MEINUNG

„Die wahre Geschichte meiner PTBS“ - ein Psychiater erzählt, wie es gelingen kann, ein Trauma zu bewältigen

Dr. Robert A. Berezin

Interessenkonflikte

29. August 2018

Posttraumatische Leiden sind in allen Gesellschaftsschichten ein erhebliches Problem unserer Zeit. Schon kleinere Traumata können zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen. Sie verändern das Gehirn, das ist kein Geheimnis mehr. Wenn wir das Wesen der emotionalen Verletzung verstanden haben, ist die notwendige Behandlung klar, sagt Dr. Robert A. Berezin, ein niedergelassener Psychiater aus Lexington in Massachusetts, USA.

Für Medscape hat der amerikanische Psychiater in einem sehr persönlichen Bericht aufgezeichnet, wie sich die Wahrnehmung der Realität und das Leben nach einem schrecklichen Erlebnis verändern kann. Er hatte selbst Probleme, die er sonst nur von seinen Patienten kennt. Und er weist einen Weg, ein Drama so zu verarbeiten, dass man wieder angstfrei den Alltag bewältigen kann. Hier seine Geschichte:

Ein starker Schneesturm wütete, als ich Ende November 1970, an Thanksgiving, durch Cambridge, Massachusetts, fuhr. Als ich mich einer roten Ampel näherte, trat ich schon weit vorher auf die Bremse. Doch es schlitterte immer weiter. Glatteis. Erst 7 Meter hinter der Ampel, mitten in der Kreuzung, stoppte es.

Ich machte mir Sorgen, dass jemand, der hinter mir fuhr, mit mir zusammenstoßen könnte. Im Rückspiegel konnte ich nichts sehen, weil der Schnee die Heckscheibe zudeckte. Also kurbelte ich das Seitenfenster herunter, blickte raus, um zu sehen, was von hinten kam. Genau in diesem Moment krachte ein anderes Auto in mein Heck. Mein Kopf schmetterte gegen das Blech. Ich wurde bewusstlos.

Die nächste Szene, an die ich mich erinnern kann, ist ein Fremder, der auf meinem Beifahrersitz saß und Angaben für die Versicherung notierte. Ich wusste nicht, wie er dorthin gekommen war. Eine Weile lang saß ich benommen da und versuchte, mich zu konzentrieren. Schließlich hatte ich mich soweit sortiert, dass ich zum Massachusetts General Hospital fahren konnte, um meine Gehirnerschütterung untersuchen zu lassen.

Der Unfall hatte auf mein Leben langfristige Auswirkungen: In den darauffolgenden Monaten starrte ich immer in den Rückspiegel, wenn ich an einer Ampel anhalten musste – in Panik, dass mich erneut ein Auto treffen könnte. Das war keine bewusste Handlung. Ich konnte es einfach nicht nicht tun. Ich verfolgte jedes Auto hinter mir, bis es zum Stillstand gekommen war. Nicht nur bei Schnee, auch im Sommer, es machte keinen Unterschied. Monatelang ging das so. Ich litt unter den Folgen eines Traumas.

Etwas in mir hatte sich verändert. Meine Wirklichkeit. Wie war das geschehen? Ich wollte diese Veränderung in meiner eigenen Wahrnehmung genauer zu verstehen. Mein Unfall motivierte mich, mich mit der Wissenschaft über verschiedene Arten von schweren Traumata näher zu beschäftigen.

Schauspiel im Gehirn

Das menschliche Bewusstsein könnte man mit einem Schauspiel vergleichen, das ständig umgeschrieben wird. Das Theater ist unser Gehirn. Das Gehirn schreibt seine Erzählungen ein Leben lang fort. Emotionale Erfahrungen werden im limbischen System festgehalten. Eine prägende Szene beispielsweise, die genügend Liebe enthält, wird dieses Gefühl in uns beflügeln. Unser Gehirn-Theater bezieht sich dabei auf die Launen der äußeren Realität und passt sich unserem Dasein an.

