EMA: Viele neue Medikamente und Indikationen, auch für seltene Erkrankungen und Kinder. Überraschend: HES bleibt am Markt

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

27. Juli 2018

Der Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) empfiehlt 16 neue Arzneimittel zur Zulassung, darunter auch ein Medikament zur Behandlung der familiären Amyloidpolyneuropathie Typ I (FAP) bei erwachsenen Patienten mit Polyneuropathie im Stadium 1 oder 2 [1]. Außerdem sollen erneut 2 speziell für Kinder entwickelte Medikamente auf den Markt kommen.

Die Europäische Kommission hat zudem überraschend entschieden, Infusionslösungen mit Hydroxyethylstärke (HES) für die Volumenersatztherapie am Markt zu belassen – entgegen der Empfehlung des Ausschusses für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC), der den Lösungen eigentlich die Zulassung entziehen wollte.

Neue Therapieoption bei FAP

OnpattroTM (Patisiran, Alnylam Netherlands B.V.) wurde im Rahmen eines beschleunigten Verfahren begutachtet, da es kaum Behandlungsmöglichkeiten für FAP, eine seltene, lebensbedrohliche Erkrankung, gibt. Es ist nach Tegsedi (Inotersen) – welches im Mai eine positive Empfehlung vom CHMP erhalten hat – erst das zweite Arzneimittel zur Behandlung der FAP.

FAP wird durch Mutationen im Transthyretin(TTR)-Gen verursacht. Die fehlgefalteten TTR-Proteine lagern sich als Amyloid-Fibrillen unter anderem im Nervensystem, im Herzen und im Magen-Darm-Trakt ab. Die Folge sind Herzprobleme und Muskelschwäche in den Gliedmaßen, in späteren Stadien verlieren sie die Fähigkeit zu gehen, entwickeln Blasenfunktionsstörungen und Magen-Darm-Probleme, die zu Mangelernährung führen.

RNA gegen Gendefekt

Patisiran soll den Krankheitsverlauf beeinflussen und die Lebensqualität sowie Funktion der Patienten verbessern. Es besteht aus small interfering RNA (siRNA), die die Produktion des fehlgefalteten Proteins in der Leber blockiert. Da sich infolgedessen weniger Amyloid-Fibrillen ablagern, wird das Fortschreiten der Krankheit verlangsamt. Das Medikament wird alle 3 Wochen intravenös verabreicht.

Die Sicherheit und Wirksamkeit von Patisiran wurden in einer ersten Studie an 225 Patienten mit FAP und symptomatischer Polyneuropathie (Stadium 1 und 2) getestet. Das Medikament führte zu klinisch relevanten Verbesserungen der neurologischen Auswirkungen der Krankheit und hatte zudem einen positiven Effekt auf die Lebensqualität und auf Herzparameter. Bei Patienten mit Polyneuropathie im Stadium 3 ist die Wirksamkeit noch nicht bestätigt worden.

Für Kinder entwickelt

Der CHMP spricht sich außerdem für die Zulassung von 2 Medikamenten zum Einsatz bei Kindern aus: Mit Kigabeq® (Vigabatrin, Orphelia Pharma SAS) sollen infantile Spasmen (West-Syndrom) und therapierefraktäre fokale Epilepsien behandelt werden. Bislang ist Vigabatrin in Form überzogener Tabletten, die geteilt bzw. verdünnt werden mussten, um die Dosis für Kinder anzupassen, oder von Granulat zum Auflösen erhältlich,. Die neue Formulierung speziell für Kinder gibt es als lösliche Tabletten und die Dosierung kann in 50 mg-Schritten erhöht werden.

Das zweite Kinder-Medikament Slenyto® enthält Melatonin (RAD Neurim Pharmaceuticals EEC Ltd.) und soll Schlaflosigkeit bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen oder Smith-Magenis-Syndrom entgegenwirken. Es ist in Form kleiner, kindgerechter Tabletten erhältlich.

