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Test auf HIV und STIs jetzt für zu Hause: Aids-Hilfe erklärt, wie er funktioniert und berichtet über erste Erfahrungen

Claudia Gottschling

Interessenkonflikte

8. August 2018

Peinlichkeit und Scham sollte kein Hinderungsgrund mehr sein: Der erste Heim-Test für HIV ist nun unter dem Namen „S.A.M. Mein Heimtest“ (samtest.de) in Deutschland verfügbar. Er soll dazu beitragen, dass die Hemmschwelle sinkt, sich testen zu lassen. Neben HIV (Antikörper-Test ELISA der 4. Generation) kann man sich mit dem Test-Kit auch auf weitere Erreger von Geschlechtskrankheiten, wie Syphilis, Gonokokken und Chlamydien, testen lassen. Bequem von zu Hause, auf der Couch.

Entwickelt wurde das Konzept von der Münchner Aids-Hilfe und ihrem Dachverband, der Deutschen Aids-Hilfe, der Firma ViiV Healthcare und dem Hamburger Labor Lademannbogen. Aber: Noch kann das Testpaket, das man nach der Probenentnahme an ein Labor einsendet, nicht einfach bestellen oder kaufen.

Stattdessen gilt in Deutschland derzeit noch die Regelung, dass man für den neuen Test beim ersten Mal einen Arzt, ein Gesundheitsamt oder eine Einrichtung wie die Aids-Hilfe zu einem persönlichen Beratungsgespräch aufsuchen muss. Benötigt man den Test zu einem späteren Zeitpunkt erneut, kann man ihn sich dann immer wieder per Post schicken lassen. Zur Einführung des Test-Pakets für 4 verschiedene sexuell übertragbare Erreger startete Anfang August ein Pilotprojekt.

Dipl-Psych. Christopher Knoll

Dipl-Psych. Christopher Knoll, von der Beratungsstelle der Münchner Aids-Hilfe, leitet dieses Pilotprojekt, und erklärt im Gespräch mit Medscape, wie das Prozedere im Moment funktioniert, wie die Zukunft aussehen könnte – und er ist sich sicher: „Die Ärzte sind begeistert!“

Medscape: Wo bekomme ich derzeit den neuen HIV-Heim-Test?

Knoll: Es gibt 4 Anlaufstellen, die Aids-Hilfe und das Sub-Zentrum in München, die Aids-Hilfe in Nürnberg und die Aids-Beratungsstelle in Regensburg. Dort erhalten Testwillige nach einer Beratung von ca. 15 Minuten und einer Registrierung in unserem Programm ihren ersten Test, den sie zuhause durchführen können.

Medscape: Wie kann ich allein auf der Couch die Proben entnehmen, ist das schwierig?

Knoll: Es gibt auf der Internetseite samtest.de für den Test (Abb. 1) ein sehr verständliches Video und für jeden Schritt eine Anleitung. Die Durchführung ist wirklich einfach. Für den HIV- und Syphilis-Test entnimmt man mit einer kleinen Lanzette an der Fingerkuppe 600 Mikroliter Blut und füllt sie in ein Probenröhrchen. Die anderen Erreger werden über einen Rachen-, Vaginal- oder Rektal-Abstrich mit Wattestäbchen gewonnen oder über eine Urinprobe. Man soll die Proben noch am selben Tag im Rückumschlag ans Labor schicken. Innerhalb von 3 Tagen erhält man das Ergebnis via SMS. Wenn eine der Analysen positiv ist, schicken wir eine SMS, mit der Bitte, uns anzurufen. Dann besprechen wir das weitere Vorgehen. Zum Beispiel suchen wir mit dem Patienten zusammen nach einem Arzt zur weiteren Testung und Behandlung.

Abb. 1: Der S.A.M.-Test-Kit für zu Hause

 

Medscape: Wen wollen Sie mit dem Angebot erreichen?

Knoll: Insbesondere schwule Männer auf dem Land sind unsere Zielgruppe. Aber auch alle anderen Männer und Frauen, die Test-Bedarf haben, aber wenige, qualitative gute Test-Möglichkeiten vor Ort vorfinden. 20 Personen haben bereits Ihr Beratungsgespräch absolviert. Im Moment sprechen uns zu 80 Prozent schwule Männer an, weil der Test in der Szene schon ein bisschen bekannt ist.

 
Insbesondere schwule Männer auf dem Land sind unsere Zielgruppe. Dipl.-Psych. Christopher Knoll
 

Medscape: Motiviert die Teilnehmer, die Sie bisher kennengelernt haben, zum Heim-Test im stillen Kämmerlein auch Scham und Angst vor Diskriminierung?

