Zwischen Erkältungssprechstunde und Intensivmedizin: Was Ärzte auf Kreuzfahrtschiffen erwartet

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

30. Juli 2018

Ass. Prof. Dr. Berthold Petutschnigg

Berlin – Gemütlich übers Mittelmeer oder durch die Karibik schippern, Bordleben genießen, relaxen und ab und zu ärztlicher Ratgeber für ein paar seekranke Passagiere sein: Diesem Klischee über die Tätigkeit eines Schiffsarztes auf Kreuzfahrtschiffen steht eine andere – aber zugleich interessante – Realität gegenüber. Über Voraussetzungen für diesen Job sowie den Alltag im Bordhospital berichtete Ass. Prof. Dr. Berthold Petutschnigg von der Medizinischen Universität Graz, Österreich, auf dem CRM Forum Reisen und Gesundheit in Berlin [1] .

Facharzt plus Zusatzqualifikationen

Wer als Mediziner auf einem der weltweit mehr als 400 Ozean-Kreuzfahrtschiffe anheuern will, muss nicht nur fachärztliche Kompetenz vorweisen, sondern bereits auch eine ganze Reihe von Zusatzqualifikationen erworben haben: „Als Basis gefordert wird alternativ der Facharzt für Allgemeinmedizin, Anästhesie, Chirurgie/Unfallchirurgie oder Innere Medizin mit mindestens 3 Jahren Berufserfahrung“, erläuterte der Chirurg und Notfallmediziner Petutschnigg, der seit 2009 zur See fährt und seit 2015 Chief Senior Doctor bei der Kreuzfahrtgesellschaft TUI Cruises ist.

 
Als Basis gefordert wird alternativ der Facharzt für Allgemeinmedizin, Anästhesie, Chirurgie/Unfallchirurgie oder Innere Medizin mit mindestens 3 Jahren Berufserfahrung. Ass. Prof. Dr. Berthold Petutschnigg
 

Darüber hinaus sind nachzuweisen: Fachkenntnisse im Rettungsdienst bzw. Notarzt-Diplom sowie regelmäßige Tätigkeit in der Notfallmedizin, Fachkunde Strahlenschutz, Kenntnisse in Sonographie, Labor und dem Anlegen von Gipsverbänden. Außerdem ausgezeichnete Englischkenntnisse in Wort und Schrift, ein alle 2 Jahre zu erneuerndes Seediensttauglichkeitszeugnis sowie die Teilnehme an einem Nautik-Kurs an einer Seefahrtschule (bei TUI Cruises auch an Bord). Schiffsarzt-Lehrgänge bzw. Kurse in Maritimer Medizin werden von verschiedenen staatlichen und privaten Ausbildungsinstitutionen angeboten.

Ein Tag Dienst, ein Tag frei – theoretisch

Kleinere Kreuzfahrtschiffe haben einen, größere – mit mehreren tausend Passagieren – gleichzeitig 2 Schiffsärzte (einen Senior und einen Junior Doc) im alle 24 Stunden wechselnden Dienst an Bord. Idealerweise hat dann einer von ihnen mehr allgemeinmedizinische/internistische und der andere mehr chirurgische Kompetenzen, die sich ergänzen.

Auf den von Petutschnigg betreuten Schiffen etwa (mit mehr als 2.500 Passagieren) arbeiten die Ärzte mit jeweils 2 Krankenschwestern und einem Medical Assistent zusammen. Auf jeden Dienst folgt, zumindest theoretisch, 1 Tag Freizeit, der allerdings durch wiederkehrende, vom Seerecht für das Schiffspersonal vorgeschriebene Sicherheits-Drills unterbrochen werden kann.

Zwischen Erkältungssprechstunde und Intensivmedizin

Auf großen Schiffen wie diesem ähnelt die Ausstattung des Bordhospitals der eines kleinen Krankenhauses: Rezeption, Warteraum, 2 Behandlungsräume, Labor, Eingriffsraum (einem Not-Operationssaal entsprechend), 2 Intensiveinheiten, eine Bordapotheke, eine digitale Röntgeneinheit, Ultraschallgerät, EKG, Beatmungsgeräte und Defibrillatoren.

„Das Hospitalteam ist rund um die Uhr für das gesundheitliche Wohl der Patienten verantwortlich. Das bedeutet aber nicht, dass rund um die Uhr auch Sprechzeit ist“, erklärte Petutschnigg. Öffnungszeiten für die Passagiere sind täglich von 9 bis 11 sowie von 18 bis 20 Uhr, für die Crew jeweils eine Stunde vorher. Notfälle werden selbstverständlich zu jeder Zeit behandelt. „Im Schnitt“, so der Chirurg, „kommen unsere Teams auf ungefähr 30 bis 50 Behandlungsfälle pro Tag.“

Zu den häufigsten Fällen gehören Erkältungskrankheiten unterschiedlichen Schweregrades (grippale Infekte, Rhinopharyngitis, Bronchitis) und Gastroenteritis Auch die Versorgung kleiner Verletzungen steht häufig an.