 
In diesem neuen Drama erleben wir nicht nur furchteinflößende Gefühle, auch unsere Wahrnehmung und unser Selbstempfinden verändern sich. Dr. Robert A. Berezin
 

Die entscheidende Konsequenz eines Traumas ist, dass es das ursprüngliche Drehbuch außer Kraft setzt und es umschreibt. Dabei erzeugt der überwältigende, verletzende Gewaltakt ein neues, finsteres Narrativ. In diesem neuen Drama erleben wir nicht nur furchteinflößende Gefühle, auch unsere Wahrnehmung und unser Selbstempfinden verändern sich.

Lassen Sie uns zunächst meine eigene traumatische Erfahrung näher beleuchten. Meine ursprüngliche Wirklichkeit sah wie folgt aus: Autofahren war sicher und vorhersehbar. Ich trat auf die Bremse, wurde langsamer und kam schließlich zum Stillstand. Ich hatte Kontrolle über das Auto.

Bei meinem Unfall zeigten die Bremsen jedoch keine ausreichende Wirkung. Eine längere Strecke zu rutschen war eindeutig unsicher, es wurde zu einer Gefahr. Ich hatte keine Kontrolle mehr. Der gewaltsame Zusammenstoß im Anschluss war nicht vorhersehbar und kam ohne Vorwarnung. Ich hätte ihn nicht verhindern können. Das war erschreckend. Ich hätte dabei getötet werden können. Dieses Trauma löschte die Erwartung von Sicherheit und Kontrolle aus. Das Erlebnis schrieb das Drehbuch in meinem Gehirn um. In meinem Kopf lebte ich in dieser neuen gefährlichen und Furcht einflößenden Wirklichkeit.

Die Frage ist: Wie können sich Menschen von den Folgen eines Traumas befreien? Basiert die Gesundung darauf, das neue Narrativ zu verlassen und zum ursprünglichen Drehbuch zurückzukehren? Wie kann das gelingen?

Wut über Kontrollverlust

Zunächst habe ich die Wirklichkeit verleugnet, bedingt durch die Veränderungen in meinem Gehirn. Als ich mich einer Ampel näherte, war ich faktisch sicher und hatte die volle Kontrolle. Aber an diese Wirklichkeit glaubte ich nicht mehr. Stattdessen lebte ich in meinen Gefühlen in diesem anderen Drehbuch, das in meinem Gehirn gespeichert war.

Ich versuchte, mir mit rationalen Argumenten meine Angst auszureden. Ich kannte die Wahrheit, aber das half mir nicht. Langsam wurde ich wütend, dass ich dieser irrationalen Angst unterlegen war und nichts dagegen tun konnte. Aber das änderte nichts an meiner Situation. Schließlich gab ich auf. Ich fand mich damit ab, dass es wohl mein Schicksal sein würde, jedes Mal in den Rückspiegel starren zu müssen, wenn ich anhielt. Ich akzeptierte, dass ich nicht die Kraft hätte, das zu ändern. So ging es monatelang weiter. Aber eines Tages stellte ich fest, dass ich nicht mehr in den Rückspiegel schaute. Das traumatische Drehbuch hatte seine Wirkung eingebüßt und ich lebte nicht mehr darin. Das Trauma war vorbei.

Ich hatte zurück in meine altes Narrativ gefunden, in der ich Sicherheit und Berechenbarkeit als selbstverständlich betrachtete. Aber die abgeschaltete Erfahrung blieb in meinem limbischen System präsent und kann weiterhin getriggert werden – wie jedes im Gehirn verankerte Erlebnis. Das Leben ist hart, und Narben bleiben unvermeidbar. Manchmal, an einem verschneiten Tag, ertappe ich mich auch jetzt noch dabei, dass ich reflexhaft in den Rückspiegel schaue.

