hkk-Studie Entlassmanagement: Es hapert noch an der geregelten Umsetzung

Christian Beneker

Interessenkonflikte

10. Oktober 2018

Bei der unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) in Berlin klagen die Klienten nach wie vor über schlechtes Entlassmanagement nach einem Krankenhaus-Aufenthalt. Das berichtet Sandra Szabo von der UPD. „Da werden alte Patienten am Freitagnachmittag entlassen – ohne Medikation oder ohne die Angehörigen zu benachrichtigen, die die Patienten unterstützen könnten.“

Szabo berichtet von Fällen, bei denen alleinstehende, alte Patienten mit dem Taxi nach Hause geschickt wurden und dann hilflos „am Fuß der Treppe zur eigenen Wohnung standen und es nicht die paar Stufen hinaufschafften.“ Genauere Zahlen zum Stand des Entlassmanagements liefert jetzt der hkk Gesundheitsreport 2018 „Entlassmanagement“ [1].

Seit einem Jahr haben Krankenhaus-Patienten das Recht auf ein geregeltes Entlassmanagement. So will es der Rahmenvertrag Entlassmanagement zwischen dem GKV-Spitzenverband, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Deutschen Krankenhausgesellschaft vom Oktober 2017.

 
Da werden alte Patienten am Freitagnachmittag entlassen – ohne Medikation oder ohne die Angehörigen zu benachrichtigen, die die Patienten unterstützen könnten. Sandra Szabo
 

Darin haben die Vertragspartner unter anderem den Geltungsbereich, das Ziel, den Ablauf, den Entlassbrief, Verordnungsfragen und die Unterstützungspflichten der Kassen vereinbart. Vor allem geht es um die neu geschaffenen Verordnungsmöglichkeiten der Krankenhäuser: Sie können nun Arznei-, Heil- und Hilfsmittel, häusliche Krankenpflege und Soziotherapie für einen Übergangszeitraum verordnen und die Arbeitsunfähigkeit (AU) bescheinigen.

Aber die Praxis zeigt: An vielen Stellen hapert es noch mit einer geregelten und funktionierenden Überleitung der Patienten vom Krankenhaus nach Hause und in die ambulante Versorgung. „Natürlich kommen nur die Patienten zu uns, denen es schlecht ergangen ist“, schränkt Szabo ein. „Wenn das Entlassmanagement gelungen ist, erfahren wir davon nichts.“

Aber die Anzahl der Beratungsanlässe zum gescheiterten Entlassmanagement hätten seit dem neuen Gesetz andererseits auch nicht abgenommen. 4 bis 5 Beratungsanlässe wöchentlich beziehen sich bei der UPD auf das Entlassmanagement.

Zu wenige Patienten werden informiert

Laut hkk Gesundheitsreport 2018 „Entlassmanagement“ unter der Leitung von Dr. Bernard Braun vom Bremer Institut für Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung (BIAG) wurden im zurückliegenden Jahr nur 35,8% der Krankenhaus-Patienten durch die Kliniken über das Pflichtangebot des Entlassmanagements informiert.

Noch weniger, nämlich 26,6% aller Patienten, wurden schriftlich über Inhalt und Ziele des Entlassmanagements in Kenntnis gesetzt, so der Report. Grund für die schwache Information könnte der Vertrag selbst sein. Denn er liefere zum Entlassmanagement keine harten Kriterien, bei welchen Patienten ein solches angezeigt sei, kritisiert Braun. Welche Patienten zu beraten sind, legt laut Vertrag ein Arzt nach eigenen Kriterien fest.

Zwar kämen nicht alle Patienten für ein Entlassmanagement in Frage, so Braun zu Medscape. „Wir gehen aber davon aus, dass alle Patienten, die mit schweren chronischen Krankheiten ins Krankenhaus gehen, nachstationär einen Bedarf an Entlassmanagement haben und entsprechende Informationen brauchen. Rund 42 Prozent der Befragten fielen in diese Kategorie.“

