Glutensensitivität: Neues zu Ursachen und Tipps zur Diagnose

Petra Plaum

Interessenkonflikte

3. September 2018

Prof. Dr. Yurdagül Zopf

Kassel – Die glutenfreie Ernährung macht keinesfalls alle gesünder und glücklicher – dies gilt vermutlich nur für rund 7% der in Deutschland lebenden Menschen. Denn die Prävalenz der Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität, auch Glutensensitivität genannt, beträgt in der Bevölkerung etwa 6%. Dazu kämen dann noch alle mit Zöliakie und Weizenallergie, rechnete Prof. Dr. Yurdagül Zopf, Professorin für Klinische und Experimentelle Ernährungsmedizin der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, beim Kongress „Ernährung 2018“ vor [1].

Schwierige Diagnose

Die Symptome bei Glutensensitivität sind vielfältig und der Weg bis zur Diagnose ist noch immer oft lang. Außer gastrointestinalen Beschwerden wie Schmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung belasten viele Patienten auch unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, Hautausschlag oder Dauermüdigkeit.

Die Diagnose, informierte Zopf, wird aktuell in 3 Stufen gestellt: Erst müssen Zöliakie und Weizenallergie ausgeschlossen werden. Dazu sollten die Allergie bzw. Zöliakie-spezifischen Antikörper bestimmt und eine Dünndarmbiopsie vorgenommen werden. In Zweifelsfällen ist auch die Bestimmung der Gene für HLA-DQ2/DQ8 hilfreich. Bei negativem Befund, also nach Ausschluss einer Weizenallergie und Zöliakie, rät sie zunächst zu einer streng glutenfreien Diät. Lindert diese die Beschwerden, ist die Diagnose gestellt.

Amylase-Trypsin-Inhibitoren und FODMAP als Ursache?

Zopf verwies auf eine niederländische Studie, der zufolge vor allem jüngere Menschen in Städten unter Glutensensitivität leiden. Dabei kommen auf einen Mann mit dem typischen Beschwerdeprofil 5 Frauen. Viele bringen Komorbiditäten mit: Bei knapp jedem Zweiten, der diese Diagnose bekommt, gab es vorher schon die Diagnose eines Reizdarmsyndroms, bei 35% lassen sich weitere Lebensmittelunverträglichkeiten finden, bei 22% IgE-vermittelte Allergien z.B. gegen Milben oder Tierhaare. Auch Autoimmunerkrankungen (z.B. Morbus Hashimoto) gehen häufig mit einer Glutensensitivität einher.

Weshalb der Genuss von Weizen und anderem glutenhaltigen Getreide solche Beschwerden nach sich ziehen kann, danach fahnden Wissenschaftler auf unterschiedlichen Ebenen. Das Mikrobiom steht ebenso im Fokus der Untersuchungen wie die Inhaltsstoffe des Weizens – neben Gluten auch Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATIs), die den Weizen natürlicherweise gegen Schädlinge zu schützen helfen. „Die ATIs sind extrem spannend“, kommentierte Zopf. „Früher dachte man, dass in alten Züchtungen weniger ATIs vorhanden sind als in modernen, aber diese Theorie scheint sich aufzulösen.“  Auch das Anbaugebiet habe Einfluss auf den ATI-Gehalt.

 
Auch Gesunde reagierten auf ATIs entzündlich, aber ohne Beschwerden. Prof. Dr. Yurdagül Zopf
 

Am humanisierten Mausmodell konnten Forscher kürzlich zeigen, dass Mäuse, die vorher so behandelt worden waren, dass sie auf Gräser- oder Birkenpollen reagierten, mit ATIs stärkere Symptome ihrer Allergie entwickelten als ohne ATIs. Die allergenspezifische T-Zell-Proliferation und die Zytokinproduktion stiegen bei den Tieren an, die ATIs injiziert oder übers Futter bekamen. Entzündliche Prozesse waren sowohl im Verdauungssystem als auch in den Atemwegen nachweisbar.

