„Dramatischer Anstieg“ der Masernfälle in Europa – wie ist die aktuelle Situation in Deutschland?

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

22. August 2018

Die Zahl der Masernfälle ist in Europa drastisch gestiegen: Über 41.000 Kinder und Erwachsene haben sich in den ersten 6 Monaten dieses Jahres mit Masern infiziert. Das teilte die WHO in Genf mit. Das sind doppelt so viele Fälle wie im gesamten Vorjahr. Mindestens 37 der Infizierten sind an den Folgen der Maserninfektion gestorben. Im Zeitraum 2010 bis 2017 wies das Jahr 2017 mit 23.927 Fällen bislang die höchste Infektionszahl auf, 2016 verzeichnete mit 5.273 Fällen die niedrigste Zahl.

„Nach der niedrigsten Fallzahl des Jahrzehnts sehen wir einen dramatischen Anstieg von Infektionen und ausgedehnte Ausbrüche", sagt Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa. Sie fügt hinzu: „Wir fordern alle Länder auf, unverzüglich umfassende, kontextbezogene Maßnahmen zu ergreifen, um die weitere Ausbreitung dieser Krankheit zu stoppen. Eine gute Gesundheit für alle beginnt mit der Impfung."

 
Nach der niedrigsten Fallzahl des Jahrzehnts sehen wir einen dramatischen Anstieg von Infektionen und ausgedehnte Ausbrüche. Dr. Zsuzsanna Jakab
 

Mehr als die Hälfte der Masernfälle – rund 23.000 – sind in der Ukraine aufgetreten. Frankreich, Georgien, Griechenland, Italien, Russland und Serbien verzeichneten jeweils mehr als 1.000 Fälle im 1. Halbjahr 2018. In all diesen Ländern wurden Todesfälle im Zusammenhang mit Masern gemeldet, wobei Serbien mit 14 die höchste Zahl aufwies.

Zum Vergleich: In Deutschland wurden für das 1. Halbjahr 387 Maserninfektionen gemeldet (2017: 800). In Großbritannien waren bis Mitte August 828 Fälle laborbestätigt, 2017 waren es noch 274 Fälle. Noch im September 2017, so die BBC, hatte die WHO Masern in Großbritannien erstmals für eliminiert erklärt.

Ungleichmäßige Fortschritte bei der Beseitigung von Masern und Röteln

Nach der jüngsten Bewertung der Verifizierungskommission der Europäischen Region für die Eliminierung der Masern und Röteln (RVC), gelang es 43 der 53 Mitgliedstaaten der europäischen Region die endemische Ausbreitung von Masern zu unterbrechen. Bei Röteln gelang das 42 Ländern. Das ist zwar eine erfreuliche Entwicklung, dennoch sei in einigen Ländern die Krankheitsüberwachung unzureichend und die Impfdichte ist zu gering. So müssen Länder, die eigentlich die Ausbreitung unterbrochen hatten und in denen es jetzt wieder zu Masernübertragungen gekommen ist, aus Sicht des RVC wieder unter dem Status endemisch geführt werden.

„Dieser teilweise Rückschlag zeigt, dass jede Person, die nicht immun ist, unabhängig davon, wo sie lebt, verwundbar bleibt, und jedes Land muss weiter darauf drängen, die Reichweite der Impfung zu erhöhen und Immunitätslücken zu schließen, auch nachdem es einen unterbrochenen oder eliminierten Status erreicht hat“, sagt Dr. Nedret Emiroglu, Direktorin der Abteilung für Gesundheitsnotfälle und übertragbare Krankheiten beim WHO-Regionalbüro für Europa.

 
Wir fordern alle Länder auf, unverzüglich umfassende, kontextbezogene Maßnahmen zu ergreifen, um die weitere Ausbreitung zu stoppen. Dr. Zsuzsanna Jakab
 

Masern sind außergewöhnlich ansteckend. Um Ausbrüchen vorzubeugen, ist eine Immunisierung von mindestens 95% notwendig. Zwar ist die Impfrate unter europäischen Kindern von 88% im Jahr 2016 auf 90% im Jahr 2017 gestiegen. Doch es bestehen weiterhin große Unterschiede auf lokaler Ebene: einige Gemeinden berichten von einer Abdeckung von über 95%, andere von weniger als 70%.

