Streit ums Salz: Laut großer Beobachtungsstudie schaden nur extreme Mengen – und salzarm ist nicht per se gesund

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

20. August 2018

Wer auf die Extraportion Salz in der Suppe nur ungern verzichtet, scheint künftig wieder mit gutem Gewissen zum Salzstreuer greifen zu können. Das jedenfalls legen die Ergebnisse einer großen Beobachtungsstudie mit fast 96.000 erwachsenen Probanden aus 18 Ländern nahe, die Wissenschaftler jetzt im Lancet vorgestellt haben [1].

Wie der kanadische Epidemiologe Prof. Dr. Andrew Mente von der Hamilton Health Sciences and McMaster University und seine Kollegen berichten, erhöht ein vermehrter Salzkonsum zwar nachweislich den Blutdruck. Das Risiko für andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere für Schlaganfälle, sei jedoch nur bei denjenigen Menschen erhöht, die im Schnitt mehr als 5 g Natrium täglich zu sich nähmen, schreiben die Forscher.

Das entspricht rund 12,5 Gramm oder 2,5 Teelöffeln Kochsalz (Natriumchlorid) am Tag. Solch große Mengen Salz werden aber offenbar nur in asiatischen Ländern, vor allem in China verzehrt.

Die neue Studie stellt die aktuellen Empfehlungen zum Salzkonsum in Frage

Die Ergebnisse von Mente und seinem Team widersprechen damit den aktuellen Empfehlungen, etwa der WHO oder der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Die WHO rät, den täglichen Salzkonsum auf maximal 5 g (2 g Natrium) am Tag zu beschränken.

Die DGE empfiehlt höchstens 6 g Salz (2,4 g Natrium) täglich. In Deutschland würden die meisten Menschen demnach deutlich zu viel Salz essen: Laut einer Studie des Berliner Robert-Koch-Instituts verzehren Frauen hierzulande im Schnitt 8,4 g und Männer sogar 10 g Salz am Tag.

Prof. Dr. Andreas Zeiher

Nach Ansicht des Kardiologen Prof. Dr. Andreas Zeiher, Direktor der Medizinischen Klinik III am Universitätsklinikum Frankfurt am Main und angehender Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), dürfen sie das allerdings auch in Zukunft mit gutem Gewissen tun.

 
Die Daten zeigen, dass die aktuellen Empfehlungen zum Salzkonsum offenbar doch etwas zu streng sind und daher überdacht werden sollten. Prof. Dr. Andreas Zeiher
 

„Die Ergebnisse von Mente und seinem Team sind provokativ und hochinteressant“, kommentiert Zeiher im Gespräch mit Medscape. „Die Daten der Forscher zeigen, dass die derzeitigen Empfehlungen zum Salzkonsum offenbar doch etwas zu streng sind und daher überdacht werden sollten.“

Es scheine tatsächlich so zu sein, dass ein etwas höherer Salzkonsum, wie er hierzulande üblich sei, zu einem gewissen Grad vor einem Herzinfarkt schützen und eine zu strenge Restriktion der Salzaufnahme womöglich sogar schaden könne – wenngleich die Effekte natürlich klein seien, sagt Zeiher. „In jedem Fall ist es in unseren Breiten aber offenbar nicht notwendig, den Salzverzehr allzu strikt zu reglementieren“, betont der Mediziner. „Die Menschen dürfen und sollen, zumindest was das Salz betrifft, so essen, dass es ihnen schmeckt.“

Die meisten der teilnehmenden Länder sind Schwellen- und Entwicklungsländer

Mente und seine Kollegen werteten für ihre Untersuchung Daten der PURE-Studie (Population Urban and Rural Epidemiological) aus, für die seit dem Jahr 2003 der Lebensstil, insbesondere die körperliche Aktivität und das Ernährungsverhalten, von inzwischen rund 225.000 Menschen aus 25 Ländern weltweit erfasst wird.

Allerdings – und das ist womöglich einer der Schwachpunkte der aktuellen Studie, wenigstens aus hiesiger Sicht – weisen von diesen Ländern vermutlich nur Kanada, Schweden und Polen eine ernährungsmedizinische Situation auf, die der in Deutschland zumindest ähnelt. Bei den anderen Ländern handelt es sich vornehmlich um Schwellen- und Entwicklungsländer.

In die neue Analyse von Mente und seinem Team flossen die Daten von 95.767 Teilnehmern der PURE-Studie im Alter von 35 bis 70 Jahren ein, die aus 369 Gemeinschaften in 18 Ländern stammten und zu Beginn der Untersuchung frei von Herz-Kreislauf-Leiden waren.

Die Menge des verzehrten Kochsalzes ihrer Probanden bestimmten die Forscher anhand des Natriumgehalts im Morgenurin. Im Schnitt dokumentierten die Wissenschaftler den Gesundheitszustand der Studienteilnehmer 8,1 Jahre lang. In diesem Zeitraum starben 3.695 Probanden. 3.543 erlitten schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankungen, beispielsweise einen Herzinfarkt.