Insgesamt weist alles darauf hin, dass ATI-reiche Lebensmittel Makrophagen, Monozyten und dendritische Zellen aktivieren. „Auch Gesunde reagierten auf ATIs entzündlich, aber ohne Beschwerden“, berichtete Zopf.

Fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide (FODMAP) sowie Polyole sind der 2. Nahrungsbestandteil, dessen Einfluss auf Symptome der Glutensensitivität vermehrt untersucht wird. Neben Getreide enthalten auch bestimmte Früchte, Hülsenfrüchte und Gemüse einen hohen Anteil an FODMAP, z.B. Zwiebeln, Kohl, Fenchel, Spargel, Wassermelone, Pfirsich und Linsen.

Auf eine FODMAP-reiche Diät reagieren viele mit Verdauungsbeschwerden, unter FODMAP-armer und glutenfreier Ernährung besserten sich bei einigen Studienteilnehmern die Symptome erheblich. „Die Frage ist, inwiefern FODMAP das Immunsystem aktivieren können“, sagte Zopf. Aussagekräftige Studien hierzu stehen noch aus.

Was ist bei Menschen mit Glutensensitivität anders als bei jenen, die bei Weizen, Roggen, Dinkel und Co. unbeschwert zugreifen können? Eine prospektive Studie mit 80 Glutensensitiven (sowie 40 Gesunden und 40 Patienten mit Zöliakie) zeigte, dass die Patienten unter glutenhaltiger Diät signifikant erhöhte Marker für lösliches CD14, Lipopolysaccharide (LPS) und Fettsäurebindeprotein (FABP2) im Serum aufwiesen. Das spricht für eine intestinale Epithelzellschädigung. Ebenso waren die Antikörper gegen bakterielles LPS und Flagellin erhöht, was für eine systemische Immunaktivierung und Epithelschädigung sprechen könnte.

Therapie aktuell: Noch einige Fragen offen

Nach wie vor ist der Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel der zuverlässigste Weg, die Beschwerden in den Griff zu bekommen. Zopf betonte, dass die Patienten aktuell die Anweisung bekommen, 6 bis 8 Wochen komplett auf Gluten zu verzichten und dass es danach gelte, die individuelle Toleranzschwelle auszuloten. „Die Diät ist weniger strikt als bei Zöliakie“, betonte sie. Wie bei Zöliakie, so ist auch bei Glutensensitivität darauf zu achten, dass keine Mangelerscheinungen auftreten.

Warum genau die Beschwerden weniger werden, dazu forscht Zopf mit ihren Kollegen. Erst im April 2018 erschien eine Studie mit 19 Patienten und 10 Gesunden, an der sie beteiligt war. Die Teilnehmer konsumierten 2 Wochen lang eine FODMAP-arme Diät und anschließend 2 Wochen eine glutenfreie Diät. „Die intraepithelialen Lymphozyten nehmen unter einen glutenfreien Diät ab, und auch die Goblet-Zellen nehmen ab“, berichtete Zopf. Die Beschwerden gingen bereits mit wenig FODMAP, aber deutlich stärker ohne Gluten zurück.

Zopf ließ nicht unerwähnt, dass wohl nicht jeder, dessen Symptome für eine Glutensensitivität sprechen, auch darunter leidet. Eine kleine, doppelt verblindete Studie zeigte 2015, dass – nach einer glutenfreien Diät – 17 von 35 Patienten schlussendlich falsch einschätzten, ob ihre aktuelle Nahrung Gluten enthielt oder nicht.

Zopf betonte, dass die Rolle des Mikrobioms, die der ATIs und FODMAP weiterhin analysiert werden müsse. Zudem empfahl sie, dass Ärzte bei Patienten mit Symptomen einer Glutensensitivität stets abklären sollten, ob sie auch unter Autoimmunerkrankungen litten.

 

Kommentar

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