 
Beispiele für typische Notfälle sind Myokardinfarkte, Schlaganfälle, Intoxikationen oder schwere Verletzungen mit Knochenbrüchen … Ass. Prof. Dr. Berthold Petutschnigg
 

Seltener als gemeinhin angenommen sind Patienten mit Kinetosen (Seekrankheit) zu versorgen. „Beispiele für typische Notfälle sind Myokardinfarkte, Schlaganfälle, Intoxikationen oder schwere Verletzungen mit Knochenbrüchen, die dann an Bord unter Umständen auch intensivmedizinisch behandelt werden müssen“, so Pertutschnigg.

„Mit der geforderten Qualifikation der Schiffsärzte ist jederzeit eine kompetente Erstversorgung und Stabilisierung des Patienten gewährlistet. Sind jedoch weiterführende diagnostische und therapeutische Maßnahmen notwendig (CT oder MRT beim Schlaganfall, PTCA beim Myokardinfarkt), dann muss der Patient – im Bedarfsfall z.B. auch per Helikopter – ausgeschifft werden“, sagt Petutschnigg. Diese Entscheidung sei dann eine kooperative medizinische und nautische zwischen dem Senior Doc und dem Kapitän.

Auch Telemedizin über Satellitenverbindungen kann im Bordhospital zum Einsatz kommen. „Sie hilft z.B. bei radiologischen und dermatologischen Fragestellungen und ebenso in der EKG-Diagnostik.“

Im Falle zahnmedizinischer Probleme umfasst die schiffsärztliche Behandlung eine antiphlogistische, analgetische und wenn notwendig auch beginnende antibiotische Therapie, bevor der Patient im nächsten Hafen zu einem vom Bordhospital-Team empfohlenen Zahnarzt geschickt wird.

In der Regel ein „Ferien“-Job

Doc an Bord zu sein ist in aller Regel eine temporäre Beschäftigung. „Der typische Schiffsarzt arbeitet den größten Teil des Jahres in seiner Praxis oder Klinik an Land und nimmt 1- oder 2-mal im Jahr ein paar Wochen bezahlten oder auch unbezahlten Urlaub, um an Bord zu gehen“, schilderte Petutschnigg im Gespräch mit Medscape. Es gebe auch Schiffsärztinnen, da bestehe jedoch noch Aufholbedarf.

Die ärztliche Tätigkeit des Schiffsarztes ist primär über die Reederei haftpflichtversichert. Dennoch empfiehlt der Grazer Mediziner „für alle Fälle“ zusätzlich eine persönliche Berufshaftpflichtversicherung, die den individuellen fachärztlichen Kenntnissen angepasst ist.

 
Der typische Schiffsarzt arbeitet den größten Teil des Jahres in seiner Praxis oder Klinik an Land und nimmt 1- oder 2-mal im Jahr ein paar Wochen bezahlten oder auch unbezahlten Urlaub, um an Bord zu gehen. Ass. Prof. Dr. Berthold Petutschnigg
 

Was sind die Motive, auf Kreuzfahrtschiffen ärztlich tätig zu sein? „Im Vordergrund steht bei den meisten sicher das Reisen an sich, das Kennenlernen von Menschen verschiedenster Nationen und Kulturen – bei den Crewmitgliedern können da schnell 50 Nationalitäten zusammenkommen – und eine interessante ärztliche Tätigkeit, die noch dazu oft recht gut bezahlt wird.“ Ein Monat Dienst auf dem Kreuzfahrtschiff könne dabei durchaus mit rund 9.000 Euro honoriert werden, der Salär sei aber von Reederei zu Reederei verschieden.

Steigender Bedarf

Die Nachfrage seitens der Ärzteschaft nach Schiffsarzt-Lehrgängen und Arbeitsmöglichkeiten an Bord von Kreuzfahrtschiffen ist nach Einschätzung des Grazer Experten für maritime Medizin weitgehend konstant. „Noch haben wir keine Rekrutierungsprobleme. Mit der in den vergangenen Jahren stetig gestiegenen Attraktivität von Kreuzfahrten und der wachsenden Zahl von Kreuzfahrtschiffen dürfte aber auch der Bedarf an Schiffsärzten weiter zunehmen.“

So haben nach einer Erhebung des Weltverbands der Kreuzfahrtindustrie Cruise Line International Association für das Jahr 2018 mehr als 27 Millionen Touristen Urlaub zur See gebucht. Die jährlichen Steigerungsraten beim Passagieraufkommen liegen seit Jahren bei 5 und mehr Prozent. Und jedes Jahr, berichtete Petutschnigg, kommen zu den bereits vorhandenen Kreuzfahrtschiffen 10 bis 15 neue hinzu.

Bei Interesse an der Schiffsarzttätigkeit steht Prof. Berthold Petutschnigg für weitere Auskünfte zur Verfügung: berthold.petutschnigg@klinikum-graz.at

 

Kommentar

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