Gesetzentwurf bringt Ärzte in die Bredouille: Wie diagnostiziert man „Geschlecht divers“?

Christian Beneker

Interessenkonflikte

22. August 2018

Hellblau oder Rosa, Trecker oder Puppe, Jan oder Janina – die Gesellschaft ist es gewohnt, in ihrem Nachwuchs entweder einen Jungen oder ein Mädchen zu erkennen und geht mit den Kindern entsprechend um. Nun dürfte der Gesellschaft ein langer Lernprozess bevorstehen. Denn künftig soll es möglich sein, das Geschlecht eines Kindes als „divers“ in das Geburtsregister und später in das Personenstandsregister einzutragen. Dies dann, wenn das Baby weder eindeutig ein Junge noch eindeutig ein Mädchen ist. So steht es im Kabinettsentwurf zum neuen Personenstandsgesetz [1].

Kritiker, wie etwa der grüne Bundestagsabgeordnete Sven Lehmann, bemängeln an dem Gesetz, dass die Bezeichnung „divers“ erst nach einer ärztlichen Untersuchung eingetragen werden kann. Betroffenen-Verbände, wie der Bundesverband intersexueller Menschen e.V., gehen noch weiter. Sie fordern, das Geschlecht aller Säuglinge gar nicht mehr in das Register einzutragen.

„Als wäre ‚divers‘ eine Erkrankung“

Hintergrund der neuen Regelung ist eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes vom 10. Oktober 2017. Es hat festgestellt, dass auch die geschlechtliche Identität jener Menschen geschützt ist, die sich dauerhaft weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zuordnen lassen.

Deshalb sei es unzulässig, die Geschlechtsangabe in diesen Fällen – wie bisher üblich – einfach wegzulassen. Denn auch diese Kinder haben ein grundgesetzlich verbürgtes Recht auf geschlechtliche Identität, die nicht verschwiegen werden darf, so die Verfassungsrichter. Mit der Bezeichnung „divers“ sei nun ein anderer, positiver Geschlechtseintrag möglich.

Lehmann, sozialpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, begrüßt den Gesetzentwurf grundsätzlich. Er kritisiert aber, dass die Bezeichnung „divers“ laut Gesetzentwurf erst dann eingetragen werden kann, wenn sie medizinisch bestätigt wurde. 

Nach Ansicht von Lehmann ist die geschlechtliche Identität aber gerade nicht an die körperlichen Merkmale gebunden. Der Attest-Zwang bedeute deshalb „eine Pathologisierung der Betroffenen. Denn sie müssten sich vor Ärzten offenbaren, so als wäre „divers eine Erkrankung", so Lehmann zu Medscape.

 
Es gibt keine objektiven Kriterien für die Geschlechtsidentität. Darum sollten Politiker hier auch nicht die Ärzte in Anspruch nehmen. Dr. Jörg Woweries
 

Lehmann will deshalb bei uneindeutigem Geschlecht die Bezeichnung des Geschlechts im Personenstandsregister so lange offenlassen, bis ein Mensch etwa in der Pubertät oder als junger Erwachsener in der Lage ist, sich festzulegen, welche geschlechtliche Identität er hat.

Tatsächlich versteht das Bundesinnenministerium (BMI) die Bezeichnung „divers“ als eine Diagnose. „Der Anwendungsbereich der Regelung beschränkt sich auf Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung“, schreibt das BMI auf Anfrage von Medscape. „Unter diesem Begriff werden Diagnosen zusammengefasst, bei denen die Geschlechtschromosomen, das Genitale oder die Gonaden inkongruent sind. Ob eine entsprechende Diagnose vorliegt, kann regelmäßig nur mittels einer ärztlichen Untersuchung festgestellt werden, wobei die vorzulegende ärztliche Bescheinigung keine genaue Diagnose enthalten muss.“

„Es gibt keine objektiven Kriterien“

Das sieht der Berliner Kinderarzt Dr. Jörg Woweries ganz anders. Er war vom BMI als Sachverständiger zum Thema bestellt. Jede ärztliche Diagnose beruhe auf einer körperlichen Untersuchung, so Woweries. Es gebe aber keine „psychologische oder medizinische diagnostische Methode, mit der Ärzte die Geschlechtsidentität (das eigene Geschlechtsempfinden) eines Kindes oder eines Erwachsenen bestimmen können“, schreibt Wowries in einer Stellungnahme zu dem neuen Gesetz, die Medscape vorliegt.

Zu beachten sei zudem, „dass es viele Fälle von Varianten der geschlechtlichen Entwicklung gibt, die nicht von jedem Arzt erfasst und bescheinigt werden können.“ Transsexuelle Menschen zum Beispiel, also solche die „im falschen Körper“ leben, seien überzeugt „dass sie auf die andere Seite gehören,“ so Woweries. Auch hier hätte ein Attest keine Bedeutung.

Kurz: „Es gibt keine objektiven Kriterien für die Geschlechtsidentität. Darum sollten Politiker hier auch nicht die Ärzte in Anspruch nehmen.“

 
Die Gesellschaft ist auf binäre Geschlechterordnung ausgerichtet. Sie muss lernen, dass es mehr als 2 Geschlechter gibt. Sven Lehmann
 

Auch eine Operation führe nicht weiter, schreibt Woweries. Keine OP könne erreichen, „dass sich jemand als Mann, Frau oder anders fühlt.“ Auch Woweries spricht sich deshalb dafür aus bei uneindeutigem Geschlecht, die Bezeichnung „divers“ erst dann einzutragen, wenn der betroffenen Mensch seine Identität entdeckt – und zwar ohne „Diagnose“.

Noch weiter als Lehmann und Woweries geht der Bundesverband intersexueller Menschen e.V.. Sie möchten zwar auch Zwangseinträge in das Register vermeiden. Der Verein äußert aber darüber hinaus den Wunsch des „Offenlassens des geschlechtsbezogenen Geburtseintrages für alle Kinder und die Möglichkeit des späteren freiwilligen Eintrages eines Geschlechts im Personenstandregister. Dies wird ausdrücklich durch alle, Eltern und erwachsene Inter*-Personen, mehrheitlich gewünscht“, heißt es in der Stellungnahme des Vereins [2].

Das Argument: Bei der Geburt würden nur 25% aller intergeschlechtlichen Babys als solche erkannt. Die meisten fallen erst auf, wenn für Mädchen oder Jungen ungewöhnliche Entwicklungen aufträten, so die Stellungnahme. „Wie wird der Geburtseintrag dann korrigiert? (…) Bei einem Offenlassen des Geschlechtseintrags für alle Kinder wäre dieses Problem nicht existent“, hieß es.

Wenn aber Kinder mit dem Geschlecht „divers“ nicht eingetragen würden oder gar überhaupt kein Kind mehr – wie lebt es sich mit derart offenen Geschlechtsidentitäten? Nach Ansicht des Grünen-Abgeordneten Lehmann tut sich hier ein großes gesellschaftliches Lernfeld auf.

„Die Gesellschaft ist auf binäre Geschlechterordnung ausgerichtet“, sagt Lehmann. „Sie muss lernen, dass es mehr als 2 Geschlechter gibt. Viele Erzieher und Lehrerinnen lassen sich zum Glück inzwischen schulen und befassen sich intensiver mit diesen Fragen."

 

Kommentar

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