Masse bringt Klasse: Barmer-Krankenhausreport 2018 warnt vor „falschen Kliniken“ für die OP von Bauchaorten-Aneurysmen

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

15. August 2018

Berlin – Die Überlebenschancen von Patienten mit planbarer Operation eines Bauchaorten-Aneurysmas variieren je nachdem, mit welchem Verfahren und in welchem Krankenhaus operiert wird. Zu diesem Schluss kommt der aktuelle Barmer-Krankenhausreport 2018, der auf einer Pressekonferenz der zweitgrößten deutschen Krankenkasse in Berlin vorgestellt worden ist [1].

Demnach war die Sterberate kurz- bis mittelfristig signifikant geringer, wenn eine endovaskuläre und damit minimal-invasive Operation statt eines offen-chirurgischen Eingriffs erfolgte. Bessere Ergebnisse zeigten sich ebenso, wenn die Patienten in einem zertifizierten Gefäßzentrum oder einer Klinik mit hohen Fallzahlen behandelt wurden. Die Barmer plädiert deshalb für eine stärkere Bildung von Zentren und die Festlegung von Mindestmengen.

Steigende Zahl an Befunden und Eingriffen erwartet

Prof. Dr. Christoph Straub

„Wir gehen davon aus, dass mit der in diesem Jahr erfolgten Einführung der Ultraschall-Früherkennungsuntersuchung der Bauchaorta als Kassenleistung für Männer ab 65 Jahre nun deutlich mehr Befunde gesichert werden und es dann auch zu deutlich mehr Eingriffen kommt“, sagt Prof. Dr. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer.

Nach Angaben der Krankenkasse haben in Deutschland schätzungsweise 200.000 Menschen über 65 Jahren ein Bauchaortenaneurysma (BAA), überwiegend Männer. Im Jahr 2016 wurden nach den Analysen des Krankenhausreports mehr als 11.400 Personen dieser Altersgruppe an der Bauchaorta operiert, rund 25% mehr als noch 10 Jahre zuvor. Auch aufgrund der fortschreitenden Alterung der Gesellschaft sei in Zukunft mit einer steigenden Zahl an BAA-Patienten zu rechnen.

Regionale Unterschiede beim Operationsverfahren

Bei den Operationen der Bauchaorta hat sich dem Barmer-Report zufolge inzwischen der endovaskuläre, also minimal-invasive Eingriff weitgehend durchgesetzt, vor allem bei Patienten, bei denen es noch zu keiner Ruptur gekommen ist. Im Vergleich zur offenen Operation lag die Sterberate 3 Jahre nach dem planbaren Eingriff hier mit 16,4 statt 18,4% um absolut 2% niedriger. Daneben kam es bei der endovaskulären Technik seltener zu Komplikationen.

Die Autoren des Reports plädieren dafür, diese Eingriffsart zu favorisieren, wenn die medizinischen Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Auffällig waren die regionalen Unterschiede beim Operationsverfahren: „Während in Sachsen zwischen den Jahren 2014 und 2016 fast 86 Prozent der Patienten minimal-invasiv operiert wurden, waren es in Niedersachsen nur gut 69 Prozent und im Saarland sogar nur 61 Prozent“, berichtete Straub. Eine Erklärung für die Unterschiede könne anhand der vorliegenden Daten nicht gegeben werden.

OPs in zertifizierten Zentren sicherer?

Unterschiedliche Mortalitätsraten konstatieren die Verfasser des Reports auch in Abhängigkeit von der Art der Klinik, in der die Bauchaorten-OP stattfand: So war die Sterblichkeit nach 3 Jahren um 2,3 Prozentpunkte geringer (16,4 statt 18,7%), wenn der minimal-invasive Eingriff in einem von der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie zertifizierten Gefäßzentrum durchgeführt wurde.

