Mit Tabakverzicht das Herz vor Schaden bewahren: Welche Quit-Strategien Sie Ihren Patienten empfehlen können

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

4. September 2018

Rauchen ist nach wie vor die häufigste vermeidbare Todesursache und ein bedeutsamer Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen und Infarkte. Anlass für US-Wissenschaftler, nun in der Reihe „JACC Fokus Seminar“ im Journal of the American College of Cardiology die wissenschaftliche Evidenzlage zu den verschiedenen Methoden der Nikotinentwöhnung zusammenzutragen [1].

 
Wir sollten der Therapie des Nikotinkonsums ebenso hohe Priorität einräumen wie der Behandlung anderer kardiovaskulärer Risikofaktoren. Dr. Nancy Rigotti
 

Dr. Sara Kalkhoran, Tabakforschungs- und Behandlungszentrums am Massachusetts General Hospital, Boston, USA, und ihre Kollegen bemängeln, dem Tabakkonsum werde als kardiovaskulärer Risikofaktor noch häufig zu wenig Bedeutung beigemessen. Und: Den Rauchern würden noch zu selten effektive, evidenzbasierte Therapien angeboten.

„Mit dem Rauchen aufzuhören, ist unglaublich wichtig für die Herzgesundheit“, betont auch Dr. Nancy Rigotti, Direktorin des Tabakforschungs- und Behandlungszentrums am Massachusetts General Hospital und leitende Autorin der Studie in einer Pressemitteilung des JACC. Sie wünscht sich hier mehr Engagement von Kardiologen, die KHK-Patienten betreuen. Kalkhoran ergänzt: „Wir sollten der Therapie des Nikotinkonsums ebenso hohe Priorität einräumen wie der Behandlung anderer kardiovaskulärer Risikofaktoren.“

Denn im Vergleich mit Nichtrauchern haben Raucher:

  • eine 2- bis 3-mal höhere Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt zu erleiden,

  • eine 2- bis 3-mal höhere Wahrscheinlichkeit, durch eine ischämische Herzkrankheit zu sterben,

  • ein doppelt so hohes Risiko an einem Schlaganfall zu sterben,

  • eine 2- bis 3-fach höhere Wahrscheinlichkeit eine periphere Arterienerkrankung zu entwickeln und

  • eine doppelt so hohe Inzidenz an Vorhofflimmern.

Was dem Aufhören entgegensteht

Die Autoren heben hervor, dass die Vorteile einer Raucherentwöhnung schon nach Stunden einsetzen und dass die erhöhten Risiken für kardiovaskuläre Erkrankungen und Schlaganfall nach 15 Jahren nahezu aufgehoben sind. Auch wer bereits an einer kardiovaskulären Erkrankung leidet, profitiert davon: Im Vergleich zu Patienten, die weiter rauchen, ist das Risiko, an den Folgen einer kardiovaskulären Erkrankung zu sterben, nach 2 Jahren bereits um 36% reduziert.

Was hindert Raucher daran, mit dem Rauchen aufzuhören? Kalkhoran betont, dass die Nikotinabhängigkeit individuell betrachtet werden muss, weil sie bei einigen Rauchern stärker ausgeprägt ist als bei anderen.

Stärker abhängig seien häufig z.B. Personen mit niedrigem sozioökonomischen Status und Menschen mit psychischen Erkrankungen. Auch die Lebensumstände sind maßgeblich: Wer mit anderen Rauchern zusammenlebt, wird eher Schwierigkeiten haben aufzuhören, während umgekehrt das Leben in einem ansonsten rauchfreien Zuhause das Aufhören erleichtert.

Nicht ganz aufzuhören und stattdessen den Konsum an Zigaretten einzuschränken, ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, doch das Ziel sollte ein vollständiger Rauchstopp sein, denn auch ein verringerter Konsum birgt natürlich noch erhebliche Gesundheitsrisiken. Dabei ist die Assoziation zwischen dem Rauchen und kardiovaskulären Erkrankungen nicht linear, so dass selbst wenige Zigaretten pro Tag das kardiovaskuläre Risiko disproportional erhöhen. Schon das Rauchen einer Zigarette am Tag ist mit einem höheren Schlaganfallrisiko assoziiert.

Wie den Anfängen wehren?