Neues gegen Krebs

Darüber hinaus empfiehlt der Ausschuss 4 Krebsmedikamente zur Zulassung: Braftovi™ (Encorafenib, Pierre Fabre Medicament) und Mektovi® (Binimetinib, Pierre Fabre Medicament) sollen in Kombination bei Patienten mit nicht-resezierbaren, metastasierten Melanomen mit BRAF-V600-Mutation eingesetzt werden. Imfinzi® (Durvalumab, AstraZeneca AB) dient der Behandlung von nicht-kleinzelligen Lungenkarzinomen und Verzenios™ (Abemaciclib, Eli Lilly Nederland B.V.) der Behandlung bei lokal fortgeschrittenem oder metastasiertem Brustkrebs.

Die weiteren Empfehlungen

Zulassungsempfehlungen gab es beim Juli-Meeting des Ausschusses auch für:

  • Symkevi® (Tezacaftor/Ivacaftor, Vertex Pharmaceuticals (Europe) Ltd.) zur Behandlung der zystischen Fibrose

  • Xerava™ (Eravacyclin, Tetraphase Pharmaceuticals Ireland Limited), ein neues Antibiotikum zur Bekämpfung komplizierter intraabdomineller Infektionen bei Erwachsenen 

  • Ilumetri® (Tildrakizumab, Almirall S.A.) zur Behandlung der moderaten bis schweren Plaque-Psoriasis

  • Hulio®, ein Adalimumab-Biosimilar von Mylan S.A.S, zur Behandlung bestimmter Entzündungs- und Autoimmunerkrankungen

  • Pelgraz® (Accord Healthcare Limited) und Udenyca® (ERA Consulting GmbH), beides Pegfilgrastim-Biosimilars, mit denen bei Chemotherapien die Dauer und Inzidenz von (fiebrigen) Neutropenien reduziert werden soll

Außerdem empfiehlt der CHMP 3 Generika zur Zulassung:

  • Deferipron Lipomed® (Feferipron, Lipomed GmbH), ein Eisenantidot für Patienten mit Thalassaemia major

  • Gefitinib Mylan (Gefitinib, Mylan S.A.S.) zur Behandlung des nicht-kleinzelligen Lungenkarzinoms

  • Lenalidomid Accord (Lenalidomid, Accord Healthcare Limited) zur Behandlung des Multiplen Myeloms

Negativbescheid: Erneute Ablehnung

Auf Antrag der Hersteller erneut überprüft hat der Ausschuss die Zulassungsanträge für Dexxience® (Betrixaban, Portola Pharma UK Limited) und Eladynos (Abaloparatid, Radius International Ltd). Beide Arzneimittel hatten im März eine negative Empfehlung erhalten – an der sich auch nichts ändert. Der CHMP lehnt eine Zulassung erneut ab.

Zahlreiche Indikationserweiterungen

Bei seinem Juli-Meeting hat der CHMP nicht nur zahlreiche Zulassungsempfehlungen für neue Medikamente ausgesprochen, auch viele ältere Arzneimittel stehen künftig für zusätzliche Indikationen zur Verfügung:

  • Abseamed® (Epoetin alfa, Medice Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG)

  • Binocrit® (Epoetin alfa, Sandoz GmbH)

  • Blincyto® (Blinatumomab, Amgen Europe B.V.)

  • Darzalex® (Daratumumab, Janssen-Cilag International NV)

  • Epoetin alfa Hexal® (Epoetin alfa, Hexal AG)

  • Kalydeco® (Ivacaftor, Vertex Pharmaceuticals (Europe) Ltd)

  • Mekinist® (Trametinib, Novartis Europharm Limited)

  • Nucala® (Mepolizumab, GlaxoSmithKline Trading Services Limited)

  • Tafinlar® (Dabrafenib, Novartis Europharm Limited)

  • Xarelto® (Rivaroxaban, Bayer AG)

  • Keytruda® (Pembrolizumab, Merck Sharp & Dohme B.V.)

Die beantragte Indikationserweiterung für Opdivo® (Nivolumab, Bristol-Myers Squibb Pharma EEIG) und Yervoy® (Ipilimumab, Bristol-Myers Squibb Pharma EEIG) – als Kombinationtherapie beim Nierenzellkarzinom – wurde dagegen abgelehnt. Ebenso wie die Erweiterung der therapeutischen Indikation von Blincyto® (Blinatumomab, Amgen Europe B.V. ) auf Patienten, die nach Behandlung einer akuten lymphoblastischen Leukämie aus B-Vorläuferzellen noch eine minimale Resterkrankung aufweisen.

