1,4 Milliarden Bewegungsmuffel weltweit riskieren ihre Gesundheit: WHO fordert mehr Förderung, speziell für Frauen

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

7. September 2018

Mehr als ein Viertel (1,4 Milliarden) der erwachsenen Weltbevölkerung waren 2016 körperlich zu wenig aktiv, speziell jede 3. Frau und jeder 4. Mann. Dadurch erhöhe sich ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Demenz und einige Krebserkrankungen, schreibt Dr. Regina Guthold von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zusammen mit Kollegen hat sie eine Studie zur Abschätzung der globalen Trends in The Lancet Global Health veröffentlicht [1]

„Im Gegensatz zu anderen wichtigen Gesundheitsrisiken hat sich der Prozentsatz an Menschen mit unzureichender körperlicher Aktivität weltweit nicht verringert, und mehr als ein Viertel aller Erwachsenen erreicht nicht die empfohlenen Werte, um gesund zu bleiben“, kommentiert Guthold. „Das Gesundheitswesen steht in vielen Ländern vor großen Herausforderungen.“

Daten von 1,9 Millionen Probanden analysiert

Guthold arbeitete mit Informationen aus 168 Ländern. Dazu gehörten 358 Studien mit 1,9 Millionen Probanden. Alle Angaben über die Aktivität kamen aus Befragungen. „Wir haben Daten aus bevölkerungsbezogenen Erhebungen zusammengeführt, die über die Prävalenz unzureichender körperlicher Aktivität berichten, einschließlich körperlicher Aktivität am Arbeitsplatz, zu Hause, unterwegs und in der Freizeit“, schreibt die Erstautorin.

Als Untergrenze setzte sie 150 Minuten Bewegung bei mäßiger Intensität, 75 Minuten bei starker körperlicher Aktivität pro Woche oder eine gleichwertige Kombination an.

 
Mehr als ein Viertel aller Erwachsenen erreicht nicht die empfohlenen Werte, um gesund zu bleiben. Dr. Regina Guthold
 

Danach verwendete Guthold mehrstufige statistische Modellierungsverfahren, um das Bewegungspensum und das Alter vergleichbar zu machen. Anschließend hat sie Hochrechnungen für die gesamte Weltbevölkerung durchgeführt.

Starke Unterschiede zwischen Regionen und Geschlechtern

Wie Guthold herausfand, bewegten sich 27,5% aller Befragten zu wenig. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern lag bei rund 8 Prozentpunkten (Männer 23,4%, Frauen 31,7%). Zwischen 2001 und 2016 gab es keine statistisch signifikanten Veränderungen. Das WHO-Ziel, bis 2025 die Gruppe mit niedriger Aktivität um 10% zu verringern, liegt in weiter Ferne.

In Ländern mit hohem Einkommen waren doppelt so viele Befragte (36,8%) eher faul als in Regionen mit schwächerer Wirtschaft (16,2%). Frauen aus Lateinamerika und aus der Karibik kamen zu 43,7% nicht auf das geforderte Mindestmaß an körperlicher Aktivität. In westlichen Ländern waren es 42,3%.

Männer aus Ozeanien (12,3%), aus Ost- und Südostasien (17,6%) und aus Afrika südlich der Sahara (17,9%) zählten seltener zu den Couch-Potatoes. In 4 Ländern, nämlich Kuwait (67%), Amerikanisch-Samoa (53%), Saudi-Arabien (53%) und dem Irak (52%), drückte sich mehr als die Hälfte aller Erwachsenen vor körperlicher Aktivität. Einwohner Ugandas und Mosambiks hatten nur zu je 6% das WHO-Ziel nicht erreicht.

Frauen waren in fast allen Regionen der Welt weniger aktiv als Männer, außer in Südasien (43% vs 24%), in Zentralasien, im Mittleren Osten, in Nordafrika (40% vs 26%) und in einkommensstarken westlichen Ländern (42% vs 31%). Coautorin Dr. Fiona Bull von der WHO fordert deshalb, Programme zu entwickeln, die sich speziell an Frauen richten. Diese müssten „erschwinglich“ und „im jeweiligen Kulturkreis akzeptiert“ sein.

