Autismus: Stoffwechselmarker könnten eine frühere Diagnose und eine gezielte Ernährungstherapie ermöglichen

Megan Brooks

Interessenkonflikte

20. September 2018

Bei manchen Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) kann der Nachweis bestimmter Stoffwechselmarker eine frühere Diagnose und vielleicht eine gezielte Ernährungstherapie ermöglichen. Dies ergab eine Studie, die in Biological Psychiatry veröffentlicht worden ist [1] Die Untersucher fanden heraus, dass sich über den Nachweis einer Dysregulation des Aminosäure-Stoffwechsels etwa 17% der Kinder mit ASS erkennen lassen.

Bislang standen keine zuverlässigen diagnostischen Biomarker für die ASS zur Verfügung. Auf Basis früherer Hinweise darauf, dass eine Dysregulierung von verzweigt-kettigen Aminosäuren zur ASS beitragen könnte, wurde jetzt untersucht, ob eine Aminosäuren-Fehlregulierung bei Personen mit ASS ein allgemeines Phänomen ist. „Unseren Ergebnissen zufolge scheint das der Fall zu sein“, erklärt der Erstautor Dr. David G. Amaral, Forschungsleiter am Davis MIND Institute der University of California in Sacramento, USA,  gegenüber Medscape.

3 ASS-assoziierte Aminosäure-Dysregulationen identifiziert

Die Studie versuchte, anhand von Metabolom-Analysen aus Blutproben von kleinen Kindern Autismus-Biomarker zu identifizieren. Die Untersucher verglichen Plasma-Metaboliten von 516 Kindern mit ASS mit einer altersgematchten Kontrollgruppe aus 164 normal entwickelten Kindern, die für das Children's Autism Metabolome Project rekrutiert worden waren.

Anhand der Ergebnisse konnten die Untersucher ASS-Kinder aufgrund gemeinsamer Stoffwechsel-Merkmale verschiedenen Subpopulationen zuteilen. Ungleichgewichte bei Glutamin, Glycin und Ornithin sowie ein niedriger Gehalt an verzweigt-kettigen Aminosäuren (Leucin, Isoleucin und Valin) ermöglichten die Identifizierung von 3 ASS-assoziierten Metabolom-Typen der Aminosäure-Dysregulation (Amino Acid Dysregulation Metabotypes, AADM).

Eine Kombination dieser 3 AADM lag bei 16,7% der Kinder mit ASS vor und konnte mit einer Spezifität von 96,3% bei einem positiven Vorhersagewert von 93,5% nachgewiesen werden.

Test Ende des Jahres verfügbar?

„Die Anstrengungen gehen dahin, bis Ende des Jahres einen Ersttest zur Verfügung zu haben“, sagte Amaral gegenüber Medscape. Es sei jedoch unwahrscheinlich, dass ein einziger Biomarker alle Fälle von Autismus identifizieren könne. „Wir untersuchen derzeit weitere Metaboliten, die andere Teilmengen von Kindern mit Autismus definieren. Das Ziel wäre eine Sammlung von Diagnostik-Panels, die eine viel größere Anzahl von autismus-gefährdeten Kindern identifizieren würde“, sagte Amaral.

 
Die Anstrengungen gehen dahin, bis Ende des Jahres einen Ersttest zur Verfügung zu haben Dr. David G. Amaral
 

„Ein zuverlässiges Set biologischer Marker zur Aufdeckung eines erhöhten Autismusrisikos würde die genaue Identifizierung verbessern und die Folgen für die Betroffenen geringer ausfallen lassen. Der Metabolomik-Ansatz in dieser Arbeit richtet sich nicht nur auf die Erkennung dieser Zustände, sondern auch auf die Entwicklung zielgerichteter Therapien“, erläutert Dr. Thomas Frazier, wissenschaftlicher Leiter bei Autism Speaks, der nicht an der Studie beteiligt war, in einer Pressemitteilung.

Die Autoren weisen darauf hin, dass in Mausmodellen und bei Menschen mit einem Mangel an verzweigt-kettiger α-Ketosäure-Dehydrogenase eine proteinreiche Kost angesetzt wurde oder verzweigt-kettige Aminosäuren (branched-chain amino acids, BCAA) gegeben wurden, um die ASS-Symptome zu reduzieren und die kognitiven Funktionen zu verbessern. „Die Definition einer Gruppe AADM-positiver Kinder kann dabei helfen, autistische Patienten zu differenzieren, um darauf eine gezielte Intervention durch Nahrungsergänzungsmittel oder spezielle Diäten aufzubauen“, schreiben sie.

Wichtige Fragen bleiben noch offen

Dr. Victoria Chen, Fachärztin für Entwicklungs- und Verhaltenspädiatrie am Cohen Children's Medical Center in New Hyde Park, New York, USA, kommentierte die Arbeit für Medscape und stellte fest, dass die Entdeckung von AADM als biologischer Marker für ASS ein „neuer Befund ist und die frühzeitige Identifizierung von Kindern mit ASS verbessern könnte“.

Allerdings, so Chen weiter, sei es wichtig zu bedenken, dass dieser Biomarker nur 16,7% der Kinder mit ASS in der Probe identifiziert habe, „sodass er noch lange nicht jedes Screening für Kinder mit ASS ersetzt. Aktuelle Screening-Standards schreiben vor, dass ein Test in der Lage sein muss, mindestens 70% bis 80% der untersuchten Kinder zu identifizieren“, sagt sie. „Doch mit einem positiven Vorhersagewert von 93,5% könnte er ein nützliches Werkzeug zur Bestätigung einer ASS-Diagnose sein, was für Familien hilfreich sein kann, die verschiedene Evaluationen heranziehen möchten, um eine größere Gewissheit zu erreichen.“

„Wie bei vielen neuen Entdeckungen bleiben noch manche Fragen offen“, fügt sie hinzu. „Welche Merkmale weisen z.B. ASS-Kinder auf, die einen positiven AADM-Befund haben? Könnte dies ein erster Schritt sein, um zu einem besseren Verständnis für den biologischen Mechanismus der vorherrschenden Probleme zu kommen, mit denen ASS-Kinder konfrontiert sind (wie „picky eating“ oder sensorische Probleme)?“

 
Diese Studie eröffnet viele neue Möglichkeiten für eingehendere Forschungsanstrengungen, die nicht nur Folgen für die Diagnostik der ASS haben. Dr. Victoria Chen
 

„Diese Studie eröffnet viele neue Möglichkeiten für eingehendere Forschungsanstrengungen, die nicht nur Folgen für die Diagnostik der ASS haben, sondern auch verstehbarer machen könnten, was die mit ASS verbundenen kognitiven oder verhaltensbedingten Probleme verursacht“, sagt Chen.

Frazier stimmt zu, dass zusätzliche Studien erforderlich sind. „Die Studie scheint sehr gründlich durchgeführt, und die Autoren interpretieren die Resultate mit der gegebenen Vorsicht. Es sind weitere Arbeiten notwendig, bevor die Ergebnisse für den klinischen Gebrauch in Betracht gezogen werden können“, sagt er gegenüber Medscape.

„Die Hauptpunkte sind die Wiederholung in einer separaten klinischen Stichprobe und die Einbeziehung einer Kontrollgruppe mit Entwicklungsstörungen ohne Autismus. Aktuell ist bei dem Vergleich von ASS-Kindern mit normal entwickelten Kindern nicht deutlich, ob das Panel spezifisch für Autismus ist oder mehr mit allgemeinen Entwicklungsproblemen in Zusammenhang steht“, sagt Frazier.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....