So lange nicht ausnahmslos alle Krankenhaus-Patienten mit einem nachstationären Behandlungsbedarf, also mindestens die 42,1% schwer und chronisch Erkrankten, vollumfänglich informiert würden, sei der Rahmenvertrag zum Entlassmanagement nicht erfüllt. Braun: „Erst wenn das erreicht ist, sind eine erfolgreiche Vorbereitung der Krankenhaus-Patienten auf die Zeit nach ihrem Klinikaufenthalt und ein optimaler Heilungsverlauf möglich.“

Auch bei den AU-Bescheinigungen herrsche Nachholbedarf, zeigt der Gesundheitsreport. 140 Studienteilnehmer benötigten aufgrund ihres Krankenhausaufenthalts eine Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung. Aber nur 62,1% erhielten auch eine. „Hier müssen wirklich 100 Prozent erreicht werden“, betont Braun. „Denn wenn diesen Patienten die AU-Bescheinigung fehlt, kann dies arbeitsrechtliche Konsequenzen haben.“

Zudem helfen die Krankenhäuser ihren Patienten zu selten, die Anträge auf Entlassmanagement auszufüllen. Von den Befragten, die nach ihrer Entlassung genehmigungspflichtige Leistungen der Krankenkasse benötigten, erhielten weniger als ein Drittel (29,3%) Unterstützung bei der Bearbeitung der dafür notwendigen Antragsunterlagen.

 
Wir gehen aber davon aus, dass alle Patienten, die mit schweren chronischen Krankheiten ins Krankenhaus gehen, nachstationär einen Bedarf an Entlassmanagement haben. Dr. Bernard Braun
 

Besser sieht es offenbar bei der Aufklärung der Patienten über Art und Behandlung ihrer Krankheit aus, so die hkk. 83,7% der Befragungsteilnehmer gaben an, ausreichend über ihre Krankheit und deren Behandlung informiert worden zu sein. 85,4% erhielten einen (vorläufigen) Entlassbrief und 81,8% der Patienten, die mindestens 3 verordnete Arzneimittel einnehmen mussten, bekamen einen Medikationsplan.

Aber: 40% der Patienten erhielten keine Erklärung zur Selbsthilfe zur Genesung, obwohl der Bedarf bestand. Weiterhin wurde mit 45,7% entgegen der Notwendigkeit nicht darüber gesprochen, wie sie nach ihrer Entlassung ihre gewohnten Alltagsaktivitäten wieder aufnehmen könnten.

Krankenhausgesellschaft: Die Studie ist „wenig hilfreich“

Joachim Odenbach, Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), kritisiert zwar die hkk-Studie, geht aber nicht näher auf die Ergebnisse ein. Die Befragung sei insgesamt „leider wenig hilfreich.“ Die Ergebnisse stammten aus einer nicht repräsentativen Befragung aus April, „also bei weitem nicht, wie von der hkk behauptet, ein Jahr nach Einführung“, so Odenbach zu Medscape.

Die Studie verzeichne zudem nicht, ob die Patienten von einem Klinikarzt oder Belegarzt behandelt wurden. „Denn die Richtlinie des G-BA gilt nicht für Belegärzte.“ Ebenso wenig gelte sie für Patienten, die nach § 115a SGB V eine ambulante nachstationäre Behandlung im Krankenhaus erhalten. „Denn auch hier wird kein Entlassmanagement mehr durchgeführt, da die Entlassung bereits vor Beginn der nachstationären Behandlung erfolgt ist“, so Odenbach.

Zudem verwies der DKG-Sprecher auf den knappen Zeitrahmen. Das Entlassmanagement forderte in den vergangenen Monaten von den Kliniken „erhebliche Anpassungsprozesse von der Anschaffung erforderlicher Soft- und Hardware zur Ausstellung von Verordnungen bis hin zur intensiven Einarbeitung und Schulung der am Entlassmanagement beteiligten Ärzte, Pfleger, Sozialdienst und Krankenhausapotheker“. Das Ganze sei wegen fehlender Übergangsfristen nicht von heute auf morgen machbar, hieß es. Schließlich bemängelte Odenbach, dass es für das Entlassmanagement „keine finanziellen Mittel“ gebe.

Den Vertrag zum Entlassmanagement hatten der GKV-Spitzenverband, die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Deutsche Krankenhausgesellschaft 2017 erst nach längerem Streit und unter dem Druck eines Bundesschiedsamtes geschlossen.

 

Kommentar

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