Knoll: Natürlich ist S.A.M diskreter als andere Testformen. Aber Diskriminierung ist in Deutschland in der Versorgung HIV-Infizierter nicht mehr das Hauptthema. Momentan freuen sich alle, dass sie die Tests, die sie schon zuvor immer gemacht haben, bequem zuhause machen können.

Medscape: Welche Themen sprechen Sie bei der Beratung an?

Knoll: Wir reden über das Risikoverhalten, etwa wieviel Sexualpartner man hat oder welche Infektionen (z.B. Syphilis) schon vorliegen, um herauszufinden, welche Test-Frequenz und welche Test-Elemente für die betreffende Person sinnvoll sind. Den Test kann man sich alle 3, 6 oder 12 Monate automatisch immer wieder zuschicken lassen. Das ist zum Beispiel für Personen interessant, die immer wieder riskanten Sex haben. Wir versuchen für den Kunden einen idealen Testzeitraum zu definieren.

Medscape: Macht man also einen Vertrag, wie für ein Zeitschriften-Abo, das man später dann wieder kündigen muss?

Knoll: Das ist kein kostenpflichtiger Knebelvertrag. Wir schicken Ihnen vor jeder Aussendung eine SMS, dass der nächste Test bereitliegt. Wenn Sie sich daraufhin nicht melden, verschicken wir ihn nicht. Sie können auch früher nachbestellen. Wir passen das Abo den persönlichen Bedürfnissen an.

Medscape: Wird man solche HIV-Tests vielleicht auch irgendwann bei Amazon bestellen können – ohne Beratung?

Knoll. Nein. Der wird immer über unsere Homepage samtest.de bestellt. Das Produkt besteht nicht nur aus dem Test-Kit, sondern auch der Verwaltung der Ergebnisse. Die Ausgabestellen müssen zudem immer, wenn gewünscht, die Beratung gewährleisten können, deshalb kann das Amazon nie machen. Für allgemeine Fragen, wann man etwa einen Arzt aufsuchen sollte, wird es künftig auch eine 24-Stunden Hotline von der Deutschen Aids-Hilfe geben.

Medscape: In England, wo es den Test schon länger gibt, ist es bereits möglich, sich online zu registrieren, ohne davor eine persönliche Beratung zu absolvieren. Wird das in Deutschland auch kommen?

Knoll: Die Erfahrungen werden zeigen, dass man auch hierzulande das persönliche Beratungsgespräch bei einer Aids-Hilfe nicht zwingend braucht.

Medscape: Wie lange wird die Pilotphase dauern?

 
Bei meinen Vorträgen unter Ärzten schaue ich nur in glückliche Gesichter. Dipl.-Psych. Christopher Knoll
 

Knoll: 18 Monate, aber wir hoffen, dass wir das Projekt schon früher bundesweit ausdehnen können. Ganz Deutschland wartet schon darauf.

Medscape: Was halten die Ärzte davon, dass nur die Aids-Hilfen im Moment die Beratung übernehmen?

Knoll: Die meisten unterstützen es, dass wir das machen. Beim Arzt zahlt man bis zu 150 Euro wenn man einen HIV-Test, einen Syphilis-Test und drei Abstrich-Untersuchungen machen will, wie wir es in unserem Test-Kit anbieten - das leistet sich natürlich kaum einer. Wir bieten unseren Test für 32 Euro an. Es wird auf jeden Fall günstiger bleiben als in einer Arztpraxis.

Medscape: Bei Vorsorgeuntersuchungen etwa, ist Ärzten sehr daran gelegen, dass ihre Patienten immer wieder regelmäßig kommen. Gibt es da nicht den Wunsch, dass Risikopatienten für HIV-Tests regelmäßig zur Beratung und Testung in die Praxis kommen sollen?

Knoll: Es spricht nichts dagegen, dass Ärzte auch Ausgabestellen für den Test werden können und die Patienten über ihr System registrieren. Sie können die Testergebnisse dann verwalten und ihre Patienten beraten. Wenn ein Arzt einer HIV-Schwerpunktpraxis einen Patienten hat, der auswärts wohnt, kann er ihm den Test auch zuschicken lassen.

Medscape: Und ihn dann telemedizinisch beraten?

Knoll: Das wäre dann eventuell der nächste Schritt. Das sind aktuelle Entwicklungen, in die der Heim-Test perfekt hineinpasst.

