Zu früher Smartphone-Gebrauch bei Kindern fördert Myopie: Augenärzte raten, welche Nutzung sie für unbedenklich halten

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

15. Oktober 2018

Prof. Dr. Bettina Wabbels

Berlin – Für den rasanten Anstieg der Myopie in Industrieländern wird insbesondere auch die lange Nutzung von Smartphones und Tablets schon in jungem Alter verantwortlich gemacht. Ophthalmologen plädieren deshalb für eine nach dem Kindesalter gestaffelte Begrenzung der Verwendung dieser Geräte. Die Hintergründe und Empfehlungen dazu erläuterte Prof. Dr. Bettina Wabbels, Leiterin der Abteilung für Orthoptik, Neuro- und pädiatrische Ophthalmologie der Universitäts-Augenklinik Bonn, auf einer Pressekonferenz in Berlin zum 116. Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft [1] .

„Smartphones sind wie Süßigkeiten: Sie machen den Kindern Spaß, aber ihr Konsum muss begrenzt werden“, brachte es Wabbels auf den Punkt. Dabei stehe bei der Nutzung der elektronischen Medien Smartphones, Tablets und PCs aus augenärztlicher Sicht die Entwicklung und Verstärkung der Myopie bei Kindern und Jugendlichen im Vordergrund.

„Hier werden die Weichen sehr früh gestellt. Je früher und je häufiger ein Kind diese Medien nutzt, desto wahrscheinlicher ist es, dass es dadurch kurzsichtig wird.“ Meist beginne die Myopie im Grundschulalter und nehme bis zum frühen Erwachsenenalter zu. Auch ihr Ausmaß sei um so größer, je früher sie begonnen habe.

 
Smartphones sind wie Süßigkeiten: Sie machen den Kindern Spaß, aber ihr Konsum muss begrenzt werden. Prof. Dr. Bettina Wabbels
 

Bereits jeder zweite junge Erwachsene kurzsichtig

Vor allem in den Industrieländern ist die Zahl myoper Menschen in den vergangenen Jahrzehnten rasant gestiegen, und die WHO hat diese Zunahme der Myopie zu einem weltweiten Gesundheitsproblem erklärt. So sind in Deutschland bereits fast die Hälfte aller jungen Erwachsenen kurzsichtig, in einigen asiatischen Ländern sogar bis zu 95%: „Dabei wird die eigentliche Myopie-Welle hierzulande erst noch auf uns zurollen“, prognostiziert Wabbels.

Zwar ist die Wahrscheinlichkeit, kurzsichtig zu werden, entscheidend durch genetische Faktoren bestimmt, und kurzsichtige Eltern haben öfter kurzsichtige Kinder. „Die starke Zunahme der letzten Jahre erklärt sich aber vor allem durch Umweltfaktoren und Verhaltensänderungen, die mittlerweile für etwa 50 Prozent der Myopien verantwortlich sind. Dabei steht einem langen und frühen Gebrauch von Smartphones, Tablets und PCs ein immer geringerer Aufenthalt bei Tageslicht im Freien gegenüber“, so die Bonner Ophthalmologin.

Übermäßige Fokussierung auf den Nahbereich

Für deutlich längere Zeit als etwa beim Anschauen eines Bilderbuches wird die Aufmerksamkeit von Kleinkindern bei der Nutzung elektronischer Medien auf den optischen Nahbereich fokussiert. Dies kann dazu führen, dass der Augapfel wächst, das Auge länger und damit kurzsichtig wird.

Dass die Feinsteuerung des Augenlängenwachstums visuell erfolgt, zeigten auch Tierexperimente. Abgesehen von der Notwendigkeit von Sehhilfen bedeutet eine Myopie später dann ein größeres Risiko für Folgeerkrankungen: wie etwa eine Netzhaut-Ablösung, eine Schädigung der Makula oder erhöhten Augeninnendruck und damit ein Glaukom.

