Alkohol schadet vom ersten Tropfen an: Negative Folgen überwiegen bei weitem – noch mehr Todesopfer als angenommen

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

31. August 2018

Es gibt keine gesunde Menge Alkohol. So lautet die zentrale Botschaft einer jetzt in Lancet veröffentlichten Übersichtsarbeit, in die Daten von rund 28 Millionen Menschen aus 195 Ländern eingeflossen sind [1]. Die Autoren um Prof. Dr. Emmanuela Gakidou vom Institute for Health Metrics and Evaluation an der University of Washington in Seattle kommen in ihrer Analyse zu dem Schluss, dass die möglichen positiven Effekte eines moderaten Alkoholkonsums – beispielsweise auf das Herz und die Gefäße – von den negativen Folgen bei weitem überwogen werden.

Datenlage zum Nutzen des Alkohols uneinheitlich

Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer von der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht) zeigt sich von diesem Ergebnis wenig überrascht: „Niemand hat je behauptet, dass es einen vollkommen unschädlichen Alkoholkonsum gibt“, sagt er gegenüber Medscape. „Es ging und geht immer nur um einen risikoarmen Konsum.“

Das bedeute, dass die Wahrscheinlichkeit für negative Folgen bei einer bestimmten Alkoholmenge bei einem gesunden Erwachsenen als akzeptables Restrisiko im Vergleich zu vielen anderen Risiken eingeschätzt werde, mit denen der Mensch lebe, erläutert der Direktor der Salus Klinik Lindow, die sich auf die Behandlung von Suchterkrankungen und psychosomatischen Beschwerden spezialisiert hat. „Von daher galt und gilt: So wenig und so selten Alkohol wie möglich“, betont Lindenmeyer.

Was die positiven Effekte des Alkohols betrifft, die einige frühere Studien gezeigt haben, ist der Experte eher skeptisch. „Die Datenlage zum angeblichen Nutzen kleiner Alkoholmengen ist sehr kompliziert“, sagt er. „Je besser die Studie, umso ungewisser der Effekt.“ Zudem werde der eventuelle Nutzen für wenige Erkrankungen durch das erhöhte Risiko für viele andere Krankheiten wettgemacht. „Alkohol ist leider keine Medizin“, resümiert Lindenmeyer.

 
Niemand hat je behauptet, dass es einen vollkommen unschädlichen Alkoholkonsum gibt. Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer
 

Daten aus fast 1.300 Studien analysiert

Zu diesem Fazit kommen auch Gakidou und ihr Team. Die Wissenschaftler analysierten für ihre Studie – die die bislang größte ihrer Art sein dürfte – 694 Publikationen zum Alkoholkonsum und 592 Arbeiten, die sich mit den gesundheitlichen Risiken des Alkohols auseinandersetzen. Alle Untersuchungen wurden im Zeitraum zwischen 1990 und 2016 durchgeführt. In ihrer eigenen Arbeit konzentrierten sich die Forscher auf 23 Krankheitsbilder, die mit dem Konsum von Alkohol einhergehen können.

Diesen ermittelten Gakidou und ihre Kollegen nicht nur, wie in den meisten Studien zum Thema Alkohol üblich, anhand von Befragungen, sondern vor allem auf der Basis der verkauften Alkoholmengen. Dabei berücksichtigten sie auch den Tourismus eines jeden Landes, um herauszufinden, welche Mengen des verkauften Alkohols von Menschen anderer Nationalitäten getrunken wurden. Zudem versuchten die Forscher, die Alkoholmengen zu bestimmen, die schwarz gehandelt oder zu Hause hergestellt wurden.

Jährlich sterben 2,8 Millionen Menschen an den Folgen des Alkohols

Wie sie in ihrer Studie berichten, trinkt weltweit etwa jeder 3. Mensch Alkohol. Zusammen sind das rund 2,4 Milliarden Menschen. 2,2% der Frauen und 6,8% der Männer, insgesamt rund 2,8 Millionen Menschen, sterben jedes Jahr an den gesundheitlichen Folgen des Alkoholkonsums. In einer Rangliste aller Faktoren, die für Behinderung oder frühzeitigen Tod verantwortlich sind, stand der Alkohol im Jahr 2016 damit an 7. Stelle.

In der Gruppe der 15- bis 49-Jährigen rangierte er sogar auf Position 1. Der Alkohol führte in dieser Altersstufe vor allem vermehrt zu Tuberkulose, Verkehrsunfällen und Selbstverletzung und war bei den Frauen für 3,8% und bei den Männern für 12,2% der Todesfälle verantwortlich. Bei den Über-50-Jährigen rief der Alkohol insbesondere Krebserkrankungen hervor – und verursachte auf diese Weise 27,1% der Todesfälle bei Frauen und 18,9% der Todesfälle bei Männern.

 
Es ging und geht immer nur um einen risikoarmen Konsum. Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer
 

Gesundheitsrisiko steigt mit jedem Drink

Die Forscher schätzen, dass bereits ein alkoholisches Getränk am Tag, das 10 g reinen Alkohol enthält (also etwa 0,1 l Wein oder 0,25 l Bier), bei Menschen zwischen 15 und 95 Jahren das Risiko, eine der 23 untersuchten Krankheiten zu erleiden, im Vergleich zu Menschen, die abstinent leben, um 0,5% erhöht. Bezogen auf 100.000 Menschen und ein Jahr sind dies 918 gegenüber 914 Menschen. Bei 2 Drinks am Tag sind es bereits 977 und bei 5 sogar 1.252 Menschen.

