Nikotinstopp  lohnt! Trotz Gewichtzunahme und höherem Typ-2-Diabetes-Risiko sinkt die Sterblichkeit in Summe deutlich

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

17. September 2018

Wer es schafft, mit dem Rauchen aufzuhören, tut sich und seiner Gesundheit in jedem Fall etwas Gutes – selbst, wenn er in Folge dieses Schritts an Gewicht zulegt und damit sein Risiko für Typ-2-Diabetes erhöht. Das geht aus einer Auswertung von 3 US-Kohorten – der Nurses’ Health Study (NHS), der Nurses’ Health Study II (NHS II) und der Health Professionals Follow-up Study (HPFS) – hervor, die Wissenschaftler jetzt im New England Journal of Medicine (NEJM) vorgestellt haben [1].

Wie die Forscher um Dr. Yang Hu von der Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston berichten, steigt das Diabetesrisiko bei einer Gewichtszunahme von mehr als 5 kg zwar im Schnitt um 22%. Trotzdem überwiegen die positiven Folgen des Rauchstopps, schreiben die Autoren: Selbst bei Probanden, die 10 kg oder mehr zugenommen hatten, reduzierte sich die Gesamtsterblichkeit im Vergleich zu Rauchern um 50%.

 
Raucher sollten sich von einer möglichen Gewichtszunahme infolge des Rauchstopps nicht vom Aufhören abschrecken lassen (…) Dr. Yang Hu
 

Kardiovaskuläre Erkrankungen zusätzlich zum Diabetes müssen nicht sein

Unterstützt wird dieses Ergebnis von einer schwedischen Studie, die in der gleichen Ausgabe des NEJM erschienen ist [2]. Das Team um Dr. Aidin Rawshani vom Medizinischen Institut der Universität Göteborg kommt darin zu dem Schluss, dass Patienten mit Typ-2-Diabetes, sofern ihre kardiovaskulären Risiken – zu denen bekanntlich auch das Rauchen gehört – gut kontrolliert werden, nicht öfter Schlaganfälle oder Herzinfarkte erleiden als die Allgemeinbevölkerung. Auch die Mortalität dieser Patienten sei nicht erhöht, schreiben die Wissenschaftler.

Wie Rawshani und seine Kollegen herausfanden, erhöhte vor allem ein schlecht kontrollierter Blutzucker (hoher HbA1c-Wert) das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Sterblichkeit jedoch wurde in ihrer Untersuchung vor allem durch den Faktor Rauchen beeinflusst.

Entscheidend für das Herz und die Gefäße sind insbesondere 5 Risikofaktoren

„Für Mediziner lautet die Hauptbotschaft der Studie von Hu und seinen Kollegen, dass die Vorteile eines Rauchstopps in Bezug auf die kardiovaskuläre und die Gesamtsterblichkeit das Risiko, Typ-2-Diabetes zu entwickeln, bei weitem überwiegen“, schreibt der US-Mediziner Prof. Dr. Steven Schroeder, Direktor des Smoking Cessation Leadership Center an der University of California in San Francisco (UCSF), in einem ebenfalls im NEJM veröffentlichten Kommentar [3].

Allerdings müsse man berücksichtigen, dass sämtliche für die Studie herangezogenen Probanden im Gesundheitsbereich tätig gewesen seien, gibt Schroeder zu bedenken. Somit würden diese Menschen vermutlich andere Gesundheitsrisiken und ein anderes Verhalten aufweisen als heutige Raucher, die vermehrt in sozial schwachen Bevölkerungsgruppen zu finden seien.

Die 2. Studie von Rawshani und seinem Team liefere zudem gute Gründe für ein aktives Management kardiovaskulärer Risikofaktoren bei Patienten, die bereits an Typ-2-Diabetes leiden, betont Schroeder. Zu den wichtigsten Faktoren, die auch von den Forschern aus Schweden untersucht wurden, gehören ein erhöhter HbA1c- und LDL-Wert, hoher Blutdruck, Albuminurie (das Auftreten von Albumin im Urin) sowie das Rauchen.

