Trisomie 21: Bluttest ruft Politik auf den Plan – Abgeordnete fordern Ethik-Debatte bevor der Test Kassenleistung wird

Christian Beneker

Interessenkonflikte

2. August 2018

Rudolf Henke

Nur tipptopp Qualitäts-Babys erwünscht? In einem internen Positionspapier fordern 10 Bundestagsabgeordnete aus fast allen Fraktionen eine offene, fraktionsübergreifende Debatte über die nicht-invasive Pränataldiagnostik (NIPD). Das bestätigt der Bundestagsabgeordnete und Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke (CDU), einer der Unterzeichner.

In dem Papier geht es um die Bluttests auf Trisomie 13, 18 und 21. Notwendig sei die Debatte, weil die Tests laut der jüngsten Untersuchungsergebnisse des Institutes für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ebenso genau sind wie herkömmliche, invasive Verfahren, etwa der Fruchtwasser-Test.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) soll nun prüfen, ob die NIPD Kassenleistung werden soll. Doch für die Beantwortung dieser Frage solle die politische Debatte die Entscheidung des G-BA unterstützen, sagt Gesundheitspolitiker Henke zu Medscape. In dem gemeinsamen Papier „Vorgeburtliche Bluttests – wie weit wollen wir gehen?“ fordern die Unterzeichner eine umfassende Debatte.

50.000 Menschen mit Down-Syndrom

Hintergrund der jüngsten Initiative ist die Bewertung durch das IQWiG. Der G-BA hatte das Institut im vergangenen Jahr mit der Arbeit betraut. Nach Studiendaten betragen z.B. bezüglich der Trisomie 21 die Sensitivität der NIPD 99,13% und die Spezifität 99,95%. Das Ergebnis bedeutet: „Die Tests übersehen tatsächlich sehr selten eine Trisomie 21, und noch seltener weisen sie eine Trisomie 21 aus, die sich später nicht bewahrheitet“, so das IQWiG.

Für die Erkennung der Trisomien 13 und 18 indessen konnte das IQWiG laut eigener Angaben aufgrund der Studienlage die Sensitivität und Spezifität „nicht robust genug schätzen“, heißt es.

Mit einem Down-Syndrom (Trisomie 21) ist bei ungefähr 24 von 10.000 Schwangerschaften zu rechnen. Da die meisten Paare mit einer Trisomie-Pränataldiagnose die Schwangerschaft abbrechen, leben in Deutschland derzeit nur etwa 30.000 bis 50.000 Menschen mit Down-Syndrom. „Viele kommen mit Organfehlbildungen zur Welt, die aber gut behandelt werden können“, schreibt das IQWiGin einer Pressemitteilung. „Ihre Lebenserwartung liegt in Europa mittlerweile bei etwa 60 Jahren.“

Das Pätau-Syndrom (Trisomie 13) tritt bei 1 bis 2 Schwangerschaften von 10.000 auf. Die Kinder kommen tot zur Welt oder sterben in den ersten Lebensmonaten.

Auch das Edwards-Syndrom (Trisomie 18) ist sehr selten. Etwa 6 von 10.000 Kindern sind betroffen – und sterben in der Regel auch früh. Nur wenige erreichen das Jugendalter oder erlernen das Laufen und Sprechen, heißt es im IQWiG-Bericht.

Nach der Bewertung durch das IQWiG stellt sich nun für den G-BA die Frage, ob eine NIPD von den Krankenkassen bezahlt werden soll und wenn ja, unter welchen Umständen.

2 Anwendungsszenarien

Ein Vorteil der NIPD ist, dass durch sie Fehlgeburten verhindert werden, die als Folge der herkömmlichen vorgeburtlichen Diagnostik wie der Fruchtwasseruntersuchung entstehen. Denn nach Angaben des IQWiG ist als Folge einer Amniozentese bzw. Chorionzottenbiopsie derzeit bei 2 bis 10 von 1.000 untersuchten Frauen mit einer Fehlgeburt zu rechnen.