Nicht nur die Nikotinentwöhnung bei Rauchern, auch die Tabak-Prävention bei Jugendlichen sei wichtig, betont Kalkhoran. Denn: „Im Grunde genommen ist Tabakkonsum eine chronische Krankheit, die in der Kindheit beginnt.“ Sie ergänzt: „Fast alle Zigarettenraucher beginnen mit dem Rauchen in der Pubertät, und für Millionen von Menschen wird es zu einer festen, lebenslangen Gewohnheit.“ Zudem haben auch Nichtraucher, die passiv rauchen, ein erhöhtes Risiko für koronare Herzkrankheiten und Schlaganfälle.

Raucherentwöhnung ist ein fortlaufender Prozess: Perioden regelmäßigen Rauchens folgen Phasen des reduzierten Rauchens und des Nichtrauchens. Die meisten Raucher brauchen mehrere Versuche bis zum erfolgreichen Rauchstopp – was allerdings auch durch den Mangel an wirklich effektiven Therapien bedingt ist, so die Autoren.

Mehrere Faktoren beeinflussen, ob man zu rauchen beginnt und das Rauchen fortsetzt:

  • Intra-individuelle Faktoren: So ist etwa in den USA das Rauchen häufiger bei nicht-hispanischen weißen Jugendlichen und solchen mit niedrigerem sozioökonomischen Status. Psychologische Faktoren wie Impulsivität, Stress, Depression und Angst – aber auch genetische Faktoren sind außerdem mit dem Rauchen individuell assoziiert.

  • Interpersonale Faktoren: Gleichaltrige haben den stärksten Effekt darauf, ob Jugendliche rauchen: Wer raucht, wird wahrscheinlich mit Rauchern befreundet sein, und Nichtraucher, die Freunde haben, die rauchen, werden eher damit anfangen.

  • Politische Faktoren: Die Anhebung der Tabaksteuer auf Bundes-, Landes- oder Kommunalebene zur Erhöhung der Zigarettenpreise ist eines der stärksten politischen Instrumente, um das Rauchen zu verhindern. Nicht zu unterschätzen ist das Tabakmarketing: So ist Werbung bei Veranstaltungen für Jugendliche stark mit dem Beginn des Rauchens und mit fortgesetztem Tabakkonsum verbunden.

Dagegen werden Gesetze, die auf Rauchverbote oder Einschränkungen des Rauchens zum Ziel haben, mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit des Rauchens bei jungen Erwachsenen in Verbindung gebracht. Auch das Anheben des gesetzlichen Mindestalters von 18 auf 21 für den Erwerb von Tabak wirkt womöglich präventiv: Jedenfalls kommt ein Bericht der Nationalen Akademie der Wissenschaften aus 2015 zu dem Schluss, dass dies die Wahrscheinlichkeit für Tabakkonsum bei Jugendlichen verringern könnte.

Nikotinentwöhnung unterstützen

Wie lässt sich die Prävention verbessern und wie lassen sich Patienten dazu bewegen, aufzuhören? Die Autoren raten zu folgendem Vorgehen:

  • Routinemäßiges Screening auf Tabakkonsum und Passivrauchen bei den Patienten,

  • Interventionen zur Raucherentwöhnung schon im Krankenhaus zu beginnen und nach der Entlassung weiterführen,

  • eine evidenzbasierte Raucherentwöhnung, die Medikamente und Beratung einschließt, und die allen Rauchern bei jedem Arzt-Besuch angeboten werden sollte.

Sowohl die Pharmako- als auch die Verhaltenstherapie haben sich zur Nikotinentwöhnung bewährt. Sie sind am effektivsten, wenn sie gemeinsam genutzt werden. Firstline-Medikamente sind z.B. Vareniclin, Bupropion und der Nikotinersatz. Alle diese Methoden sind auch bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen sicher und wirksam.

Die Autoren betonen aber auch die Rolle der Politik, um den Tabakkonsum einzudämmen. „Die Umsetzung wirksamer Maßnahmen zur Eindämmung des Tabakkonsums wie die Erhöhung der Zigarettenpreise, Rauchverbote in Innenräumen, Warnhinweise auf Tabakerzeugnissen und öffentliche Aufklärungskampagnen stehen in der Prioritätsliste für die öffentliche Gesundheit ganz oben", fasst Rigotti zusammen.

Der Bericht von Kalkhoran und Kollegen ist der 2. Teil einer 8-teiligen Serie zur Gesundheitsförderung, in der sich jeder Beitrag auf einen anderen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen konzentriert. „In Anbetracht der anhaltenden weltweiten Verbreitung des Tabakkonsums sollte die Veröffentlichung eine ganz besondere Resonanz haben“, sagt dazu Dr. Valentin Fuster, der Chefredakteur des JACC.

 

Kommentar

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