Am höchsten war das Diabetesrisiko 5 bis 7 Jahre nach dem Rauchstopp

Die Forscher um Hu werteten für ihre Untersuchung Daten aus 3 bekannten großen US-Kohortenstudien aus, für die seit dem Jahr 1976 Krankenschwestern und seit 1986 männliche Fachkräfte des Gesundheitswesens befragt und untersucht werden: der Nurses’ Health Study, der Nurses’ Health Study II und der Health Professionals Follow-Up Study. Insgesamt flossen so in die aktuelle Analyse die Daten von 171.150 Frauen und Männern aus den USA ein. Deren Beobachtungszeit betrug im Schnitt etwa 19 Jahre.

Probanden, die mit dem Rauchen aufgehört hatten, wiesen der Studie zufolge im Vergleich zu Rauchern ein um durchschnittlich 22% höheres Risiko für Typ-2-Diabetes auf – allerdings nur dann, wenn sie mehr als 5 kg zugelegt hatten. Am höchsten war das Risiko 5 bis 7 Jahre nach dem Rauchstopp, danach nahm es allmählich wieder ab.

Je mehr Gewicht die Probanden seit dem Rauchverzicht zugelegt hatten, desto höher war ihr Diabetesrisiko. Bei den Teilnehmern, die gar nicht zugenommen hatten, blieb es unbeeinflusst. Je länger der Rauchstopp zurücklag, desto mehr sank das Risiko. Menschen, die seit 30 Jahren nicht geraucht hatten, wiesen das gleiche Diabetesrisiko auf wie jene, die es noch nie getan hatten.

Das Risiko für tödliche Herz-Kreislauf-Leiden sinkt um rund 2 Drittel

Selbst Probanden, die infolge des Rauchstopps mehr als 10 kg zugenommen hatten, profitierten gesundheitlich von ihrem Entschluss. Im Vergleich zu Rauchern war ihr Risiko, infolge einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, um 67% geringer. Die Gesamtsterblichkeit war um 50% reduziert.

„Raucher sollten sich von einer möglichen Gewichtszunahme infolge des Rauchstopps nicht vom Aufhören abschrecken lassen, denn die kurz- und langfristige Reduktion des Risikos für kardiovaskuläre Krankheiten ist offensichtlich“, wird Hu in einer Pressemitteilung der Harvard T.H. Chan School of Public Health zitiert. Dennoch sei es sicher hilfreich, sich zusätzlich gesund zu ernähren und viel zu bewegen, um die Gewichtszunahme so gering wie möglich zu halten. Dann bleibe auch das Diabetesrisiko niedrig und die gesundheitlichen Vorteile des Rauchstopps würden maximiert, so Hu.

Die Forscher aus Schweden analysierten Daten von über 1,5 Millionen Menschen

Für ihre Studie werteten Rawshani und sein Team Daten des Swedish National Diabetes Register aus. Sie analysierten bei 271.174 Patienten mit Typ-2-Diabetes zum einen 5 bekannte Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen (hohe HbA1c- und LDL-Werte, hoher Blutdruck, Albuminurie, Rauchen) und zum anderen das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall beziehungsweise die Gesamtsterblichkeit. Als Vergleich dienten 1.355.870 Menschen ohne Diabetes, die den erkrankten Probanden im Alter, Geschlecht und in der Herkunft ähnelten.

Die mittlere Beobachtungszeit betrug 5,7 Jahre; in diesem Zeitraum traten 175.345 Todesfälle auf. Es zeigte sich, dass Diabetespatienten ohne einen der genannten Risikofaktoren kein gegenüber der gesunden Vergleichsgruppe erhöhtes Sterberisiko aufwiesen. Auch die Gefahr eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls war ähnlich groß wie in der Allgemeinbevölkerung. Mit dem Faktor Rauchen sowie mit jedem Wert, der außerhalb der empfohlenen Grenzen lag, stieg das Risiko allerdings an.

In Schweden liegt der Anteil der Raucher bei nur 5%

Gerade in sozial schwachen Bevölkerungsgruppen sei es schwer, alle Risikofaktoren zu kontrollieren, kommentiert der US-Experte Schroeder. Gleichzeitig zeigten die niedrigen Raucherraten in Schweden, die bei nur etwa 5% lägen, ebenso wie die in der Studie von Hu und seinen Kollegen, wo der Raucheranteil weniger als 10% betrug, dass es möglich sei, viel mehr Menschen zum Nichtrauchen zu bewegen. Dieses löbliche Ziel verdiene energische Maßnahmen.

 

Kommentar

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