High Carb? Low Carb? Das Zauberwort für eine langfristig gesunde Kohlenhydratzufuhr scheint „maßvoll“ zu sein

Diana Phillips

Interessenkonflikte

13. September 2018

Nach neuen Untersuchungen scheint das Pendel einer optimalen Kohlenhydrat-Zufuhr, die für die langfristige Gesundheit der meisten Menschen optimal ist, irgendwo in der Mitte zum Stillstand zu kommen – bisher schlug es bei den verschiedenen Diätformen zwischen den Empfehlungen zu einer sehr hohen und einer sehr niedrigen Aufnahme hin und her.

Daten aus einer Beobachtungsstudie mit 15.428 Personen verbinden nun aber sowohl eine sehr Kohlenhydrat-arme als auch eine sehr Kohlenhydrat-reiche Diäten mit einem erhöhten Sterberisiko. Ein mäßiger Kohlenhydrat-Konsum war dagegen mit dem niedrigsten Mortalitätsrisiko der 3 Diättypen verbunden, erklären Dr. Sara B. Seidelmann, ärztliche und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Kardiologie am Brigham and Women's Hospital in Boston, Massachusetts, und ihr Team in einem Artikel in Lancet Public Health [1].

Auch bestätigt eine Metaanalyse von Studien zur Kohlenhydrat-Aufnahme, welche die Untersucher mit dieser und anderen jüngeren Untersuchungsergebnissen aktualisiert haben, einen U-förmigen Zusammenhang, berichten sie.

Die Autoren eines begleitenden Leitartikels weisen jedoch darauf hin, dass die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden sollten und dass eine einzige, pauschale Schlussfolgerung zu einfach gedacht sein könnte [2].

Tatsächlich stellen die Autoren selbst fest, dass sich ein etwas anderes Bild ergibt, wenn man verschiedene Arten von Kohlenhydrat-armen Diäten betrachtet. Während Low-Carb-Diäten, die stark auf tierische Proteine und Fette setzen, mit einem höheren Sterberisiko verbunden sind als Diäten mit mäßiger Kohlenhydrat-Aufnahme, sind Low-Carb-Diäten, die hauptsächlich aus pflanzlichen Proteinen und Fetten bestehen, mit einer längeren Lebensdauer assoziiert, erklären die Autoren.

 
Unsere Ergebnisse deuten auf einen negativen langfristigen Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und sowohl sehr Kohlenhydrat-armer als auch sehr Kohlenhydrat-reicher Ernährung hin, wenn die Nahrungsquellen nicht berücksichtigt werden. Dr. Sara B. Seidelmann und Kollegen
 

„Unsere Ergebnisse deuten auf einen negativen langfristigen Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und sowohl sehr Kohlenhydrat-armer als auch sehr Kohlenhydrat-reicher Ernährung hin, wenn die Nahrungsquellen nicht berücksichtigt werden“, schreiben die Autoren.

Während die Daten Anhaltspunkte dafür lieferten, dass eine Warnung vor einer Kohlenhydrat-armen Diät, die reich an tierischen Fetten ist, gerechtfertigt sein könnte, lasse sich andererseits „der Ersatz von Kohlenhydraten durch überwiegend pflanzliche Fette und Proteine als ein langfristiger Ansatz zur Förderung eines gesunden Alterns ansehen“, stellen sie fest.

Prospektive Kohortenstudie

Für die neue Studie analysierten die Forscher Daten aus der laufenden, prospektiven ARIC-Beobachtungsstudie (Atherosclerosis Risk in Communities) über kardiovaskuläre Risikofaktoren in 4 US-Gemeinden. Die Studienpopulation umfasste 15.428 Erwachsene im Alter zwischen 45 und 64 Jahren, die zu Beginn der Untersuchung zwischen 1987 und 1989 und bei der dritten von 5 weiteren Kontrollterminen einen detaillierten Ernährungsfragebogen dazu ausfüllten, welche Lebensmittel wie häufig verzehrt wurden.