 
Die Trauerarbeit ist das universelle Mittel zur Veränderung. Dr. Robert A. Berezin
 

Tatsächlich war die Zeit nicht einfach, in der ich versucht habe, meine Erinnerung an den Autounfall zu deaktivieren. Ich benötigte keine Intervention, sondern war selbst in der Lage, das Erlebte zu betrauern, weil ich ihm immer wieder ausgesetzt war. Das gelingt bei schweren Traumata nicht. Wer davon betroffen ist, befindet sich in einem höllischen Zustand und fühlt sich völlig verloren.

Trauer streicht die schrecklichen Szenen

Wenn wir die Ätiologie des Traumas verstanden haben, können wir erkennen, dass der Prozess der Gesundung darin besteht, das umgeschriebene Drehbuch zu deaktivieren, die schrecklichen Szenen wieder rauszustreichen oder zumindest radikal zu kürzen. Das erreicht man in der Regel, in dem man das traumatische Narrativ betrauert. Die Trauerarbeit ist das universelle Mittel zur Veränderung.  Man betrauert seine eigene schreckliche Geschichte.

In der Regel wird Trauer mit dem Verlust eines geliebten Menschen in Verbindung gebracht. Im Kummer betrauert man das alte Schauspiel des Zusammenlebens mit diesem Menschen. Doch das Ziel dabei ist, ein neues Schauspiel zu akzeptieren, in dem dieser Mensch verschwunden ist.

Zunächst verleugnet man dies auf emotionaler Ebene. Man hängt am alten Schauspiel. Doch sobald man diesen Prozess der Veränderung annimmt, Verleugnen, Zorn und Traurigkeit abklingen, dann kann man auch die neue Wirklichkeit akzeptieren. Das vergangene, gemeinsame Leben bekommt eine neue Bedeutung, bleibt als Erinnerung präsent. Diese tragen wir im Herzen weiter mit uns herum.

In der Post-Trauma-Phase ist also das Ziel folgendes: Man betrauert das Drama, das aktiviert wurde, um es schließlich wieder zu deaktivieren und kraftlos werden zu lassen. So kann man zum ursprünglichen Drehbuch zurückkehren.

Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist, dass man sich dem Trauma immer wieder stellt. In einer sicheren Umgebung, müssen Trauma-Patienten die schrecklichen Szenen wieder und wieder erleben. Und sich dabei dem Schmerz des Grauens, des Missbrauchs, der Angst und der Gefühle, die das im Körper auslöst, zu stellen – und um diese Erlebnisse zu trauern. Dieser Prozess schafft die Freiheit, in der die ganz normale Wirklichkeit wieder zutage treten kann.

Die Bedeutung eines Therapeuten

Ein schweres Trauma erfordert immer eine unterstützende psychiatrische Intervention. Das kann man nicht allein schaffen. Die Erholung von einem Trauma gelingt auch nicht immer vollständig. Es reicht aber, wenn sie gut genug gelingt. Psychotherapeutisch begleitete Trauerarbeit und Wiedererleben sind wichtige Elemente des Heilungsprozesses. Psychiatern komme dabei eine wichtige Rolle zu. Als Gesellschaft müssen wir unsere Behandlungsprioritäten neu ausrichten.

 
Die Erholung von einem Trauma gelingt auch nicht immer vollständig. Es reicht aber, wenn sie gut genug gelingt. Dr. Robert A. Berezin
 

Mein Autounfall ist eher ein Beispiel für ein geringes Trauma, das aber ein zentrales Paradigma erhellt: Ein Trauma überspielt das bisherige interne Drehbuch und schreibt es zu einem gefährlicheren und düsteren Drama um, in dem man von nun an lebt, an das man glaubt. Bei einem schweren Trauma ist die Arbeit mit einem Therapeuten notwendig. Er kann dabei helfen, mit der traumatischen Situation besser umzugehen, sich ihr zu stellen und sie erneut zu durchleben, um sie schließlich betrauern zu können und zur alten Erzählung zurückzukehren.

