Die FDA macht mobil gegen den Verkauf von E-Zigaretten an Minderjährige, hofft aber auf Mitarbeit der Hersteller

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

25. September 2018

In den USA „dampfen“ immer mehr Jugendliche, gleichzeitig steigern führende Hersteller den Nikotingehalt der Verdampfungsflüssigkeiten (Liquids) ihrer E-Zigaretten. Die Food and Drug Administration (FDA) hat diese deshalb in einem offiziellen Warning Letter angemahnt, den illegalen Verkauf dieser Substanzen an Jugendliche zu erschweren und zahlreiche Händler bei Strafandrohung gewarnt, weiterhin an Minderjährige zu verkaufen [1].

 
Kontrollpolitik bringt mehr als Verbote. Insbesondere beim Jugendschutz, weil Verbote hier schwer zu kontrollieren sind. Dr. Tobias Rüther
 

Dr. Tobias Rüther

„Bei dieser Thematik handelt die FDA völlig richtig“, bestätigt Dr. Tobias Rüther, Psychiater und Leiter der Spezialambulanz für Tabakabhängigkeit am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. „Kontrollpolitik bringt mehr als Verbote. Insbesondere beim Jugendschutz, weil Verbote hier schwer zu kontrollieren sind.“

E-Zigaretten ja, aber nicht für Minderjährige

Die FDA befürwortet im Prinzip den Konsum von E-Zigaretten, da bei der Verdampfung von Tabak deutlich weniger gesundheitsschädliche Stoffe entstehen als bei dessen Verbrennung. Auf diese Weise können Raucher ihr Verlangen nach Nikotin auf weniger gesundheitsbeeinträchtigende Weise befriedigen als durch das Rauchen von Tabak, erläutert Dr. Scott Gottlieb, der Leiter der FDA in einem offiziellen Statement.

Jetzt aber habe der Konsum elektronischer Zigaretten durch Minderjährige in den USA in epidemischem Maße zugenommen, erklärt Gottlieb. So „dampften“ in 2017 bereits mehr als 2 Millionen US-Schüler regelmäßig, wobei damit der Konsum „klassischer“ Zigaretten deutlich überschritten wurde.

„Dieser Trend wird auch vor Deutschland nicht Halt machen“, befürchtet Rüther. „Zumal die neuen E-Zigaretten von den USA aus sehr aktiv und gut gemacht beworben werden, was natürlich über das Internet auch international funktioniert.“

Liquids zielen auf den Geschmack von Jugendlichen

Parallel dazu vermerke die FDA eine verstärkte Hinwendung der Hersteller zu geschmacksveränderten Liquids (Mango, Menthol, Creme brulee etc.), wobei eine Zielrichtung auf Jugendliche naheliege. Darüber hinaus bringe auch der größte Anbieter, die Marke Juul ihre Liquids mit besonders hohem Nikotinanteil auf den Markt.

Gerade Jugendliche seien besonders anfällig gegenüber dem Suchtpotential von Nikotin, begründet die FDA ihre aktuellen Maßnahmen zum Schutz von Minderjährigen. „Wir wollen gemäß unserem Auftrag zur Überwachung der allgemeinen Gesundheit verhindern, dass die Vorteile, die e-Zigaretten für langjährige Raucher bieten, andererseits Millionen von jungen Menschen nikotinabhängig machen“, konstatiert Gottlieb.

„E-Zigaretten sind ja nicht der einzige Weg aus der Tabak-Abhängigkeit“, gibt Rüther zu bedenken. „Es gibt verschreibungspflichtige Nikotinrezeptor-Blocker, die ihre Wirksamkeit bewiesen haben sowie – zumindest hierzulande – gute Anti-Raucherberatungen und -Kurse, die mit gezieltem Einsatz von Medikamenten, Nikotinpflaster, -kaugummi oder -mundspray und psychologischer Betreuung helfen können.“

Über 1.100 Verkaufsstellen namentlich angemahnt

Deshalb hat die FDA jetzt Juul und 4 weiteren führenden Unternehmen der E-Tabakindustrie eine Frist von 60 Tagen gesetzt, um die illegale Abgabe von Liqiuds („pods“) und E-Zigaretten, von denen manche mittlerweile wie USB-Sticks aussehen, zu erschweren. Dieses Ultimatum richtet sich gegen den Vertriebsweg, die Produkte in großen Mengen direkt über die Homepage dieser Firmen zu beziehen, was laut FDA die unkontrollierte Weitergabe an Jugendliche sehr erleichtert. Andernfalls will die FDA den Verkauf geschmacksveränderter Flüssigtabake in den USA generell verbieten.