In westlichen Länder mit hohem Einkommen ist der Prozentsatz an Einwohnern mit wenig Bewegung gestiegen (von 31% im Jahr 2001 auf 37% im Jahr 2016). Dazu gehören Deutschland, Neuseeland, die USA, Argentinien und Brasilien. Einen Anstieg gab es auch in Lateinamerika und in der Karibik (von 33% auf 39%).

 
Geschlechtsspezifische Unterschiede … zeigen uns, dass Frauen mehr Barrieren haben, um an körperlicher Aktivität teilzunehmen, insbesondere in ihrer Freizeit. Dr. Melody D. Ding
 

Einen starken Rückgang der Gruppe mit geringer körperlicher Aktivität verzeichnet Guthold in Ost- und Südostasien (von 26% im Jahr 2001 auf 17% im Jahr 2016). Bei ärmeren Ländern errechnete sie durchschnittlich kaum Veränderungen von 16,0% auf 16,2%.

Neues WHO-Maßnahmenpaket

Bull zufolge sind die Trends neu. Die Co-Autorin ist überrascht, wie wenig sich zwischen 2001 und 2016 getan hat: „Obwohl laut einer kürzlich durchgeführten Politikumfrage fast 3 Viertel der Länder über Aktionspläne zur Bekämpfung der körperlichen Inaktivität verfügen, wurden nur einzelne Pakete umgesetzt.“

Dr. Melody D. Ding von der University of Sydney in Australien ergänzt in einem begleitenden Kommentar [2]: „Geschlechtsspezifische Unterschiede speziell in Zentralasien, im Nahen Osten und Nordafrika sowie in Südasien zeigen uns, dass Frauen mehr Barrieren haben, um an körperlicher Aktivität teilzunehmen, insbesondere in ihrer Freizeit.“ Die Expertin ergänzt, in China und Brasilien sei zu beobachten, wie sich das Problem durch Änderungen beim Lebensstil verschlimmere.

Jetzt hat die WHO einen „Global Action Plan on Physical Activity 2018–2030“ entwickelt. Er umfasst 20 Maßnahmen für Regierungen mit dem Ziel, mehr Einwohner in den unterschiedlichen Ländern für Sport und Spiel zu begeistern.

Ratschläge vom Sportmediziner: So wird mehr Bewegung alltagstauglich

Prof. Dr. Martin Halle

In einem Interview mit der Deutschen Herzstiftung kommentiert Prof. Dr. Martin Halle, ärztlicher Direktor für Präventiv- und Sportmedizin der TU München, die Studie: „Die Daten zeigen, dass wir in Deutschland nicht viel aktiver sind als z.B. die Menschen in den USA, wo die Diabetesraten schon heute höher sind.“

Auch er sieht vor allem die Notwendigkeit, sportliche Aktivität bei den Frauen zu fördern: „Deutschland zählt bei der körperlichen Aktivität von Frauen bereits zu den inaktivsten Ländern – vergleichbar mit Brasilien und Saudi-Arabien.“

Um zu verhindern, dass mangelnde Bewegung zum Anstieg der Diabetes- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch von Krebs und Demenz führt, sollte die „Erziehung“ zu körperlicher Aktivität bereits in der Schule stärker gefördert werden, so der Sportmediziner.

Sein Vorschlag für die Bevölkerung: Es muss nicht gleich Triathlon oder ein Marathon-Lauf sein: „Wer täglich etwa 10 Minuten zügig spazieren geht, reduziert sein Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes bereits um etwa 20 Prozent.“ Halle empfiehlt z.B. regelmäßiges Radfahren, zügiges Gehen, Wandern, Nordic Walking, Joggen oder Schwimmen – und diesen Ausdauersport durch leichtes Krafttraining zu unterstützen.

 

Kommentar

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