„Ist ein Eingriff an der Aorta nicht in einem zertifizierten Zentrum möglich, sollte er zumindest in einer Klinik mit einer hohen Fallzahl erfolgen“, so Straub. So sei die Sterberate in Kliniken mit vergleichsweise vielen (in der Studie hochgerechnet durchschnittlich 126) Fällen 3 Jahre nach der OP um 2,6 Prozentpunkte geringer als in Häusern mit niedriger Fallzahl (in der Studie durchschnittlich 22 Fälle). Allerdings wird dieses Ergebnis dem Report zufolge vorwiegend durch Patienten getrieben, die einen offen-chirurgischen Eingriff in Krankenhäusern mit hoher Fallzahl erhielten. Für den Report wurden die Daten der Barmer-Versicherten auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands hochgerechnet.

Wohnortnahe Versorgung als Kriterium

Allgemein ist bei den meisten BAA-Patienten eine relativ wohnortnahe Behandlung möglich. „Fast 99 Prozent der Patienten können eines der 511 Krankenhäuser in Deutschland, die Bauchaorten-Operationen durchführen, in 45 Minuten oder weniger erreichen“, erklärte Prof. Dr. Boris Augurzky, Autor des Krankenhausreports und Leiter des Kompetenzbereichs „Gesundheit“ am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Für mehr als ein Drittel (36%) der Patienten der Patienten ist eine dieser Kliniken – 106 von allen sind zertifizierte Zentren – nach der Analyse des Instituts sogar in 10 Minuten erreichbar.

 
Künftig sollten die Eingriffe nur noch in zertifizierten Gefäßzentren oder Kliniken mit einer hohen Fallzahl erfolgen. Dazu wäre die Einführung von Mindestmengen sinnvoll. Prof. Dr. Christoph Straub
 

Würden Krankenhäuser, die weniger als 50 BAA-Eingriffe pro Jahr vornehmen, aus dieser Statistik herausgenommen, könnten immer noch knapp 75% der Bevölkerung eine entsprechende Klinik in 45 Minuten und 13% eine in 10 Minuten erreichen. Eine Einführung von Mindestmengen und mehr Zentralisierung seien damit grundsätzlich möglich, ohne die wohnortnahe Versorgung zu gefährden, so Augurzky.

50 Eingriffe als Mindestmenge

„Die Versorgung von Patienten mit einer planbaren Operation an der Bauchschlagader muss besser werden“, forderte Barmer-Vorstandsvorsitzender Straub. „Künftig sollten die Eingriffe nur noch in zertifizierten Gefäßzentren oder Kliniken mit einer hohen Fallzahl erfolgen. Dazu wäre die Einführung von Mindestmengen sinnvoll.“

Straub sprach sich für eine Mindestmenge von 50 Eingriffen pro Jahr und Standort aus, wobei nicht nur der Chirurg sein Handwerk beherrschen müsse, sondern für den gesamten Behandlungsprozess ein kompetentes, routiniertes Team zur Verfügung stehen sollte. Zur Festlegung der Richtgrößen sei der Gemeinsame Bundesausschuss gefragt. Krankenhäuser, die Leistungen erbringen, ohne die festgelegte Mindestmenge zu erreichen, sollten nach Straubs Worten künftig keine Vergütung mehr erhalten.

Deutsche Krankenhausgesellschaft kritisiert die Studie

Deutliche Kritik an der dem Report zugrunde liegenden Studie gibt es jedoch von Seiten der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG): Die Behauptung der Barmer, Bauchaorten-Patienten seien in Abhängigkeit von Operationstechnik und Klinik signifikant unterschiedlichen Sterbewahrscheinlichkeiten ausgesetzt, könne durch dieses Studiendesign in keinster Weise belegt werden, heißt es in einer DKG-Pressemitteilung.

So könnten schon wenige Patienten mit höherem persönlichem Risiko zu solchen abweichenden Sterberaten führen. Tatsache sei, heißt es in der Mitteilung weiter, dass die unterschiedlichen Operationstechniken je nach medizinischer Notwendigkeit eingesetzt würden und die Kliniken, die behandeln, die Qualitätssicherungsrichtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses erfüllten.

 

Kommentar

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