Abnehmen auch für Nicht-Diabetiker: Semaglutid, einmal wöchentlich gespritzt, ist deutlich effektiver als Liraglutid

Dr. Ingrid Horn

11. Oktober 2018

Um Adipositas weltweit in den Griff zu bekommen, braucht es neue Medikamente. Ein ernsthafter Kandidat könnte das neue Antidiabetikum Semaglutid (Ozempic®, Novo Nordisk) sein. Laut einer in The Lancet veröffentlichten internationalen Studie besitzt der seit Frühjahr dieses Jahres in der EU zugelassene GLP-1-Agonist die Eigenschaft, auch bei Nicht-Diabetikern die Pfunde schmelzen zu lassen [1].

„Diese Studie hat erstmals überprüft, in wieweit sich Semaglutid für das Management des Körpergewichts eignet“, schreiben Prof. Dr. Patrick O’Neil von der Medical University of South Caroline in Charleston, USA, und seine Kollegen. Wie sich nach 52 Wochen Behandlung zeigte, hatten die Teilnehmer in allen Dosis-Gruppen gegenüber der Placebo-Gruppe signifikant an Gewicht verloren. Gleiches gilt auch für die 3 höchsten getesteten Semaglutid-Dosen im Vergleich zu Liraglutid, das bereits in der EU zur Gewichtsreduktion zugelassen ist.

Nachhaltigkeit braucht Programme

Prof. Dr. Stephan Martin

„Das ist ein beeindruckendes Ergebnis und ein höchst interessanter Ansatz“, äußert Prof. Dr. Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie am Verbund Katholischer Kliniken Düsseldorf, gegenüber Medscape.

Semaglutid gehört wie Liraglutid zu den Glukagon-ähnlichen Peptid-1-Analoga, es wird als subkutane Injektion einmal wöchentlich verabreicht und ist Anfang 2018 europaweit zur Behandlung von Typ 2-Diabetes zugelassen worden. Die empfohlene Enddosis beträgt 0,5 bis 1 mg wöchentlich.

„Wenn man das Ausmaß der Gewichtsreduktion von bis zu 15 kg betrachtet, spricht eigentlich alles dafür, die Indikation für Semaglutid bald auf die Behandlung von Übergewicht zu erweitern“, ist Martin überzeugt. Zumal aus der Endpunktsstudie SUSTAIN-6 bekannt sei, dass es z.B. bei Hochrisiko-Diabetikern das Herz-Kreislauf-Risiko günstig beeinflusse.

 
Das ist ein beeindruckendes Ergebnis und ein höchst interessanter Ansatz. Prof. Dr. Stephan Martin
 

„Die entscheidende Frage ist jedoch: Können die Betroffenen das verringerte Gewicht halten, wenn wir mit dem Spritzen aufhören“, so Martin weiter. Denn lebenslanges Spritzen kann in den Augen des Düsseldorfer Diabetologen nicht die Lösung des Problems sein.

Hier müssten sich die Pharma-Firmen weitere Studien einfallen lassen, denn mit einer Stand-alone-Maßnahme würden keine nachhaltigen Erfolge zu erzielen sein, ist er sich sicher. Die gewichtsreduzierende Wirkung von Semaglutid solle deshalb in Programme einfließen, die die Patienten zur Änderungen ihres Lebensstils anregten und bei der Gewichtskontrolle begleiteten, schlägt Martin vor.

Semaglutid gegen Liraglutid

An der aktuellen randomisierten doppelblinden Multicenter-Studie waren 71 Kliniken aus 8 Ländern beteiligt. 957 Personen im Mindestalter von 18 Jahren und mit einen BMI von mindestens 30 kg/m2 sind in die Studie aufgenommen und 9 Behandlungsgruppen zugeordnet worden.

Semaglutid wurde in 7 unterschiedlichen Aufdosierungen verabreicht (finale Dosis: 0,05 mg, 0,1 mg, 0,2 mg, 0,3 mg sowie 0,4 mg). Alle Gruppen starteten mit einer täglichen Einmalinjektion von 0,05 mg. Um die jeweilige Enddosis zu erreichen, wurde die tägliche Dosis schrittweise im Abstand von jeweils 4 Wochen erhöht. Darüber hinaus gab es 2 weitere Gruppen (finale Dosis: 0,3 bzw. 0,4 mg), bei denen die Aufdosierung alle 2 Wochen erfolgte.

Die Liraglutid-Gruppe startete mit 0,6 mg pro Tag (Liraglutid wird einmal täglich injiziert) und erhielt jede Woche 0,6 mg mehr, bis die finale Dosis von 3,0 mg erreicht war. Die Placebo-Gruppe erhielt wirkstofffreie Injektionen gleicher Volumina.