In der Analyse nicht berücksichtigt wurden Teilnehmer ohne vollständige Angaben und Personen mit einer extremen Kalorienaufnahme von weniger als 600 oder mehr als 4200 kcal/d bei Männern bzw. weniger als 500 oder mehr als 3600 kcal/d bei Frauen. Die Forscher nutzten eine standardisierte Nährstoffdatenbank, um die Nährstoffzufuhr aus den Fragebögen der Teilnehmer zu errechnen.

Bei einer durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von 25 Jahren gab es 6.283 Todesfälle. Das angepasste multivariate Modell zeigte einen U-förmigen Zusammenhang zwischen dem prozentualen Anteil der Kohlenhydrate am Energieverbrauch (Mittelwert: 48,9%; Standardabweichung [SD]: 9,4) und der Mortalität. Das höchste Mortalitätsrisiko wurde bei Teilnehmern mit der niedrigsten Kohlenhydrat-Aufnahme beobachtet, während das niedrigste Mortalitätsrisiko bei Personen mit einem Energieanteil von 50 bis 55% aus der Kohlenhydrat-Aufnahme beobachtet wurde, wie die Autoren berichten.

Tab. 1: Kohlenhydrataufnahme und Gesamtmortalität, ARIC-Kohorte

Kohlenhydrataufnahme

Energieanteil in %

 

< 30%

30–40%

40–50%

50–55%

55–65%

> 65%

n

315

2242

6097

3026

3034

714

Mortalität, n (%)

163 (51,7%)

986 (44,0%)

2533 (41,5%)

1162 (38,4%)

1150 (37,9%)

289 (40,5%)

Hazard-Ratio, vollständig adjustiert (95%-Konfidenzintervall)*

1,37 (1,16–1,63)

1,37 (1,16–1,63)

1,11 (1,03–1,19)

Reference

1,01 (0,93–1,10)

1,16 (1,02–1,33)

*Modell adjustiert für Alter, Ethnie, Geschlecht, ARIC-Testzentrum, Gesamtenergieaufnahme, Diabetes, Zigarettenrauchen, körperliche Aktivität, Einkommensniveau und Bildung. Tabelle nach [1].

Metaanalyse ergibt ähnliche U-förmige Kurve

Um die Ergebnisse in den richtigen Kontext zu bringen, erweiterten die Untersucher eine bereits 2012 veröffentlichte Metaanalyse um die aktuelle Studie sowie um 2 weitere. Insgesamt umfasste die Metaanalyse 432.179 Teilnehmer aus 8 Kohortenstudien zur Untersuchung der Kohlenhydrat-Aufnahme mit 40.181 Todesfällen.

Wie in der ARIC-Studie war das Risiko für die Gesamtmortalität in der gepoolten Population bei Teilnehmern mit niedriger Kohlenhydrat-Aufnahme (definiert als weniger als 40% der Energieaufnahme; Hazard Ratio [HR]: 1,20; 95%-Konfidenzintervall [KI]: 1,09 –1,32; p < 0,0001) und hoher Kohlenhydrat-Aufnahme (definiert als mehr als 70% der Energieaufnahme; HR: 1,23; 95%-KI: 1,11–1,36; p < 0,0001) signifikant höher.

Darüber hinaus zeigte die Metaanalyse, dass die Mortalität zunahm, wenn Kohlenhydrate durch tierische Fette und Proteine ersetzt wurden, und abnahm, wenn die Substitutionen pflanzlichen Ursprungs waren. „Diese Daten deuten darauf hin, dass die Quelle des Proteins und des Fettes, das die Kohlenhydrate in der Nahrung ersetzt, die Beziehung zwischen Kohlenhydrat-Aufnahme und Mortalität deutlich verändern könnte“, schreiben die Autoren.