Medscape: Was heißt eigentlich S.A.M?

Knoll: Das ist ein Kunstwort und leitet sich von dem englischen Begriff „home sampling test“ ab. Der Test-Kit für Schwule heißt dann auch Sam, für Frauen Samantha und für Heterosexuelle Samuel. Das ist eher spielerisch gemeint.

Medscape: Mit dem Test-Paket kann man auch auf Chlamymdien, Gonokokken und Syphilis testen. Erwarten Sie, dass viele den Test für andere „peinliche Krankheiten“ nützen?

 
Wenn das Risikoverhalten innerhalb der vergangenen 6 Wochen liegt, machen wir deutlich, dass der Test keine Aussagekraft haben wird. Dipl.-Psych. Christopher Knoll
 

Knoll: Der Schwerpunkt liegt auf dem HIV-Test. Wir haben zwar HIV-positive, schwule Männer, die den Test alle 3 Monate zum Monitoring nützen für Syphilis, Gonokokken und Chlamydien. Sie wollen sich nicht bei Ihrem Arzt testen lassen, auch weil es teurer ist. Oder sie wollen Ihrem Hausarzt auf dem Land nicht erzählen, dass sie schwul sind und HIV-positiv. Ab Herbst wird es allerdings einen singulären HIV-Heim-Test geben. Er befindet sich gerade in der Zulassung. An Selbst-Tests auf sexuell übertragbare Krankheiten gibt es bisher nur S.A.M.

Medscape: Für wen ist der Test nicht geeignet?

Knoll: Wenn das Risikoverhalten innerhalb der vergangenen 6 Wochen liegt, machen wir deutlich, dass der Test keine Aussagekraft haben wird. Fand der ungeschützte Sex innerhalb der letzten 3 Tage statt, schicken wir den Betreffenden direkt zum Arzt, weil dann möglicherweise noch eine Postexpositionsprophylaxe in Frage kommt.

Medscape: Es gibt Schätzungen, dass etwa 13.000 Menschen der über 88.400 Infizierten in Deutschland unentdeckt HIV in sich tragen. Außerdem erfolgt angeblich jede 5. Neuinfektion durch eine Person, die selbst nichts von Ihrer Erkrankung weiß. Haben Sie eine Idee, wie viele Sie aus dieser Gruppe der Ahnungslosen mit dem Heim-Test erreichen können?

Knoll: Wenn das Projekt so gut läuft wie in England, dann erwarten wir, dass sich die Rate um 2 Prozent verringern wird. Dann haben in Deutschland statt 14 Prozent nur noch 12 Prozent der HIV-Infizierten eine unentdeckte Erkrankung.

Medscape: Mehr Reduktion erreichen Sie nicht?

Knoll: Das ist schon relativ viel, finde ich. Das wären dann 1.820 zusätzlich entdeckte HIV-Diagnosen.

Medscape: Was wünschen Sie sich denn von den Ärzten, an Austausch oder Kooperation?

Knoll: Die Schwerpunktpraxen finden das innovative Verfahren alle toll und unterstützen den Heim-Test sehr. Bei meinen Vorträgen schaue ich nur in glückliche Gesichter. Ganz Deutschland wartet darauf.

Medscape: Werden andere Labore künftig auf den Trend aufspringen und ähnliche Einsende-Tests anbieten?

Knoll: Das muss man sehen. Mit S.A.M. wird derzeit niemand reich. Da arbeiten alle Beteiligten zum Selbstkostenpreis. Die Projektbeteiligten, also wir, das Labor Lademannbogen in Hamburg, die Deutsche Aids-Hilfe und ViiV Healthcare, die das Projekt finanziell unterstützen, verdienen an S.A.M nichts.

 


(Quelle: Alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Aids-Hilfe München)

Die Fakten:

  • Der Test unter dem Namen S.A.M. kann nach einem Beratungsgespräch auf der Internetseite samtest.de bestellt werden

  • Er wird eingesendet und vom Labor Lademannbogen in Hamburg durchgeführt

  • Das Paket umfasst 4 Test-Möglichkeiten: Auf HIV, Syphilis, Gonorrhö und Chlamydien

  • Er ist geeignet für Männer und Frauen

  • Probenentnahme: Ein paar Blutstropfen aus der Fingerkuppe (600 Mikroliter) für HIV und Syphilis (Antikörper oder Serologie); Abstriche und Urin für Chlamydien und Gonokokken

  • Kosten 32 Euro (im Abo 29 Euro)

 

Kommentar

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