 
Wenn man das Ausmaß der Gewichtsreduktion von bis zu 15 kg betrachtet, spricht eigentlich alles dafür, die Indikation für Semaglutid bald auf die Behandlung von Übergewicht zu erweitern. Prof. Dr. Stephan Martin
 

Primärer Endpunkt der Studie war der Gewichtsverlust nach 52 Wochen Behandlung, dessen Auswertung auf den Daten von letztlich 891 Teilnehmern (93%) basierte. Alle 4 Wochen wurde zusätzlich geprüft, inwieweit die Teilnehmer die Ernährungsempfehlungen einhielten und sich körperlich betätigten.

Deutlich mehr Gewichtsverlust mit Semaglutid

Während in der Placebo-Gruppe der Gewichtsverlust lediglich 2,48 kg (2,3%) betrug, bewirkte Semaglutid bereits in der niedrigsten Dosierung einen Verlust von 6,6 kg (6,0%). Mit zunehmender Dosis gingen auch mehr Pfunde verloren (9,34 kg bzw. 8,6% bei 0,1 mg; 12,3 kg bzw. 11,6% bei 0,2 mg; 12,45 kg bzw. 11,2% bei 0,3 mg und 15,15 kg bwz.13,8% bei 0,4 mg).

Mit dem Antidiabetikum Liraglutid, das bereits zur Behandlung von Übergewicht zugelassen ist, sank das Gewicht um 8,47 kg, womit Semaglutid ab einer Dosis von 0,2 mg signifikant besser abschnitt.

Wie sich außerdem zeigte, verloren nur 10% der Teilnehmer in der Placebo-Gruppe 10% oder mehr an Gewicht, während dieser Anteil bei den mit Semaglutid behandelten Teilnehmern dosisabhängig ab 0,1 mg von 37% auf 65% anwuchs.

„Primär ist der Gewichtsverlust durch Semaglutid auf eine verminderte Energie-Aufnahme infolge geringen Appetits und erhöhten Sättigungsgefühls zurückzuführen“, schreiben die Autoren, Dabei sei bei einer Semaglutid-Dosis von 0,1 mg eine wöchentliche Abnahme von Fett und fettfreier Körpermasse zu beobachten gewesen, bei der der Fettverlust rund 3-mal höher war als der der fettfreien Körpermasse.

 
Die entscheidende Frage ist jedoch: Können die Betroffenen das verringerte Gewicht halten, wenn wir mit dem Spritzen aufhören. Prof. Dr. Stephan Martin
 

Phase-3-Studien abwarten

Wie O’Neil und seine Mitautoren außerdem zeigen konnten, wurde Semaglutid in allen Dosisgruppen grundsätzlich gut vertragen. Das Nebenwirkungsprofil stimmte weitestgehend mit dem von Liraglutid überein. Am häufigsten kam es zu Übelkeit und Durchfall. Dabei traten gastrointestinale Erkrankungen mit steigender Dosierung häufiger auf. Auch die erheblich selteneren Störungen der Gallenblasenfunktion unter der Therapie sind offenbar dosisabhängig.

Prof. Dr. Hans Hauner

Auch Prof. Dr. Hans Hauner, Ärztlicher Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München am Klinikum Rechts der Isar, hält Semaglutid für einen besonders aussichtsreichen Kandidaten für die Behandlung der Adipositas. Dieser Wirkstoff sei ein weiteres Beispiel dafür, dass sich derzeit einiges bei der Entwicklung neuer Medikamente zur Gewichtsreduktion bewege, erklärt er gegenüber Medscape. „Wir müssen aber erst die Phase-3-Studien zu Semaglutid abwarten, um zu erkennen, inwieweit sich die Erwartungen bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit auch in größeren Patientengruppen und über längere Zeit bewahrheiten werden“, so seine Einschätzung.

Gesundheitspolitisch Umdenken nötig

Den aktuellen Ergebnissen zufolge wäre Semaglutid auch dem Appetitzügler Locarserin weit überlegen, der bislang nur in den USA zur Gewichtsreduktion zugelassen ist, weiß Martin zu berichten.

Als Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums sieht er allerdings den Einsatz neuer potenter Medikamente angesichts der deutschen Verhältnisse auch unter einem gesundheitspolitischen Aspekt. „Die Behandlung von Übergewicht/Adipositas ist bei uns ein Politikum, denn dieser Zustand wird nicht als Krankheit betrachtet. Solange das so ist, wird in Deutschland nur derjenige von den neuen Entwicklungen profitieren, der genügend Geld für eine solche langfristige Behandlung aufbringen kann“, gibt er zu bedenken.