Im Gegensatz zu früheren Analysen der Kohlenhydrat-Aufnahme, die nach Trends in den Quantilen des Kohlenhydrat-Verbrauchs suchten, bezieht sich die aktuelle Untersuchung auf eine kontinuierliche Datenreihe zur Kohlenhydrat-Aufnahme. Dieser Ansatz, so die Autoren, „liefert detailliertere Informationen und ermöglichte es uns, einen eher U-förmigen Zusammenhang zwischen Kohlenhydrat-Konsum und Risiko zu erkennen, der sonst nicht offensichtlich gewesen wäre“.

Extreme meiden

Prof. Dr. Salim Yusuf

Prof. Dr. Andrew Mente und Prof. Dr. Salim Yusuf vom Population Health Research Institute der Hamilton Health Sciences und McMaster University im kanadischen Ontario weisen im begleitenden Editorial darauf hin, dass das Studiendesign die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse einschränkt.

 
Wenn die scheinbaren Unterschiede so gering ausfallen, können bei Beobachtungsstudien auch übrig gebliebene Störvariablen als Ursache nicht völlig ausgeschlossen werden. Prof. Dr. Andrew Mente und Prof. Dr. Salim Yusuf
 

„Solche Unterschiede beim Risiko, die mit extremen Unterschieden in der Nährstoff-Aufnahme verbunden sind, erscheinen plausibel, aber wenn die scheinbaren Unterschiede so gering ausfallen, können bei Beobachtungsstudien auch übrig gebliebene Störvariablen als Ursache nicht völlig ausgeschlossen werden“, schreiben sie.

Sie betonen auch, dass die Ergebnisse der Metaanalysen angesichts eines möglichen kognitiven Bias durch Gruppendenken mit Vorsicht interpretiert werden sollten. Ein solcher kann entstehen, wenn Untersucher analytische Ansätze wählen, um Ergebnisse zu erzielen, die den vorgefassten Erwartungen an das Outcome entsprechen.

„Diese Analysen basieren auf Modellen, welche die Forscher erstellt haben. Das bedeutet, dass sie bereits unter dem Einfluss ihrer Grundannahmen entstanden“, sagte Yusuf in einem Interview mit Medscape. „Damit die Ergebnisse klinisch verwertbar oder aussagekräftig sind, müssen bessere Daten und transparentere Analysen vorliegen, und die Ergebnisse müssen von anderen Untersuchergruppen wiederholt und bestätigt werden.“

In diesem Zusammenhang plädieren Mente und Yusuf für eine Zusammenarbeit der an den großen Studien der Metaanalyse beteiligten Untersucher, um die einzelnen Daten in transparenter Weise zusammenzuführen. Darüber hinaus sollten zukünftige Beobachtungsstudien neue Methoden wie die Triangulation verwenden, „um festzustellen, ob es ein kohärentes Muster zwischen der Aufnahme eines Nährstoffs wie den Kohlenhydraten mit einer Reihe von physiologischen oder ernährungsphysiologischen Biomarkern und klinischen Outcomes gibt“, schreiben sie.

 
Menschen sollten sich bei der Ernährung zu keiner Extremform hinreißen lassen, seien es nun niedrige Kohlenhydrat-Mengen, Fette oder Salz. Prof. Dr. Salim Yusuf
 

Obgleich die Studienresultate zeigen, dass es einen Optimalwert für die Kohlenhydrat-Aufnahme bei einem Energieanteil von etwa 50% geben könnte, ist die Schlussfolgerung für Yusuf „allzu vereinfachend“: „Manche Nahrungsmittel, die reichlich Kohlenhydrate enthalten, wie z.B. Hülsenfrüchte, wirken schützend, andere, wie z.B. polierter Reis, in großen Mengen eher nicht.“

Obwohl die Befunde „im Moment“ keine spezifischen klinischen Implikationen haben, weise der Bericht noch einmal auf das Thema diätetischer Extreme hin, so Yusuf: „Menschen sollten sich bei der Ernährung zu keiner Extremform hinreißen lassen, seien es nun niedrige Kohlenhydrat-Mengen, Fette oder Salz“, sagte er. „Das Gebiet der Ernährung ist voll von solchen Extremen, die häufig von keinen wissenschaftlichen Evidenzen getragen werden.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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