Negative Auswirkungen des Salzkonsums fanden sich fast nur in China

Wie die Forscher berichten, zeigte sich auch in der aktuellen Untersuchung eine positive Korrelation zwischen dem Salzkonsum und dem Blutdruck der Probanden. So stieg der systolische Blutdruck mit jedem zusätzlichen Gramm Natrium um 2,86 mmHg an. Allerdings fand sich dieser Zusammenhang nur bei der Gruppe der Teilnehmer, die besonders viel Salz zu sich nahm – im Schnitt 5,75 g Natrium beziehungsweise 14,4 g Salz am Tag.

Auch ein erhöhtes Schlaganfallrisiko war fast ausschließlich in China auszumachen, wo die Probanden einen täglichen Salzkonsum von durchschnittlich etwa 14 g (5,58 g Natrium) aufwiesen. China war das einzige der 18 teilnehmenden Länder, in dem die meisten (80%) der untersuchten Gemeinschaften mehr als 5 g Natrium am Tag zu sich nahmen.

In allen anderen Ländern lagen die Tagesdosen zwischen 3 und 5 g Natrium, was 1,5 bis 2,5 Teelöffeln Kochsalz entspricht. Keine der analysierten Gemeinschaften hielt somit die strengen Empfehlungen der WHO ein.

Am überraschendsten war jedoch, dass die Forscher um Mente keine positive Korrelation zwischen dem Salzkonsum und der Herzinfarkt- oder der Sterblichkeitsrate ausmachen konnten. Im Gegenteil: Ein besonders niedriger Salzverzehr ging sogar mit einem leicht erhöhten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle einher.

Kochsalz-Restriktionsprogramme seien daher vermutlich nur für Regionen mit einem sehr hohen Salzkonsum sinnvoll, schlussfolgern Mente und seine Kollegen aus ihren Ergebnissen. In den meisten Ländern werde Salz nicht in den Mengen konsumiert, die schädliche Effekte haben könnten, schreiben die Forscher.

Womöglich hat Salz sogar einen gewissen kardioprotektiven Effekt

Der Schweizer Kardiologe Prof. Dr. Franz Messerli vom Inselspital, Universitätsspital Bern, warnt allerdings davor, die bestehenden Empfehlungen nun vorschnell zu ändern. Die Ergebnisse der aktuellen Studie bezögen sich auf eine überwiegend asiatische Bevölkerung und stützten sich nur auf eine punktuelle Untersuchung des Morgenurins, schreibt er in einem Kommentar in Lancet [2]. Zudem handele es sich lediglich um eine Beobachtungsstudie. Mente und sein Team hätten somit noch nicht sicher bewiesen, dass die beobachteten Effekte tatsächlich auf das Salz zurückzuführen seien.

Auch Messerli vermutet jedoch aufgrund der vorliegenden Ergebnisse, dass nicht alle Organe gleich empfindlich auf Salz reagieren und dass Salz womöglich sogar einen kardioprotektiven Effekt ausüben könnte. Darauf deute auch die von Mente und seinem Team gemachte Beobachtung hin, dass die Frauen in Hongkong besonders alt werden, schreibt er. Deren durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 87,3 Jahren – obwohl sie im Schnitt jeden Tag 8 bis 9 g Kochsalz zu sich nehmen.

US-Forscher planen eine randomisierte kontrollierte Studie mit Gefängnisinsassen

„Die Ergebnisse sind sehr herausfordernd und sollten in einer randomisierten kontrollierten Studie überprüft werden“, fordert Messerli. Wie der Kardiologe berichtet, gibt es in den USA bereits ernsthafte Bemühungen, eine solche Studie zu initiieren. Probanden der Untersuchung sollen Gefängnisinsassen sein. Geplant ist, einer Gruppe von Inhaftierten über einen längeren Zeitraum hinweg salzarmes Essen aufzutischen, während eine andere salzreiche Kost erhält.

 
Die Ergebnisse sind sehr herausfordernd und sollten in einer randomisierten kontrollierten Studie überprüft werden. Prof. Dr. Franz Messerli
 

Der deutsche Herzspezialist Zeiher ist allerdings skeptisch, ob eine solche Untersuchung wirklich aussagekräftige Ergebnisse hervorbringt. Zwar lasse sich eine derartige Studie methodisch relativ leicht umsetzen. „Ich bezweifele aber, ob Gefängnisinsassen – allein aufgrund Ihrer Vorgeschichte – wirklich repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung sind“, sagt er.

Weniger umstritten als diese Studie dürfte ein weiteres Ergebnis der aktuellen Analyse von Mente und seinem Team sein. Die Forscher untersuchten nämlich auch die Korrelation zwischen dem Kaliumgehalt der Nahrung und der Herzinfarkt- und Schlaganfallrate sowie der Gesamtmortalität. Wie sich herausstellte, senkte Kalium – unabhängig vom Salzkonsum – alle 3 Risiken. Auch Patienten mit einem hohen Salzkonsum könnten demnach mit einer erhöhten Kaliumaufnahme viel für ihre Gesundheit tun. Besonders reich an Kalium sind Obst, Gemüse und Nüsse.

 

Kommentar

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