
Wir sind uns vielleicht nicht in allen Fragen einig, aber das sollte uns nicht daran hindern, unsere Kräfte zu bündeln um die dringendsten Probleme in der Welt zu lösen. Stefan Oschmann
 

Medikamente müssten auch für ärmere Länder erschwinglich sein und gleichzeitig brauche es auch die richtigen Anreize für die Industrie. Vor allem im Antibiotika-Bereich, der wenig profitabel sei, müsse umgedacht werden und Anreize wie Patentverlängerungen müssten geschaffen werden, forderte er. „Wir sind uns vielleicht nicht in allen Fragen einig, aber das sollte uns nicht daran hindern, unsere Kräfte zu bündeln um die dringendsten Probleme in der Welt zu lösen“, sagte er.

Was sich in der Wissenschaft ändern muss

„Ob wir darüber diskutieren, wie gegen Epidemien vorgegangen wird oder wie wir Antibiotika-Resistenzen bekämpfen, unser künftiges Wohlergehen auf globaler Ebene wird weitgehend von wissenschaftlichen Ergebnissen abhängen“, sagte Merkel in ihrem Grußwort. Doch im Wissenschaftssystem muss sich offenbar noch einiges ändern, damit es besser zum globalen Wohlergehen beitragen kann.

Viel Applaus erhielt denn auch Nobelpreisträgerin Blackburn, Professorin am Salk Institute for Biological Studies in La Jolla, USA, für ihre Denkanstöße dazu. Statt weltweit gegeneinander in einen Wettbewerb zu treten, solle die Wissenschaft von morgen ihre Daten und Entdeckungen teilen und online publizieren, forderte sie.

Ein weiteres großes Thema: Die Kluft zwischen den Geschlechtern innerhalb der Wissenschaft sei immer noch zu groß, monierte Blackburn. Frauen seien im Bereich der Naturwissenschaften nach wie vor unterrepräsentiert.

 
Unser künftiges Wohlergehen auf globaler Ebene wird weitgehend von wissenschaftlichen Ergebnissen abhängen. Dr. Angela Merkel
 

Insbesondere ging Blackburn auf den im Juni publizierten Bericht der National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine ein. Dem Bericht zufolge ist sexuelle Belästigung und Diskriminierung von Frauen in der Wissenschaft weit verbreitet. Opfer seien häufig auch Frauen anderer Hautfarben oder mit anderer geschlechtlicher Orientierung. Häufigstes Mittel seien abwertende Witze und Kommentare, durch die sich Frauen ausgeschlossen fühlten.

Sexuelle Belästigung kann die Karriere von Frauen zerstören und ihren Beitrag zur Wissenschaft vernichten: „Das ist ein teurer Verlust von Talenten in der Wissenschaft, im Ingenieurwesen und in der Medizin“, sagte Blackburn.

Internationales Abkommen statt nationalistisches Denken

Ein weiterer Punkt treibt die Wissenschaftlerin um: Das zunehmende nationalistische Denken. Nationalismus sei ausgesprochen unwissenschaftlich, da vor allem auch die Medizin den globalen und nachhaltigen Austausch und die gemeinsame Forschung benötige – für das globale Wohl.

Blackburn schwebt dazu ein internationales Abkommen vor – analog zum Pariser Klima-Abkommen. Die Länder sollten sich darin verpflichten zusammenzuarbeiten, um das Risiko von Katastrophen im gesundheitlichen Bereich zu minimieren.

 

Kommentar

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