Typ-1-Diabetes – ein weiterer Schritt hin zum künstlichen Pankreas: Hybrid-Closed-Loop-Therapie bewährt sich im Alltag

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

9. Oktober 2018

Berlin – Es ist ein weiterer wichtiger Schritt auf dem Weg hin zu einem „künstlichen Pankreas“: Beim 54th Annual Meeting of the European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Berlin berichtete Dr. Martin Tauschmann von der University of Cambridge, dass sich mit einem Hybrid-Closed-Loop-System auch bei Patienten mit suboptimaler Blutzuckereinstellung und unter Alltagsbedingungen die Glukosekontrolle verbessern und Hypoglykämien vermeiden lassen [1].

„Der Cambridge-Closed-Loop-Algorithmus erhöhte die Zeit im Glukose-Zielbereich, reduzierte den durchschnittlichen Blutzuckerspiegel, den HbA1C-Wert sowie Hypoglykämien und verbesserte die Glukosevariabilität“, fasste er zusammen.

Auf Bewährung im Alltag

Dr. Ralph Ziegler

Dr. Ralph Ziegler, niedergelassener Kinderdiabetologe aus Münster und Spezialist für die Therapie mit Insulinpumpen und Glukosesensoren, betont im Gespräch mit Medscape, dass in bisherigen Studien meist nur Patienten mit bereits sehr guter Blutzuckereinstellung eingeschlossen worden seien. Darüber hinaus handelt es sich hier „um eine große Studie mit langer Nachbeobachtung, es wurden sowohl Kinder als auch Erwachsene behandelt und die Patienten lebten die gesamte Zeit zuhause. Das System musste sich somit unter normalen Alltagsbedingungen als sicher und zuverlässig erweisen.“

 
Das System musste sich somit unter normalen Alltagsbedingungen als sicher und zuverlässig erweisen. Dr. Ralph Ziegler
 

Tauschmann und seine Koautoren analysierten die Daten von 86 Typ-1-Diabetes-Patienten im Alter über 6 Jahren, die an Zentren in Großbritannien und den USA entweder mit einem Hybrid-Closed-Loop-System oder einer sensorgestützten Insulinpumpe behandelt worden waren. Der HbA1C-Wert zu Studienbeginn habe zwischen 7,5-10,0% gelegen, berichten sie in ihrer zeitgleich zur Kongresspräsentation im Lancet erschienenen Studie [2].

Algorithmus berechnet Insulinrate

Alle Teilnehmer verwendeten eine Insulinpumpe, einen Glukosesensor und ein Glukose-Messgerät. Das Hybrid-Closed-Loop-System wurde von einem auf einem Smartphone installierten Algorithmus kontrolliert, der alle 10 Minuten eine Insulinrate berechnete und an die Pumpe weitergab. Die Eingabe des Insulinbedarfs zu Mahlzeiten musste manuell erfolgen.

Anders als in früheren Studien wurden die Teilnehmer nicht fernüberwacht, konnten ihren normalen Tätigkeiten nachgehen, durften alles essen und unterlagen auch hinsichtlich körperlicher Aktivitäten keinerlei Restriktionen. Nach einer 4-wöchigen Eingewöhnungsphase, in der die Teilnehmer den Umgang mit dem Therapiesystem trainierten, wurden sie 12 Wochen weiter beobachtet.

Mehr Zeit im Zielbereich

„In allen Altersstufen stieg die im Blutzucker-Zielbereich verbrachte Zeit um 10,8 Prozent an“, berichten die Autoren über die mit dem Hybrid-Closed-Loop-System behandelten Studienteilnehmer. Während die Patienten in der Hybrid-Closed-Loop-Gruppe in 65% der Zeit Blutzuckerwerte im Zielbereich von 3,9 bis 10,0 mmol/l (70-180mg/dl) aufwiesen, war dies in der Kontrollgruppe mit sensorgestützter Pumpentherapie nur in 54% der Zeit der Fall. Außerdem sank in der Hybrid-Closed-Loop-Gruppe der HbA1C-Wert signifikant stärker ab als in der Kontrollgruppe.

Das Hybrid-Closed-Loop-System reduzierte Hypoglykämien, in der Hybrid-Closed-Loop-Gruppe verbrachten die Teilnehmer signifikant weniger Zeit mit Blutzuckerspiegeln unter 3,9 mmol/l (70mg/dl) als in der Kontrollgruppe. Gleiches galt für Blutzuckerausschläge nach oben über 10,0 mmol/l (180mg/dl).

Was sich nicht zwischen den beiden Gruppen unterschied, waren die tägliche Insulindosis und das Körpergewicht. Schwere Hypoglykämien traten weder mit dem Hybrid-Closed-Loop-System noch mit der sensorgestützten Pumpentherapie auf.

Ergebnisse besser verallgemeinerbar

Die Studienautoren betonen, dass die Stärken ihrer Studie unter anderem „in der breiten Altersspanne der Teilnehmer liegen, das verbessert die Generalisierbarkeit der Studienergebnisse“. Außerdem seien die Teilnehmer nicht fernüberwacht worden und hätten ganz normal weitergelebt, „dies erlaubte eine Beurteilung des Hybrid-Closed-Loop-Systems unter Real-World-Bedingungen“.

In einem Editorial bestätigt Dr. Alfonso Galderisi vom Department of Pediatric Endocrinology an der  Yale University School of Medicine, New Haven, dass „frühere Studien die Real-World-Population der mit Typ-1-Diabetes lebenden Patienten oft nur schlecht abgebildet haben.“ [3]

 
Inzwischen können die Studienteilnehmer mit dem System bereits 3 Monate zuhause verbringen, das ist ein großer Fortschritt. Dr. Ralph Ziegler
 

Nur etwa ein Drittel der Patienten mit Typ-1-Diabetes würde die empfohlenen Blutzucker-Zielwerte erreichen, ergänzt er, „deshalb ist es schwierig, die Ergebnisse anderer Hybrid-Closed-Loop-Studien auf die heterogene Patientenpopulation der Typ-1-Diabetiker zu übertragen“.

Sicherheit ist entscheidend

„Bei der Diabetestherapie mit einem Closed-Loop-System verlässt man sich letztlich ganz auf einen Algorithmus, der alles regelt. Es muss gewährleistet sein, dass das System immer und in allen Situationen funktioniert“, erklärt Ziegler im Gespräch mit Medscape den langwierigen Weg hin zu einem System für die Routineversorgung.

Angefangen habe alles mit wenigen Patienten, die stationär oder in einem Hotel engmaschig überwacht wurden. „Inzwischen können die Studienteilnehmer mit dem System bereits 3 Monate zuhause verbringen, das ist ein großer Fortschritt“, resümiert der Diabetologe.

 

Kommentar

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