„Wir sollten unsere bisherigen Errungenschaften feiern, dabei aber nicht Diejenigen aus den Augen verlieren, die noch verwundbar sind und deren Schutz unsere dringende und kontinuierliche Aufmerksamkeit erfordert“, so Jakab und fügte hinzu: „Wir können diese tödliche Krankheit stoppen. Aber wir werden nicht erfolgreich sein, wenn nicht jeder seinen Teil dazu beiträgt: Ihre Kinder, sich selbst, Ihre Patienten und die gesamte Bevölkerung zu impfen – und auch andere daran zu erinnern, dass die Impfung Leben rettet.“

Alle 53 Länder der Region werden auf der 68. Tagung des WHO-Regionalkomitees für Europa, die vom 17. bis 20. September 2018 in Rom (Italien) stattfindet, die mittelfristigen Fortschritte im Hinblick auf die Ziele des Europäischen Impfstoff-Aktionsplans überprüfen.

 

Masern-Situation in Deutschland

Mit 387 Masernfällen im 1. Halbjahr ist die Situation in Deutschland zwar weniger drastisch. Entwarnung gibt es dennoch nicht: Die Impfquote stagniert bei etwa 93%, was dem Erreger immer wieder ermöglicht, sich auszubreiten. Entsprechend zögerlich ist auch der Rückgang der Masernfälle: Jahre mit weniger Masernfällen werden von Jahren mit zum Teil ausgedehnten Ausbrüchen und vielen Masernfällen abgelöst. So wurden 2017 929 Masernfälle an das Robert Koch-Institut (RKI) übermittelt, darunter ein Todesfall, 2016 waren es 325 Fälle und 2015 2.465 Fälle.

Bis zum Schuleingang waren im Jahr 2016 über 97% der Kinder einmalig gegen Masern geimpft. Die Impfquote für die 2. Impfung lag bei 92,9%, sie stagniert seit 2011 zwischen 92% und 93%. Für eine dauerhafte Senkung der Maserninzidenz ist eine Immunität gegen Masern bei 95% der Bevölkerung notwendig.

„Auch wenn im Bundesdurchschnitt die Masernimpfquoten der Kinder zum Zeitpunkt der Einschulung gut sind, gibt es weiterhin Land- und Stadtkreise sowie bestimmte Bevölkerungsgruppen, in denen nicht ausreichend gegen Masern geimpft wird“, teilte das RKI in seiner Stellungnahme vom 30. Juni 2018 mit.

Die Gründe für nicht erfolgte Impfungen seien „vielfältig“, so das RKI. So lehnten nur wenige Eltern Impfungen von Kindern im Alter von 0 bis 13 Jahren generell ab – etwa 1%. Verbreiteter ist die Impfskepsis (30 bis 35%), wobei nicht grundsätzlich alle Impfungen abgelehnt werden, sondern unterschiedlich motivierte Impfvorbehalte bestehen.

Ein Grund für einen unzureichenden Impfschutz ist häufig, dass die 2. Masernimpfung zu spät erfolgt, also nicht wie von der STIKO empfohlen, vor dem 2. Geburtstag. Aber auch Impflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen tragen dazu bei, dass größere Masernausbrüche entstehen können. Die STIKO empfiehlt daher die Masernimpfung allen nach 1970 geborenen Erwachsenen, die in der Kindheit nicht oder nur einmal geimpft wurden.

Durch gezielte Analysen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD), der Fachgesellschaften und aller an der Gesundheitsversorgung Beteiligten (Ärzte, aber z.B. auch Krankenkassen) solle aufgedeckt werden, weshalb nicht geimpft werde, schreibt das RKI. Das ermögliche nachhaltige Maßnahmen zur Steigerung der Impfquoten.

 

Kommentar

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