Darüber hinaus hat die Behörde etwa 1.100 Wiederverkäufer schriftlich vor der illegalen Abgabe an Minderjährige gewarnt, darunter so bekannte Handelsketten wie Shell (Tankstellen), Walgreens und 7-Eleven, sowie bereits über 130 Strafbefehle verhängt. Die Adressaten sind im Internet einzusehen.

„Wenn die Unternehmen die Augen vor diesen illegalen Verkäufen an Minderjährige verschließen, werden wir ihnen helfen, sie dafür zu öffnen“, formulierte es Gottlieb sehr offensiv in einer Pressekonferenz. Juul und die anderen 4 Unternehmen haben bereits ihre Bereitschaft zur Kooperation mit der FDA bekundet.

Selbstkontrolle der Tabakindustrie: Der Bock als Gärtner?

Im April dieses Jahres hatte die FDA begonnen, die Produkte und Verkaufspraktiken des Unternehmens Juul zu untersuchen. Juul hatte der FDA zahlreiche Akten übermittelt, aber diese wurden bisher weder vom Unternehmen noch der FDA offengelegt. „Unsere Fachabteilung ist noch dabei, die Daten auszuwerten“, gab Gottlieb dazu bekannt.

 
Wir sollten hierzulande dieselben Werbeeinschränkungen für diese E-Zigaretten einführen, die auch für andere Tabakprodukte gelten. Dr. Tobias Rüther
 

Zahlreiche Stimmen, etwa die Generalstaatsanwaltschaft, begrüßen das Vorgehen der FDA. Anderen, etwa der Antiraucher-Gruppierung Truth Initiative, geht das Angebot zur Zusammenarbeit mit der Tabakindustrie nicht weit genug. „Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass sich die Tabakindustrie selbst beschränken wird“, bemerkt deren Vorsitzende Robin Koval dazu.

Werbeverbote für das „I-Phone der E-Zigaretten“?

Die E-Zigarette des Unternehmens Juul erobert derweil neue Märkte. So ist der am PC elektrisch aufladbare Juul-Stick bereits in der Schweiz erhältlich und wird in Deutschland schon sehr aktiv beworben. Auf der Internet-Plattform Youtube finden auch hierzulande Jugendliche zahlreiche Videos zum Gebrauch des „Juul-Sticks“, der auch als „I-Phone der E-Zigaretten“ bezeichnet wird.

„Wir sollten hierzulande dieselben Werbeeinschränkungen für diese E-Zigaretten einführen, die auch für andere Tabakprodukte gelten“, fordert Rüther. „Denn das Suchtpotential ist bei diesen inzwischen leider fast ebenso hoch wie für normale Tabakkonsumenten.“

 
Heute geben manche E-Zigaretten so viel Nikotin ab wie eine ganze Schachtel. Prof. Dr. Risa Robinson
 

Das Unternehmen Juul hat seinen Sitz in Kalifornien und gibt sich ein sehr modernes Image. Offen wird in der Werbung auf die Verwendung von Tabak als Ausgangsprodukt der Tabaksalzlösungen hingewiesen, die im „Juul-Stick“ Verwendung finden. Dr. Risa Robinson, Professorin am Rochester Institute of Technology, USA, die im Auftrag der FDA E-Zigaretten untersucht, ist besorgt: „Anfangs war in E-Zigaretten wesentlich weniger Nikotin als in herkömmlichen Zigaretten. Heute geben manche E-Zigaretten so viel Nikotin ab wie eine ganze Schachtel.“

Bereits 2017 hatte die FDA mit der Tabakindustrie ausgehandelt, dass diese bis 2022 neue E-Zigaretten mit geringerem Nikotingehalt entwickeln solle. „Bisher kann ich aber leider keinen Ansatz erkennen, der auf die Umsetzung dieses Plans hindeutet“, gibt Gottlieb zu bedenken.

 

Kommentar

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