Welchen Einfluss haben Traumata auf das initiale Drehbuch unseres Bewusstseins? Die Definition des Traumas umfasst Missbrauch und Deprivation. Durch Kindesmissbrauch – körperliche, mentale, sexuelle und emotionale Verwahrlosung – entstehen im Gehirn Drehbücher, die großen Schaden anrichten können, weil sadistische Aggression die Primärerzählung durchzieht. Seine Repräsentation im Kortex reflektiert das Trauma – vermittelt durch Serotonin, Adrenalin und Cortisol. Wird das Bewusstsein von Traumata bestimmt, wird es ein dunkleres Narrativ hervorbringen.

Entsprechend beeinflusst es die Entwicklung unserer Persönlichkeit. Es bewirkt einen Sinn für Bösartigkeit, aber auch Scham für unsere eigene Identität. Außerdem stört es unser Bindungsverhalten. Es ist oft die Ursache für zukünftige psychiatrische Beschwerden. Die spezifische und bedarfsgerechte Behandlung ist die Psychotherapie. Sie schafft einen geschützten, emotionalen Rahmen, in dem das Trauma mit dem Therapeuten betrauert werden kann.

Generell gilt, je früher im Leben jemand Opfer eines Traumas wird, desto schädlicher ist es. Ich habe Fälle von inzestuösem sexuellem Missbrauch von Vierjährigen gesehen. Bei einem Kind waren die Intaktheit und Zusammenhalt seines Ichs so sehr gestört, dass dieser eine katatonische, schizophrene Reaktion auslöste. Ein zusätzliches Trauma in der späten Kindheit, Adoleszenz und im Erwachsenenalter schreibt das bereits angelegte interne Drama fort.

Posttraumatische Störungen sind ein großes Problem in unserer Welt. Meine eigene Geschichte ist nur ein schwaches Beispiel für die Folgen eines Traumas. Jeden Tag zeigen uns die Nachrichten schwere Traumata: Vergewaltigung, Kriege, Kindesmissbrauch und Vernachlässigung. Traumata zu verstehen und zu adressieren, ist zentrales Anliegen der Psychiatrie. Ich werde hier nicht die spezifischen verletzenden Folgen von Vergewaltigung und Kindesmissbrauch vertiefen. Aber ich möchte noch ein paar Beobachtungen zu Kriegstraumata und Flüchtlingsschicksalen anfügen.

Kriegsveteranen haben auf dem Schlachtfeld Dinge gesehen und getan, die weit außerhalb der Erfahrungen des gewöhnlichen Lebens liegen. Krieg bedeutet im Kern: Töten oder getötet werden. Das sind Extremerfahrungen von Gewalt und sanktioniertem Mord. Veteranen mit Kampferfahrung sind deshalb sehr anfällig für post-traumatische Leiden. Die Szenarien der Schlachten werden häufig immer in Gedanken wiedererlebt. Häufig schalten sie die Wirklichkeit aus. Sie fühlen sich an, als geschähen sie in der Gegenwart. Der Soldat verliert sich in einer traumatischen Kriegswirklichkeit. Veteranen bedürfen daher psychotherapeutischer Intervention, um ihren unermesslichen Schmerz zu behandeln. Die Trauerarbeit und die Behandlung sind in solchen Situationen sehr heikel und sollte mit größtem Respekt gehandhabt werden. Oft wird sie zusätzlich verkompliziert durch Drogen- und Alkoholmissbrauch. Die Suizidrate unter Veteranen ist sehr hoch. 2012 starben mehr amerikanische Soldaten durch Selbstmord als durch Kampfhandlungen im Irakkrieg. Eine Studie hat gezeigt, dass durchschnittlich alle 65 Minuten ein Veteran Selbstmord begeht. Das ist ein öffentlicher Gesundheitsnotstand.

Auch die Trennung von Flüchtlingskindern von ihren Familien an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, hinterlässt bei diesen Kindern lebenslang Narben. Es ist naheliegend, dass ihre Gehirn sich dadurch verändert. Auf keinen Fall sollten sich die USA an solch einer Untat beteiligen.

 

Kommentar

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