 
Je früher und je häufiger ein Kind diese Medien nutzt, desto wahrscheinlicher ist es, dass es dadurch kurzsichtig wird. Prof. Dr. Bettina Wabbels
 

Zu den akuten möglichen Folgen eines übermäßigen elektronischen Medienkonsums zählen Wabbels zufolge aus augenärztlicher Sicht u.a. gereizte, müde und trockene Augen sowie Naheinstellungsstörungen bzw. Konvergenzkrämpfe mit Innenschielen. Bei kleinen Kindern komme hinzu, dass sie – etwa beim Spielen mit Bauklötzen – räumliches Sehen erlernen, was mit zweidimensionalen Bildschirmen nicht möglich ist. 

Nutzung begrenzen, Mindestabstand einhalten

Aus augenärztlicher Sicht gelten Wabbels zufolge für Kinder daher die folgenden Empfehlungen zur – ungefähren – maximalen täglichen Nutzungsdauer für Smartphones, Tablets und PCs:

  • bis 3 Jahre: keinerlei Nutzung,

  • 4. bis 6. Lebensjahr: ca. 30 Minuten pro Tag,

  • ab 6 bis 10 Jahren: ca. 1 Stunde,

  • ab 10 Jahren: ca. 2 Stunden private (neben schulischer) Nutzung.

Dabei sollte ein Mindestabstand von 30 cm zwischen Auge und Gerät eingehalten werden. „Allerdings“, so Wabbels im Gespräch mit Medscape „ist der konkrete Einfluss von Smartphones und Tablets auf die Entwicklung der Myopie weniger gut als etwa in Studien zum Einfluss des Tageslichts zu quantifizieren. Denn bei ersterem steht vor allem die altersuntypisch lange und ausdauernde Nahsicht im Vordergrund, die zu anderen Nahaktivitäten hinzukommt. Die zeitlichen Empfehlungen zur Smartphone-Nutzung sollten deshalb nicht als feste Schwellen angesehen werden.“

Die Empfehlungen seien angelehnt an diejenigen aus kinderärztlicher und entwicklungspsychologischer Sicht (siehe auch Tipps zur Mediennutzung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung). Eltern könnten entsprechende Nutzungsregeln aufstellen oder die Geräte technisch auf eine bestimmte Nutzungsdauer begrenzen.

 
Tageslicht wirkt der Kurzsichtigkeit entgegen, weshalb Kinder täglich mindestens 2 Stunden bei Tageslicht draußen sein sollten. Prof. Dr. Bettina Wabbels
 

Einschlafstörungen durch Blaulicht

Dass die tatsächlichen Nutzungszeiten oft weit über den Empfehlungen liegen, zeigen aktuelle Ergebnisse der vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) in Auftrag gegebenen und in Kooperation mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) realisierten BLIKK-Studie. So gaben 17% der 13- bis 14-jährigen Jugendlichen an, Probleme mit der Kontrolle ihres Medienverhaltens zu haben.

Kritisch ist dabei besonders auch die Nutzung der Geräte vor dem Einschlafen: „Denn deren hoher Blaulicht-Anteil reguliert das körpereigene Melatonin nach unten und verursacht Einschlafstörungen“, erklärte Wabbels. Ein bis 2 Stunden vor dem Einschlafen sollten elektronische Medien deshalb möglichst gar nicht oder zumindest nur nach Zuschaltung des (in Handys und Tablets meist vorhandenen) Blaulichtfilters genutzt werden – das gelte auch für Erwachsene.

Tageslicht schützt vor der Kurzsichtigkeit

Einen ganz erheblichen Einfluss auf das Myopie-Risiko hat bekanntlich die Zeit, die Kinder bei Tageslicht im Freien verbringen, wie zahlreiche Studien belegen. „Tageslicht wirkt der Kurzsichtigkeit entgegen, weshalb Kinder täglich mindestens 2 Stunden bei Tageslicht draußen sein sollten“, empfahl Wabbels. Selbst bei bewölktem Himmel sei die vom Auge aufgenommene Lichtmenge um ein Vielfaches höher als bei künstlichem Licht in geschlossenen Räumen.

 

Kommentar

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