Das Prostatakrebs-Medikament Xofigo® (Radium-223-Dichlorid) soll künftig nur noch bei Patienten zum Einsatz kommen, die bereits 2 andere Therapien hinter sich haben oder bei denen andere Therapien nicht möglich sind. Der CHMP folgt mit dieser Empfehlung dem Ergebnis einer Risikobewertung durch den Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC).

Zurückgezogene Anträge

Der Hersteller von Raligize (Axalimogen Filolisbac, FGK Representative Service GmbH), einem Medikament zur Behandlung von Zervixkarzinomen, hat den Zulassungsantrag zurückgezogen. Weiterhin wurden die Anträge zurückgezogen, Opdivo® (Nivolumab, Bristol-Myers Squibb Pharma EEIG) künftig auch bei Magenkarzinomen und Sutent® (Sunitinib, Pfizer Limited) auch bei Nierenkarzinomen mit hohem Rezidivrisiko nach Operation einzusetzen.

Doch kein Aus für HES

Infusionslösungen mit Hydroxyethylstärke (HES) für die Volumenersatztherapie bleiben – unter Einhaltung strikter Sicherheitsmaßnahmen – auf dem Markt. Der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) hatte sich im Januar und erneut im Mai eigentlich für einen Entzug der Zulassung in Europa ausgesprochen, da die Lösungen bei Sepsis- und Intensivpatienten mit einem erhöhten Risiko für Nierenversagen und Mortalität verbunden sind.

Doch die Coordination Group for Mutual Recognition and Decentralised Procedures – Human (CMDh), durch deren Hände die Empfehlungen des PRAC gehen, bevor sie von der Europäischen Kommission in Kraft gesetzt werden, hat entschieden, dass die Infusionslösungen weiter zur Verfügung stehen sollen - unter der Voraussetzung, dass zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden. Am 17. Juli hat die Europäische Kommission der Entscheidung des CMDh zugestimmt, sie ist für alle EU-Staaten rechtlich bindend.

Die CMDh stimmt zwar der Einschätzung des PRAC zu, dass HES-haltige Infusionslösungen ein ernstzunehmendes Risiko für Sepsis- und Intensivpatienten bergen. Doch nach eingehender Abwägung kommt die Gruppe zu dem Schluss, dass neue Maßnahmen zur Risikominimierung durchaus sicherstellen können, dass die Lösungen bei gefährdeten Patienten nicht eingesetzt werden.

HES: Neue Sicherheitsmaßnahmen

Folgende Maßnahmen sieht die CMDh vor: Die Hersteller HES-haltiger Infusionslösungen werden angewiesen, ein Programm zu entwickeln, welches den Zugang zu den Infusionslösungen regelt und sicherstellt, dass nur akkreditierte Krankenhäusern damit beliefert werden. Für eine Akkreditierung muss medizinisches Fachpersonal vorhanden sein, welches speziell im sicheren Umgang mit HES-haltigen Infusionslösungen geschult wurde.

Außerdem sollen Warnhinweise auf der Verpackung der Infusionslösungen aber auch ganz oben in der Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels das medizinische Fachpersonal daran erinnern, dass die Lösungen nicht bei Intensiv- und Sepsispatienten sowie denjenigen mit beeinträchtigter Nierenfunktion eingesetzt werden dürfen.

Darüber hinaus werden Ärzte ein direktes Anschreiben erhalten, welches garantieren soll, dass sie sich darüber bewusst sind, unter welchen Bedingungen die Infusionslösungen eingesetzt werden dürfen und welche Patientengruppen sie keinesfalls erhalten dürfen.

Und letztlich müssen die Hersteller der Infusionslösungen Studien durchführen, um zu überprüfen, ob unter den neuen Sicherheitsmaßnahmen wirklich nur diejenigen Patienten HES-Lösungen erhalten, für die sie geeignet sind.

 

Kommentar

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