Eine invasive Pränataldiagnostik erfolgt daher nur, wenn:

  • das individuelle Risiko der werdenden Mutter nach dem Ersttrimester-Screening (ETS) hoch ist,

  • die Mutter schon älter ist,

  • es bei früheren Schwangerschaften oder der Ultraschalluntersuchung des Kindes (Stichwort Nackentransparenz) Auffälligkeiten gab.

Nun könnte z.B. in solchen Fällen anstelle der herkömmlichen Untersuchung eine NIPD als „gefahrlose“ Alternative angeboten werden. Damit werden aber nicht alle Trisomien erfasst, denn eine Trisomie kann natürlich auch vorkommen, wenn die Schwangere keine Risiken hat und keinerlei Auffälligkeiten im Ultraschall zu sehen sind.

 
Die Debatte, ob wir als Gesellschaft eine Charakterisierung der Ungeborenen anhand ihrer genetischen Merkmale haben wollen, können wir nicht allein den Ärzten und Krankenkassen überlassen.  Rudolf Henke
 

Einen „ungefährlichen“ Test wie die NIPD könnte man andererseits aber auch breiter anbieten – vielleicht sogar allen 700.000 bis 800.000 Frauen, die in Deutschland jährlich schwanger werden. Nur die auffälligen Ergebnisse könnten dann invasiv überprüft werden – zwar mit entsprechendem Risiko einer Fehlgeburt, aber nach Einschätzung des IQWiG würde so die Fehlgeburtsrate immer noch unter dem Status Quo liegen.

Der G-BA sucht Hilfe bei der ethischen Einordnung von NIPD

Der G-BA hatte das IQWiG mit der Bewertung betraut, damit werdende Eltern im Rahmen der ärztlichen Schwangerschaftsvorsorge eine informierte Entscheidung darüber treffen können, welche Untersuchungen auf genetisch bedingte Erkrankungen für sie in Frage kommen, wie der G-BA schreibt.

 
Ich will jetzt noch keine Vorentscheidung darüber, ob diese Bluttests als Regelleistung der Krankenkasse erlaubt werden sollen. Rudolf Henke
 

Aber um die Ergebnisse angemessen zu bewerten, hat der G-BA Vorsitzende Prof. Dr. Josef Hecken nun die Politik aufgefordert, sich eine Meinung zu bilden, berichtet Henke: „Wir brauchen jetzt eine Orientierungsdebatte. Die Debatte, ob wir als Gesellschaft eine Charakterisierung der Ungeborenen anhand ihrer genetischen Merkmale haben wollen, können wir nicht allein den Ärzten und Krankenkassen überlassen. Das geht uns alle an. Das sind wir gerade auch den Kindern schuldig.“

In der Tat: Im Zweifel könnte der Druck auf beide wachsen – auf die Menschen mit Down-Syndrom und auf die werdenden Eltern, die auf Tests verzichten, meint Henke. Denn wenn der Test erstattet wird, sei mit vielen Tests zu rechnen. Paare, die dann keine Untersuchung wollen, könnten sich plötzlich in Erklärungsnot fühlen: „Wollt Ihr etwa kein gesundes Kind?“

 
Ich will, dass es zuvor eine breite gesellschaftliche und parlamentarische Debatte dazu gibt. Rudolf Henke
 

Zugleich fürchten Menschen mit Down-Syndrom, dass ihre Art zu leben nicht mehr erwünscht sein könnte in der Gesellschaft, sagt Henke. „Dabei bewerten Erwachsene mit Trisomie 21 ihr Leben als sehr positiv. Trisomie 21 ist zwar eine Gesundheitsstörung, aber diese Menschen können ein beglückendes Leben führen.“

Wegen dieser Implikationen fordert Henke Zeit und Diskussionen. „Ich will jetzt noch keine Vorentscheidung darüber, ob diese Bluttests als Regelleistung der Krankenkasse erlaubt werden sollen“, erklärt der Gesundheitspolitiker. „Ich will, dass es zuvor eine breite gesellschaftliche und parlamentarische Debatte dazu gibt.“

 

Kommentar

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