Das Risiko für die Gesundheit bei einem Drink am Tag sei somit zwar klein, aber es steige sehr schnell an, sobald die Menschen mehr trinken, wird der Erstautor der Studie, Dr. Max Griswold vom Institute for Health Metrics and Evaluation an der University of Washington, in einer Pressemitteilung zitiert.

Frühere Studien hätten für einige Erkrankungen zwar einen schützenden Effekt des Alkohols gezeigt, doch er und seine Kollegen hätten herausgefunden, dass das Risiko für die allgemeine Gesundheit mit jedem alkoholischen Getränk steige, so Griswold.

Insbesondere die starke Assoziation zwischen Alkoholkonsum und dem Risiko von Krebs, Verletzungen und Infektionskrankheiten mache den schützenden Effekt, der zudem nur bei ischämischen Herzerkrankungen sicher nachgewiesen sei, mehr als wett, betont der Forscher.

 
Die Datenlage zum angeblichen Nutzen kleiner Alkoholmengen ist sehr kompliziert. Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer
 

Die verbreitete Ansicht, dass man durch das Trinken von Alkohol gesundheitliche Vorteile haben könne, müsse revidiert werden – insbesondere da verbesserte Methoden und Analysen immer deutlicher zeigten, wie stark der Alkohol zu Todesfällen und Behinderung beitrage. Um die weltweite Gesundheit zu verbessern, seien Strategien unerlässlich, mit deren Hilfe der Alkoholkonsum so gering wie möglich gehalten werde, sagt Griswold. Die Seniorautorin Gakidou fordert daher strengere Gesetze, unter anderem höhere Verkaufssteuern sowie stärkere Kontrollen im Hinblick auf Verfügbarkeit, Verkaufszeiten und Werbung.

Den meisten Alkohol hierzulande trinken Männer zwischen 50 und 64 Jahren

Wie die Forscher ebenfalls ermittelt haben, trank im Jahr 2016 rund ein Drittel (32,5%) der Weltbevölkerung manchmal oder regelmäßig Alkohol. Bei den Frauen waren es 25%, bei den Männern 39%. Am weitesten verbreitet war der Alkoholkonsum in Dänemark. 97% der Männer und 95% der Frauen tranken ihn dort 2016 zumindest gelegentlich. Deutschland belegt in dieser Rangliste bei den Männern mit 94% den 4. und bei den Frauen mit 90% den 3. Platz.

Am höchsten ist der Alkoholkonsum unter Männern in Rumänien mit 82 g am Tag, gefolgt von Portugal und Luxemburg. In Deutschland trinken Männer im Schnitt 40 g Alkohol pro Tag – was etwa 2 großen Flaschen Bier oder einer halben Flasche Wein entspricht – und nehmen damit weltweit den 34. Rang ein.

Die Frauen hierzulande belegen mit einer durchschnittlichen Menge von 29 g am Tag Platz 9. Am meisten trinken die Frauen in der Ukraine, dort kommen sie auf 42 g am Tag, gefolgt von Andorra und Luxemburg. Der weltweite Schnitt liegt bei den Männern bei 17 g täglich und bei den Frauen bei 7,3 g. Besonders gering ist der Konsum erwartungsgemäß in islamischen Ländern.

 
Je besser die Studie, umso ungewisser der Effekt. Prof. Dr. Johannes Lindenmeyer
 

Die größten Mengen Alkohol trinken hierzulande nicht etwa junge Menschen, sondern solche im mittleren Lebensalter. So nahmen deutsche Männer zwischen 50 und 64 Jahren 2016 am Tag durchschnittlich 70 g Alkohol zu sich. Bei den Frauen dieser Altersgruppe waren es 43 g.

Allerdings ist der Alkoholkonsum für alle Altersgruppen in Deutschland seit 1990 insgesamt deutlich gesunken. Damals betrug er bei den Männern noch 50 g, bei den Frauen 36 g täglich. Zum Vergleich: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt als Richtwert für eine maximal tolerierbare Alkoholzufuhr 20 g am Tag für gesunde Männer und 10 g am Tag für gesunde Frauen an.

Es gibt keine Menge an Alkohol, die gesundheitsförderlich ist

In einem ebenfalls in Lancet veröffentlichten Kommentar bezeichnet Dr. Robyn Burton vom Institute of Psychiatry, Psychology & Neuroscience am King's College London, Großbritannien, die Studie als die bislang umfassendste Schätzung zu den globalen Folgen des Alkoholkonsums [2]. „Die Schlussfolgerungen sind eindeutig und unmissverständlich: Alkohol ist ein kolossales globales Gesundheitsproblem“, schreibt sie.

Der geringe Nutzen eines moderaten Alkoholkonsums könne die Risiken bei weitem nicht ausgleichen, betont auch Burton. Eine gesundheitsfördernde Menge an Alkohol gebe es schlicht nicht.

 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....